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Experte: Wir wissen nicht, wann Long Covid endet


Experte: "Können einigen keine Perspektive mehr geben"


08.07.2021Lesedauer: 5 Min.
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Long-Covid: Viele Menschen finden nach einer Corona-Infektion nicht mehr in den Alltag zurück. (Symbolfoto)
Long-Covid: Viele Menschen finden nach einer Corona-Infektion nicht mehr in den Alltag zurück. (Symbolfoto) (Quelle: Westend61/imago-images-bilder)
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Auch nach einem milden Krankheitsverlauf leidet etwa jeder zehnte Corona-Infizierte an Spätfolgen. Mit dem sogenannten Long-Covid beginnt für diese Menschen oft ein endlos erscheinendes Leiden.

SARS-CoV-2 bleibt auch mehr als anderthalb Jahre nach seinem ersten Auftreten in weiten Teilen ein Rätsel. Bei einigen Menschen verläuft die Infektion mit dem Coronavirus ohne Symptome, einige zeigen Tage oder Wochen leichte Erkältungssymptome, andere müssen auf der Intensivstation über Wochen künstlich beatmet werden.


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Und dann gibt es die Menschen, die auch nach milden oder mittelschweren Verläufen über Monate nach der Infektion mit den Folgen zu kämpfen haben. Diese Long-Covid-Patienten behandelt Dr. Helge Matrisch. Er ist Ärztlicher Direktor der Asklepios Reha-Klinik im bayerischen Schaufling. t-online hat mit ihm gesprochen.

t-online: Herr Matrisch, in welchem Zustand kommen die Menschen zu Ihnen?

Helge Matrisch: Unterschieden werden muss hier zwischen Post- und Long-Covid-Patienten. Post-Covid-Patienten kommen nach einem schweren Krankheitsverlauf mit einer oft ein- bis dreiwöchigen Beatmung zu uns.

Diese Menschen kommen oft im Rollstuhl, sind durch die kritische Erkrankung ausgelaugt und können oftmals nicht einmal mehr ohne Hilfe an der Bettkante sitzen. Ihre Muskulatur ist kaum noch vorhanden. Diese Patienten versuchen wir über intensive Reha-Maßnahmen überhaupt erst einmal wieder in die Lage zu versetzen, im Alltag Selbstständigkeit zurückzugewinnen, also zum Beispiel mit dem Rollator wieder Gehfähigkeit zu erreichen.

Was ist mit den Menschen, die unter Long-Covid leiden?

Long-Covid-Patienten haben mitunter einen Krankheitsverlauf hinter sich, der nicht immer zu einem Krankenhausaufenthalt führte. Wir sehen in dieser Patientengruppe also auch mildere bis mittelschwere Covid-19-Verläufe, die Menschen gelten als "genesen".

Diese Patienten kommen im Schnitt drei bis sechs Monate nach dem Infekt, manchmal erst acht Monate danach. Es sind Menschen, die nach ihrer Infektion einfach nicht mehr in ihren normalen Alltag zurückfinden konnten. Sie leiden unter vielfältigen Symptomen.

Zwei große jeweils voneinander unabhängige Studien haben uns aber gezeigt, dass es wohl klassische Long-Covid-Symptome gibt: So sind zum Beispiel Schlaflosigkeit, Depressionen und Angststörungen, aber auch Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen recht typisch. Auch der oft zitierte Geruchs- und Geschmacksverlust kommt in dieser Gruppe nicht selten vor. Bei einigen besteht auch eine eingeschränkte Sauerstoffanreicherung im Blut durch die Lunge, die vorher noch nicht diagnostiziert wurde.

Diese Patienten werden dann, nach einem oft längeren Leidensweg, zu uns überwiesen. Sie sind manchmal so erschöpft, dass ihnen schon der Weg zum Essen in der Klinik zu viel ist.

Welche Altersgruppen betrifft das?

Die Post-Covid-Patienten sind in der Regel 55 oder älter. Die Long-Covid-Patienten sind oftmals jünger. Der Anteil an Männern und Frauen ist nach meiner Erfahrung in etwa gleich.

Was ist es, was die Behandlung so schwierig macht?

Die Krankheit ist einfach noch nicht lange genug erforscht. Sie können diesen Menschen manchmal keine Perspektive geben. Sie können nicht sagen: In ein paar Monaten oder einem Jahr oder länger ist das bei Ihnen vorbei. Wir wissen es nicht. Die Rehabilitation ist für solche Patienten auch ein erster Schritt, sich wieder im Alltag zurechtzufinden, ihnen einen geschützten Raum zur Erholung zu geben.

