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Mathematiker: Corona-Krise in Deutschland könnte in einem Jahr vorbei sein


Corona-Zukunft
"Die Ungeimpften halten die Geimpften im Würgegriff"


Aktualisiert am 26.01.2022Lesedauer: 4 Min.
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Deutschland in der Omikron-Welle: Teststellen und Testlabore sind überlastet.Vergrößern des Bildes
Deutschland in der Omikron-Welle: Teststellen und Testlabore sind überlastet. (Quelle: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow/dpa)

Was bedeutet die besonders ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus für uns? Ein Mathematiker wirft einen Blick auf die Zahlen – und gibt eine Prognose, wann die Pandemie bei uns enden könnte.

Omikron verbreitet sich rasend schnell. Wie gefährlich kann die Virusvariante noch werden? Und leitet sie wirklich den Weg zur Endemie ein? t-online hat beim Mathematiker Kristan Schneider nachgehakt, der zur Modellierung epidemiologischer Prozesse forscht.

t-online: Herr Schneider, wo befinden wir uns eigentlich in der Pandemie? Können wir den Zahlen trauen, die wir präsentiert bekommen – oder ist die Durchseuchung viel weiter fortgeschritten?

Kristan Schneider: Wir müssen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Das hängt zum Beispiel damit zusammen, dass Antigentests bei Omikron nicht so gut anschlagen und viele Geimpfte sich nicht mehr testen. Damit laufen diese Infektionen im Grunde unter dem Radar. Unter Omikron verschärft sich das Problem, denn diese Variante ist nicht nur viel ansteckender. Der Schutz vor der Infektion ist bei den Impfstoffen zudem enorm reduziert. Viele Geimpfte können das Virus also weitertragen, ohne dass sie überhaupt wissen, dass sie infiziert sind. Das ist ein Kernproblem.

Bremen, das Land mit der höchsten Impfquote, hat eine mehr als dreimal so hohe Inzidenz wie Sachsen, wo die Impfquote am niedrigsten ist. Viele denken deshalb: Die Impfungen bringen ja nichts. Zu Recht?

Das ist eine verzerrte Wahrnehmung. Hier spielen vor allem zwei Dinge eine Rolle: Zum einen gelten in Sachsen in vielen Regionen sehr strikte Kontaktbeschränkungen. Sie sind immer das effektivste Mittel zur Viruseindämmung. Zum anderen hat Bremen mehr internationalen Austausch, dadurch wurde die Omikron-Variante früher eingeschleppt und breitet sich entsprechend früher rasant aus. Omikron ist in Sachsen in dem Umfang noch nicht angekommen.

Kristan Schneider berechnet die Pandemie und ihre Folgen.
Kristan Schneider berechnet die Pandemie und ihre Folgen. (Quelle: Helmut Hammer)

Kristan Schneider ist Mathematik-Professor an der Hochschule Mittweida. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Modellierung epidemiologischer Prozesse.

Omikron könnte in den Augen vieler Experten die endemische Situation einleiten. Die Virusvariante kann sich stark verbreiten, führt aber zu weniger schweren Krankheitsverläufen. Wie sehen Sie das?

Zunächst mal: Omikron ist nicht ungefährlich. Das scheint nur so, weil so viele geimpft sind. Die Krankenhausbelegungen in den USA und unter Minderjährigen in Großbritannien sagen, wie gefährlich Omikron ist. Mit stark steigenden Fallzahlen werden wir auch mehr Krankheits- und Todesfälle sehen. Denn dann trifft das Virus auch diejenigen, deren Immunschutz nicht gut entwickelt wurde, genau die sind das Problem.

Was könnte das konkret bedeuten?

Mit jeder Dekade nimmt die Sterblichkeit im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu. Omikron ist so ansteckend, dass sich früher oder später jeder ansteckt. Bei 83 Millionen Menschen und täglich 500.000 Neuinfektionen würde das 166 Tage oder 5,5 Monate dauern. Wenn die Mortalitätsrate bei Omikron ein Prozent wäre, würden über 166 Tage täglich 5.000 Menschen sterben. Das würde auch in der Endemie nicht anders sein. Wäre konstant ein Prozent der Bevölkerung in der Endemie aktiv infiziert, hätten wir jeden Tag ca. 60.000 Neuinfektionen und 600 Todesfälle. Und dann wissen wir auch noch nichts über Long-Covid unter Omikron.

Aber die Prognose ist: Omikron wird durchrauschen, es findet also derzeit eine Durchseuchung statt.

Ja, über kurz oder lang wird jeder mit dem Virus in Kontakt gekommen sein. Entweder geimpft oder ohne Schutz infiziert.

Daran ändern auch unsere Maßnahmen nichts?

Ohne jegliche Maßnahmen müssten wir von Millionen Neuinfektionen am Tag ausgehen. Damit wird klar: Auch bei milderen Krankheitsverläufen würde das die kritische Infrastruktur an ihre Grenzen bringen. Wir können nur versuchen, diese Welle durch Kontaktbeschränkungen abzuflachen. Sie bleiben das einzig wirksame Mittel.

Millionen Neuinfektionen pro Tag?

Ja, klar. Dieses Virus würde extrem schnell durchlaufen, wenn wir es zuließen. Aber dann stünden wir auch schnell vor dem Kollaps. Es wäre auch naiv zu glauben, es wäre dann vorbei. Steigen die Fallzahlen, kommt es zu einer Vielzahl von womöglich ansteckenderen und gefährlicheren Varianten. Wir sehen das gerade bei dem BA.2-Omikron-Untertyp. Der ist gefährlicher und in Dänemark womöglich schon dominant.

Was würde eine Impfpflicht bringen?

Sie könnte uns im Extremfall bis zu mehr als 100.000 Tote ersparen. Ich bin klar für eine Impfpflicht. Denn im Augenblick halten die Ungeimpften die Geimpften im Würgegriff. Rechnet man den Anteil der Kinder unter fünf Jahren heraus, für die es aktuell keinen Impfstoff gibt, sprechen wir von einem Fünftel der Bevölkerung. Von denen sind viele impfwillig, insbesondere Jugendliche. Wirkliche Impfverweigerer gibt es wenige, aber diese Minderheit bedingt die Maßnahmen, die wir aufrechterhalten müssen, um sie zu schützen. Das kann dauerhaft nicht weitergehen.

Wie ist Ihre Prognose: Wann endet die Pandemie?

Hierzulande wird die Epidemie in etwa einem Jahr enden, dann ist das Virus keine Gefahr mehr für die Gesellschaft. Infektionskrankheiten dieser Größenordnung brauchen etwa drei Jahre bis zu ihrem Ende. Im ersten Jahr kommen sie, dann walten sie ein Jahr lang und dann braucht es ein Jahr, bis sie uns wieder verlassen.

Dann ist Corona aber weltweit nicht besiegt?

Nein, dann haben wir in Deutschland einen guten Immunschutz aufgebaut. Das heißt nicht, dass uns nicht neue Varianten aus den ungeimpften Teilen der Weltbevölkerung heimsuchen können.

Und wie endet so eine Epidemie?

Es wird da keinen Stichtag geben. Das wird ein schleichender Prozess sein. Immer mehr Maßnahmen werden aufgehoben, bis eine Normalität erreicht ist. Aber klar ist: Auch endemisch wird dieses Virus weiter zu Krankheit und leider auch zum Tod führen.

Herr Schneider, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Transparenzhinweis
  • Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.
Verwendete Quellen
  • Interview mit Kristan Schneider
  • Eigene Recherche
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