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Jungen bekommen die "bessere" Muttermilch

t-online, Simone Blaß

Aktualisiert am 06.05.2016Lesedauer: 4 Min.
Beim Stillen passt sich die Menge und Zusammensetzung der Muttermilch sogar dem Geschlecht des Kindes an.
Beim Stillen passt sich die Menge und Zusammensetzung der Muttermilch sogar dem Geschlecht des Kindes an. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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Dass sich die Zusammensetzung der Muttermilch immer genau den Bedürfnissen eines Babys anpasst, ist lange bekannt. Dass sie allerdings auch je nach Geschlecht des gestillten Säuglings Unterschiede aufweist, wissen die wenigsten. Studien zeigen, dass Jungs deutlich mehr Energie verabreicht bekommen: Ihre Milch erhält allein ein Viertel mehr Fett und ist reicher an Proteinen und Milchzucker als die für die Mädchen.

Fast 25 Kalorien (kcal) pro 100 Milliliter mehr - das macht über den Tag gerechnet einiges an Zusatzenergie aus. Doch nicht erst bei der Zusammensetzung der Muttermilch konnte man Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Babys finden. Der mütterliche Körper scheint sich bereits während der Schwangerschaft regelrecht darauf vorzubereiten, einen Jungen zu ernähren. Der Busen wächst stärker und die Kalorienzufuhr von Jungs-Müttern ist um rund zehn Prozent erhöht.

Welche pränatalen chemischen Reize oder hormonellen Signale dazu führen, dass sich Schwangere unbewusst systematisch auf die größere Anstrengung, einen Sohn zu ernähren, einstellen, weiß man noch nicht. Und auch nicht, warum das so ist. Es gibt aber eine ganze Menge Theorien. Eine davon: Aus evolutionärer Sicht lohnt sich die Investition in einen Jungen mehr, da dieser stärker zur Verbreitung der eigenen Gene beitragen kann - schließlich kann er deutlich mehr Kinder zeugen als Frauen Kinder austragen können. Die Rendite ist also höher.

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Jungs aufzupäppeln stärkt den Genpool

Laut Ralph Dawirs, Entwicklungsneurobiologe an der Universität Erlangen-Nürnberg, könnte auch ein anderer Grund dahinterstecken: "Männer sind gegenüber den robusteren Weibchen schon im Mutterleib eher etwas schwach auf der Brust und anfällig."

Da die zweigeschlechtliche Fortpflanzung aber den entscheidenden Vorteil genetischer Neukombinationen bringt und so die Widerstandskraft der Population erhöht wird, lohne es sich besonders für die Frauen, die von Natur aus etwas schwächelnden männlichen Artgenossen schon früh aufzupäppeln. "Im Gegensatz zu den Weibchen haben die das wohl bitter nötig."

Mädchen bekommen mehr Muttermilch

Die Jungs bekommen zwar energiereichere Muttermilch, die Mädchen dafür mehr, auch das zeigen Studien der Harvard University. Ähnliche Ergebnisse fanden Forscher auch bei anderen Säugetieren. Eine Studie mit knapp 1,5 Millionen Kühen hat gezeigt, dass die Mutter, selbst wenn man ihr das Kalb gleich nach der Geburt wegnahm, deutlich mehr Milch produzierte, wenn dieses weiblich war.

Auch bei den Rhesusaffenmamas hat man genauer hingesehen und festgestellt, sie produzieren nicht nur deutlich mehr Milch für ihre weiblichen Nachkommen, diese ist auch viel kalziumhaltiger. Sie sollen sich, so die Schlussfolgerung der Forscher, schneller entwickeln und früher geschlechtsreif werden.

Da der Fortpflanzungsfähigkeit der Männchen durch das Alter keine Grenzen gesetzt sind, werden diese lieber mit mehr Energie versorgt, um sie für wilde Spiele zu stärken und daraus zu lernen, eine gute Position im Rudel einzunehmen. Was wiederum wichtig ist, um möglichst viel Nachwuchs zu haben. Letztendlich geht es der Natur also immer nur um eines: Vermehren unter den besten Bedingungen.

