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Lockerung der Quarantäne-Regeln? Experte: "Wohl ein schlechter Aprilscherz"


Experte: "Das ist wohl ein schlechter Aprilscherz"


Aktualisiert am 04.04.2022Lesedauer: 3 Min.
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Fußgängerzone in Stuttgart: Wie viel Sorglosigkeit können wir uns leisten?Vergrößern des Bildes
Fußgängerzone in Stuttgart: Wie viel Sorglosigkeit können wir uns leisten? (Quelle: IMAGO / Arnulf Hettrich)

Nach dem Wegfall der meisten Corona-Schutzmaßnahmen soll nun auch die Quarantänepflicht nach einer Infektion gelockert werden. Wohin steuern wir? Ein Experte mahnt dringend zur Vorsicht.

Deutschland macht sich frei. In den meisten Bundesländern wurde am Wochenende die Mehrzahl der Anti-Corona-Maßnahmen aufgehoben. Nun hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auch eine Lockerung der Quarantäneregeln ins Spiel gebracht.

Die Absonderung soll für Infizierte und Kontaktpersonen auf fünf Tage verkürzt und nicht mehr streng gehandhabt werden. Empfohlen werden soll, freiwillig Kontakte zu reduzieren und – beginnend nach fünf Tagen – wiederholt Tests oder Selbsttests zu machen. t-online fragte den Mathematiker Kristan Schneider nach seiner Einschätzung. Er modelliert die Corona-Pandemie.

t-online: Herr Schneider, was halten Sie von dem Vorschlag von Karl Lauterbach, die Quarantänepflicht zu verkürzen beziehungsweise sogar weitgehend auf Freiwilligkeit zu setzen?

Kristan Schneider: Ich halte das für einen schlechten Aprilscherz. Das wäre so sinnvoll, wie wenn man sich freiwillig an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten kann und freiwillig entscheiden würde, ob man zahlen will oder Punkte in Flensburg bekommt, wenn man geblitzt wurde. Wir haben am Anfang der Pandemie in Schweden gesehen, dass Appellieren an die Vernunft der Bevölkerung nichts bringt. Jetzt begeht man denselben Fehler.

Was steckt dahinter?

Im Grunde ist das Augenauswischerei. Man soll freiwillig entscheiden, ob man für fünf Tage in Isolation geht und kann sich nachher freitesten. Wenn die Isolation freiwillig ist, weshalb braucht man dann noch einen Test? Der müsste dann auch freiwillig sein. Abgesehen davon: Diese Regelung ist sozial nicht gerecht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass gerade Niedrigverdiener, die ohnehin schon unter schwierigen Arbeitsbedingungen leiden, einfach so in freiwillige Isolation gehen können. Umso mehr wundert es mich, dass dieser Vorstoß gerade von der SPD kommt.

Kristan Schneider
Kristan Schneider (Quelle: Helmut Hammer)


Kristan Schneider ist Mathematikprofessor an der Hochschule Mittweida, Sachsen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Modellierung epidemiologischer Prozesse.

Welche Folgen kann das haben?

Schon mit dem Ende der Maskenpflicht wurde das Signal gesetzt: "Corona ist vorbei." Das ist mitnichten so. Aber offenbar erreicht die Regierung die Menschen nicht mehr. Und das ist auch kein Wunder.

Was meinen Sie damit?

Schon die in der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes verankerte Hotspot-Regel ist im Grunde ein Schwarzer-Peter-Spiel. Wann ist ein Land ein Hotspot? Wann können also weitere Schutzmaßnahmen verhängt werden? Die Frage bleibt unbeantwortet. Der Bund stiehlt sich aus der Verantwortung, versetzt die Länder aber nicht ausreichend in die Lage, selbst zu handeln.

Schutzmaßnahmen sind unpopulär ...

Ja, aber mit diesem Vorgehen verliert sich die Virusbekämpfung schnell im Klein-Klein der Parteipolitik. Vernünftiger wäre es, der Bund würde nach transparenten Kriterien entscheiden, welche Länder Hotspots sind, und die Landesparlamente müssten das nur bestätigen. Dann wären die Landesregierungen in einer besseren Position gegenüber den Bürgern.

Wenn, wie jetzt, die Länder die volle Verantwortung tragen, geht das Schwarzer-Peter-Spiel weiter und die Verantwortung wird auf die Landkreise abgewälzt. Und wenn letztlich einzelne Kreise entscheiden sollen, ob sie nun Hotspot sind, wird das Ganze ab absurdum geführt. Dann wird man in der Pandemie handlungsunfähig.

Nun wird uns Omikron aber als Variante präsentiert, die allgemein harmloser ist. Vor diesem Hintergrund wurden die Lockerungen ja beschlossen.

Davor würde ich immer wieder dringend warnen. Das ist ein Trugschluss. Hier lohnt ein Blick nach Dänemark, wo ja die Maßnahmen Anfang Februar aufgehoben wurden. In dem Land sinken zwar die Inzidenzen, aber das hat natürlich mit der veränderten Teststrategie zu tun. Dort ist die Rate der Hospitalisierungen sehr hoch und die der Todesfälle auch. Fast jeder zweite Corona-Tote dort starb in der Omikron-Welle. Und das, obwohl die Impfquote in den vulnerablen Gruppen bei 95 Prozent liegt. Das ist eine Katastrophe.

Die Kassenärzte warnen außerdem schon jetzt schon vor einer Zunahme von Long-Covid, einfach aufgrund der hohen Infektionszahlen. Wenn zu viele Long-Covid-Patienten die Arztpraxen blockieren, leidet die gesundheitliche Grundversorgung.

Es scheint auch so, als gingen die Lockerungen jetzt Hals über Kopf ...

Ja, aber der Blick in die Nachbarländer reicht völlig, um zu begreifen, dass sich zu frühe Lockerungen nicht auszahlen.

Kann es dann doch sein, dass wir wieder zurückrudern müssen?

Das ist nicht ausgeschlossen und wir haben es auch schon in anderen Ländern gesehen.

Herr Schneider, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Transparenzhinweis
  • Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden.
Verwendete Quellen
  • Interview mit Kristan Schneider
  • Eigene Recherche
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