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Ende der Corona-Maßnahmen: Das sagen Experten zum "Freedom Day"

Experten warnen vor "Freedom Day"  

Erst dann könnten alle Maßnahmen fallen

Von Sandra Simonsen und Melanie Rannow

21.10.2021, 10:30 Uhr
Ende der Corona-Maßnahmen: Das sagen Experten zum "Freedom Day". Konzert in Dänemark (Symbolbild): Kommt auch in Deutschland bald der "Freedom Day"? (Quelle: imago images/Gonzales Photo)

Konzert in Dänemark (Symbolbild): Kommt auch in Deutschland bald der "Freedom Day"? (Quelle: Gonzales Photo/imago images)

Die sogenannte epidemische Lage nationaler Tragweite könnte Ende November auslaufen. Darüber wird in der Politik diskutiert. Doch Experten halten das für gar keine gute Idee. 

Seit eineinhalb Jahren gilt in Deutschland eine bundesweite Corona-Notlage. Diese ermöglicht es Bundesregierung und Landesregierungen, ohne Zustimmung von Parlamenten Corona-Maßnahmen anzuordnen. Nun wird vorgeschlagen, die Notlage zum 25. November auslaufen zu lassen. Auch ein "Freedom Day" wie in Großbritannien oder Dänemark wird diskutiert.

t-online hat mit Experten über die Pläne gesprochen. Wo sehen sie Gefahren und was könnten alternative Lösungen sein? 

Was bedeutet ein Ende der "epidemischen Lage nationaler Tragweite"?

Das Ursprungsargument dafür war im März 2020: Infektionsschutz ist zwar Sache der Bundesländer, aber diese Krise muss vom Bund gemanagt werden. Die "epidemische Lage" ermächtigte das Bundesgesundheitsministerium im Infektionsschutzgesetz, ohne große Abstimmung, Verordnungen zu erlassen. Mit dem Ende dieser Lage würden zwar nicht automatisch alle Corona-Maßnahmen wegfallen, denn die Ländern könnten in Abstimmung mit ihren Parlamenten die bisherigen Regelungen beibehalten.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern bei den Maßnahmen dürften sich allerdings weiter verstärken. Vermutlich werden die Maßnahmen eher tröpfchenweise und regional unterschiedlich Richtung Frühjahr fallen, als dass es in Deutschland einen "Freedom Day" wie in anderen Ländern gibt.

Was ist ein "Freedom Day"? 

Der Begriff stammt aus England, wo am 19. Juli die Corona-Maßnahmen weitgehend aufgehoben worden waren. Auch in Dänemark gab es bereits einen solchen Tag. Einige Experten warnen, dass die Bevölkerung das Auslaufen der bundesweiten Corona-Notlage als "Freedom Day" verstehen könnte.

Was sagen Experten zu den Plänen?

Mehrere Fachleute kritisieren, dass Spahns Ankündigung zum Ende der "epidemischen Lage" von den Menschen falsch aufgefasst werden könnte. Unschlüssige Ungeimpfte könnten sich ermuntert sehen, nun doch auf den Piks zu verzichten, da die Gefahr vermeintlich vorüber sei. "Das ist ein Signal, das von der Bevölkerung als 'Freedom Day' durch die Hintertür missverstanden werden kann", sagte Uwe Janssens, ehemaliger Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagte dagegen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): "Ich kann den Schritt nachvollziehen und halte das auch für unproblematisch."

Prof. Dr. Hajo Zeeb leitet seit Januar 2010 die Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Zeeb promovierte an der RWTH Aachen zum Dr. med. und arbeitete einige Jahre als Arzt in deutschen und englischen Kliniken, bevor er für drei Jahre als Medical Officer nach Namibia ging. 