Keine Perspektive zu haben, macht sicher große Angst ...

Natürlich, die Angststörungen, die wir sehen, haben zum einen damit zu tun, dass diese Menschen durch die Virusinfektion aus ihrem Leben gerissen wurden und einfach nicht wissen, wie oder ob sie überhaupt in ihren normalen Alltag zurückkehren können. Zum anderen macht natürlich auch große Angst, dass ihnen niemand mit Sicherheit sagen kann, wann ihre Symptome enden.

Wie erklären Sie sich Long-Covid?

Zu vermuten ist, dass ehemalige Covid-19-Patienten an einer andauernden schädlichen Immunreaktion leiden. Darauf weist beispielsweise ganz aktuell die Recover-Studie aus Erlangen hin: Es scheint Gefäß- oder Gefäßwandentzündungen zu geben, die permanent im Körper präsent bleiben. Das schwächt den Körper, er ist chronisch erschöpft. Und das wirkt natürlich auf die Psyche zurück.

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Wie lange bleiben die Menschen dann in Ihrer Klinik?

Zwischen vier und acht Wochen. Diese Patienten brauchen diese Zeit zur Erholung und auch die Gespräche mit anderen Betroffenen, um sich wiederzufinden. Sie benötigen einen gewissen Rahmen und aktivierende Therapien. Das ist wichtig. Die Bewegung selbst hat positive Auswirkungen sowohl auf Abwehr-Prozesse im Körper als auch auf die Psyche.

Es gibt auch schwere kognitive Defizite bei den Patienten ...

Ja, es gibt eine Gruppe von Patienten, die sich teils einfache Dinge nicht mehr merken können. Ganz vereinzelt bestehen fast demenzielle Symptome. Diese Patienten leiden unter extremer Vergesslichkeit, haben Wortfindungsstörungen oder Orientierungsschwierigkeiten. Und das in einer mittleren Altersgruppe, die von einer altersbedingten Demenz weit entfernt ist.

Warum kommen viele Menschen so spät zu Ihnen – bis zu acht Monate nach ihrer Infektion. Das ist doch ein langer Leidensweg?

Ja, das ist es. Das liegt daran, dass es bislang keine einheitlichen Kriterien gibt, nach denen Long-Covid diagnostiziert werden kann. Es fehlen objektive Merkmale, anhand derer die Diagnose vereinfacht werden kann.

Einige Hausärzte tippen sicherlich erst einmal auf eine depressive Verstimmung und sehen nicht gleich einen Zusammenhang zur Corona-Infektion. Noch dazu fehlen dann in der Fläche spezialisierte ambulante Betreuungsangebote. Universitätskliniken in großen Städten bieten Long-Covid-Ambulanzen an, aber auf dem Land fehlt der Zugang dazu.

Dann wäre es wünschenswert, dass Hausärzte ein besseres Verständnis für die Problematik Long-Covid entwickeln ...

Das ist sicher zu einem guten Teil bereits der Fall, aber unseren Hausärzten mangelt es derzeit ja nicht an Aufgaben. Aber ja, eine gewisse Sensibilität für das Thema Long-Covid auch bei den Hausärzten ist für diese Patientengruppe sicher gut.

Aber auch die Patienten selbst sollten unbedingt über diese Langzeitfolgen gut Bescheid wissen. Wer weiß, dass er an Spätfolgen einer Corona-Infektion leiden könnte, sollte auch beim Arzt nachfragen, ob dieser die gleiche Einschätzung hat.

Es heißt, die Impfung kann auch Long-Covid-Patienten helfen. Sie verbessert die Symptome?

Das letzte Wort hierzu ist wohl noch nicht gesprochen. Gedanklich ist das aber durchaus nachvollziehbar. Zusätzlich zu den bislang entwickelten Antikörpern bekommt das Immunsystem einen neuen Reiz, ein Boost. Wenn das Virus zum Beispiel persistiert, also noch eine Rolle spielt, dann ergibt es auch Sinn, dieses Virus möglichst spezifisch immunologisch anzugehen. Nicht jeder Patient hat ja die gleiche Immunantwort, was wir auf den Intensivstationen leider sehen. Ich appelliere daher derzeit an alle meine Long-Covid-Patienten, auch als "Genesene" eine Impfung wahrzunehmen.

Herr Matrisch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Interview mit Helge Matrisch (7. Juli 2021)
  • Eigene Recherche
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