Muttermilch ist Functional Food

Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, Wasser, Vitamine, Mineralien - Muttermilch ist das reinste Functional Food. Wobei sie der weibliche Körper immer den entsprechenden Bedürfnissen des "Konsumenten" anpasst. Manche Milchstoffe, die nur schwer aufzuspüren sind, entfalten ihre Wirkung bereits in ganz kleinen Mengen.

Man vermutet, dass durch sie Signale zum Beispiel ans Gehirn oder das Immunsystem gesendet werden. Die Darmzellen des Kindes gelten dabei als Vermittler. Robert Chapkin, ein texanischer Biochemiker, konnte nachweisen, dass sich die Genaktivität dieser Zellen stark verändert, abhängig davon, ob das Baby gestillt wird oder nicht. Die Forschungen gehen so weit, dass sie nicht nur einen gewissen Zusammenhang zwischen Stillen und Intelligenz, sondern auch zwischen Stillen und Charakter herstellen.

Sind ungestillte Jungs sanfter?

Womit wir wieder bei den Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Babys wären. Auch hier müssen die Affen herhalten: Makakenweibchen fügen der Milch ihrer Söhne mehr Stresshormone bei, machen sie so aggressiver und hoffen dadurch auf mehr Enkel.

Beim Menschen konnten solche Ergebnisse noch nicht im Detail nachgewiesen werden, aber die wissenschaftliche Tendenz ist eindeutig: Warum sollten gerade die Menschenmütter darauf verzichten, ihre Jungs "stark" zu machen? Schließlich darf man nicht vergessen, dass die biologischen Vorgänge, die für das Mischen der Milch zuständig sind, sich wie vieles andere in unserem Körper noch nicht eingestellt haben auf Zivilisation.

Würde es dann, von der anderen Seite betrachtet, zu einer friedlicheren Welt führen, wenn man darauf verzichtet, Jungs zu stillen? Eine Frage, die Ralph Dawirs im Gespräch mit t-online.de schmunzelnd verneint: "Jungs nicht zu stillen, wäre sicher kein Beitrag für den Weltfrieden! Im Gegenteil, ungestillte Kinder entwickeln mit höherer Wahrscheinlichkeit Störungen des Sozialverhaltens als ihre gestillten Artgenossen und stellen so als Männer eine potenzielle Gefahr für jeden, auch häuslichen Frieden dar."

Gibt es bald unterschiedliche Säuglingsnahrung für Mädchen und Jungs?

Jede Forschung, die uns mehr wissen bringt über die Zusammensetzung, die körpereigene Verarbeitung und vor allem die Wirksamkeit von Muttermilch, kommt auch der industriell hergestellten Säuglingsmilch zugute. Dazu erklärt Bernd Stahl, Leiter der Muttermilchforschung Milupa/Nutricia: "Anfang der 90er Jahre haben wir zum Beispiel langkettige ungesättigte Fettsäuren in der Muttermilch entdeckt, die eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Gehirns, des Nervensystems und des Sehvermögens spielen. Wir haben diese dann nach zahlreichen Studien in unserer Säuglingsmilch eingesetzt."

Auch er kennt die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass sich Muttermilch abhängig vom Geschlecht des Babys tatsächlich unterscheidet. "Wie sich diese Unterschiede jedoch konkret auf den Säugling auswirken, ist noch nicht vollständig erforscht." Es sei deshalb zu früh, Überlegungen hinsichtlich einer Veränderung der Rezeptur anzustellen.

Denn auch wenn die Nationale Stillkommission zu dem Schluss kommt, dass Muttermilch aufgrund ihrer exklusiven und vor allem sehr individuellen Zusammensetzung nicht durch industrielle Säuglingsmilch imitiert werden kann, ist letztere doch in vielen Fällen eine wichtige und oft auch die einzige Alternative.

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