Der Epidemiologe Dr. Hajo Zeeb erklärt auf Anfrage von t-online, das Beenden der epidemischen Lage bedeute noch nicht das Ende der Epidemie, sondern zunächst einmal ein Herunterfahren der administrativen und politischen Schnelligkeit und Entscheidungsregeln. "Natürlich setzt man damit ein Signal, aus meiner Sicht wäre es aber klug, mit diesem Signal vorsichtig umzugehen und auf weiter notwendiges angepasstes Verhalten und vor allem auch weiterhin Bemühen um höhere Impfraten hinzuweisen", bekräftigt er. 

Der Winter werde sehr wahrscheinlich höhere Infektionszahlen mit sich bringen. Zeeb schätzt jedoch, "dass zumindest die Überlastung der Krankenhäuser keine echte Gefahr mehr darstellt", aber auch diese Zahlen (Hospitalisierung, Sterblichkeit) könnten nochmal ansteigen, wie man beispielsweise in Großbritannien sieht. "Ein weiterer Grund, eine gesunde Vorsicht walten zu lassen", so Zeeb.

Epidemiologe: "Wir erwarten nochmal sehr hohe Fallzahlen"

Auch der Epidemiologe Markus Scholz von der Universität Leipzig erwartet "noch mal eine hohe Welle in der Herbst-/Wintersaison 2021/22". Die Pandemie könne deshalb auch mit einem Aufheben der Notlage nicht für beendet erklärt werden.

Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)
Prof. Dr. Markus Scholz leitet am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE) der Universität Leipzig eine Arbeitsgruppe zur Genetischen Statistik und Systembiologie. Seine Arbeitsgruppe untersucht aktuell die Corona-Pandemie.

"Aufgrund der unzureichenden Impfquote und der Tatsache, dass der Impfschutz gegen Infektionen mit der Zeit stark abnimmt, erwarten wir noch mal sehr hohe Fallzahlen", sagt Scholz t-online.

Auch der Schutz vor schweren Verläufen nehme allmählich ab, sodass es jetzt wichtig wäre, mit den Booster-Impfungen voranzukommen, so der Experte. "Davon wird abhängen, wie viele Todesopfer noch zu erwarten sind."

Ist es zu früh für einen "Freedom Day"?

Für einen "Freedom Day" in Deutschland wäre es daher "viel zu früh". Vor allem vor der anstehenden Herbst-/Wintersaison sei das Aufheben der Corona-Maßnahmen eine ganz schlechte Idee, so Scholz.

Länder wie Großbritannien und Dänemark, die bereits alle Corona-Regeln haben fallen lassen, stehen auch besser da. "Großbritannien hat eine stärkere Immunität aufgrund größerer Durchseuchung und Dänemark eine höhere Impfquote", erklärt Scholz. Doch die Entwicklung in Großbritannien sei beunruhigend, da es zu immer mehr Impfdurchbrüchen mit teils schweren Verläufen komme.

Auch Hajo Zeeb erklärt: "Persönlich halte ich von einem 'Freedom Day' wenig, aber das ist Geschmackssache – es geht hier nicht um Freiheit oder Unfreiheit, sondern um Schutz vor gesundheitlichen Bedrohungen. Einerseits seitens des Virus, aber eben auch aufgrund der Einschränkungen, die vielen Menschen nachweislich physisch und psychisch zu schaffen machen."

Wann wäre ein passender Zeitpunkt für das Aufheben aller Corona-Maßnahmen?

Wenn die Impfquote noch mal ansteige und 80 Prozent der Bevölkerung voll geimpft wären, könne man über die Aufhebung der Maßnahmen reden, sagt Zeeb. Aber: "Es muss klar kommuniziert werden, dass wir weiter mit Corona zu tun haben und auch Erkrankungen auftreten – das wird bleiben."

Epidemiologe Scholz meint: "Aufgrund der hohen Saisonalität wäre etwa April 2022 ein geeigneter Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Wir werden langfristig mit dem Virus leben müssen und brauchen dafür voraussichtlich regelmäßige Impfungen vor der Herbst-/Wintersaison – so wie bei Grippe auch."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Experten-Anfragen Hajo Zeeb, Markus Scholz
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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