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Die blutige Geburtsstunde eines Feiertags

Von t-online, sah, ron

Aktualisiert am 01.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Tag der Arbeit: Diese Geschichte steckt hinter dem Feiertag am Ersten Mai. (Quelle: t-online)
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Der Erste Mai – auch "Tag der Arbeit" oder Maifeiertag genannt – ist in Deutschland ein gesetzlicher Feiertag. Seine politischen Wurzeln hat der 1. Mai allerdings in den USA.

Das Wichtigste im Überblick


Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen LĂ€ndern weltweit – von Argentinien bis Zimbabwe, von der TĂŒrkei bis Tansania – gibt es den "Tag der Arbeit" am 1. Mai. In vielen Staaten ist er zudem ein gesetzlicher Feiertag.


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Ursprung 1. Mai: Schlechte Arbeitsbedingungen

Sein Ursprung geht zurĂŒck auf die US-amerikanische Arbeiterbewegung. Am 1. Mai 1886 riefen Handel- und Arbeitergewerkschaften zu einem mehrtĂ€gigen Generalstreik auf. HauptgrĂŒnde waren die schlechten Arbeitsbedingungen und die miese Bezahlung der Industriearbeiter.

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Dass die Aktion auf diesen Termin gelegt wurde, war allerdings kein Zufall. Am 1. Mai, dem sogenannten "Moving Day", liefen in den USA traditionell alte ArbeitsvertrÀge aus und es wurden neue geschlossen.

AchtstĂŒndiger Arbeitstag

HauptsĂ€chlich ging es den Streikenden darum, dass die tĂ€gliche Arbeitszeit auf acht Stunden verkĂŒrzt wird. DafĂŒr kĂ€mpfte die Arbeiterbewegung in den USA bereits seit den 1860er-Jahren. Damals gelang es den Gewerkschaften zwar, die Arbeitszeit von dreizehn auf zehn Stunden zu verkĂŒrzen.

Dennoch malochten die Arbeiter weiterhin unter schlechten Bedingungen fĂŒr das Land, das in der zweiten Welle der Industrialisierung zur weltweit fĂŒhrenden Wirtschaftsmacht aufstieg. Um den Achtstundentag endgĂŒltig durchzusetzen, beteiligten sich am ersten Tag des Generalstreiks in den USA rund 400.000 BeschĂ€ftigte aus 11.000 Betrieben. Ein Kundgebungsort war die Arbeiterstadt Chicago.

Bombenexplosion in Chicago

Am dritten Streiktag – es war der 3. Mai 1886 – kam es dort am Chicagoer Haymarket Square bei einer Kundgebung zu einem blutigen Zwischenfall. Nach offiziellen Angaben warfen Anarchisten und linke Radikale eine Splitterbombe auf Polizeibeamte. Das Chaos brach aus. Die Polizei eröffnete das Feuer. Einige Demonstranten schossen zurĂŒck.

Am Ende des Tages waren sieben Polizisten und mindestens vier Arbeiter tot sowie Dutzende verletzt. Der Zwischenfall hatte ein juristisches Nachspiel. In einer Gerichtsverhandlung, der sogenannten "Haymarket Affair", wurden sieben Todesurteile gegen die AnfĂŒhrer gefĂ€llt, vier wurden vollstreckt.

Das blutige Ende des Streiks fĂŒhrte letztendlich doch dazu, dass ein Teil der Forderungen umgesetzt wurde. Seit dem 1. Mai 1890 haben die US-Amerikaner nach acht Stunden Arbeit frei.

Demonstrationen in Berlin, Dresden und Hamburg am 1. Mai

Nach dem Haymarket-Zwischenfall von 1886 wurde der 1. Mai zum Kampftag fĂŒr den Achtstundentag – auch in Europa. In Deutschland beteiligten sich 1890 bereits rund 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter an den Demonstrationen, zum Beispiel in Berlin, Dresden und Hamburg – trotz des sogenannten "Sozialistengesetzes".

Das seit 1878 gĂŒltige Dekret verbot sozialistische, sozialdemokratische und kommunistische Versammlungen, bei denen die soziale Lage angeprangert und das politische System infrage gestellt wurde.

Kanzler Bismarck (l) begrĂŒĂŸt Kaiser Wilhelm II.: Im Mai 1890 war in Deutschland noch das Bismarck'sche "Sozialistengesetz" in Kraft, das Versammlungen verbot.
Kanzler Bismarck (l) begrĂŒĂŸt Kaiser Wilhelm II.: Im Mai 1890 war in Deutschland noch das Bismarck'sche "Sozialistengesetz" in Kraft, das Versammlungen verbot. (Quelle: Archiv/dpa-bilder)

In Hamburg kam es zu einem besonders hart gefĂŒhrten Streik, an dem sich zeitweise bis zu 20.000 Arbeiter beteiligten. Er zog sich bis in den Sommer 1890 hin, jedoch ohne dass die Forderungen nach einem Achtstundentag durchgesetzt werden konnten.

Gesetzlicher Feiertag in Deutschland

In den folgenden Jahrzehnten engagierte sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) dafĂŒr, den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag durchzusetzen. Im April 1919 war es schließlich so weit: Die Nationalversammlung der Weimarer Republik erklĂ€rte den "Tag der Arbeit" erstmals deutschlandweit zum gesetzlichen Feiertag – allerdings nur fĂŒr das geltende Jahr.

1. Mai 1927 in Berlin: Auf dem Schlossplatz demonstrieren Arbeiter mit einem Lenin-Plakat und der Aufschrift "Lenin zeigt den Weg".
1. Mai 1927 in Berlin: Auf dem Schlossplatz demonstrieren Arbeiter mit einem Lenin-Plakat und der Aufschrift "Lenin zeigt den Weg". (Quelle: Archiv/dpa-bilder)

Zwar blieb der "Tag der Arbeit" in LĂŒbeck, Sachsen und Schaumburg-Lippe als gesetzlicher Feiertag bestehen, im ĂŒbrigen Deutschland wurde er jedoch wieder abgeschafft. Dennoch riefen die Gewerkschaften zu Maifeiern und politischen Aktionen auf.

1933: Nationalsozialisten missbrauchen "Tag der Arbeit"

Im Jahr 1933 fĂŒhrten die Nationalsozialisten den "Tag der Arbeit" erneut deutschlandweit als gesetzlichen Feiertag ein – missbrauchten ihn aber fĂŒr ihre eigene Propaganda, um die Arbeiterschaft auf ihre Ziele einzuschwören.

Adolf Hitler ließ die Gewerkschaften zerschlagen, ihre HĂ€user besetzen und FunktionĂ€re verhaften. Der 1. Mai war fortan als staatlich verordneter "Feiertag der Nationalen Arbeit" Hintergrund fĂŒr Paraden, AufmĂ€rsche und Leistungsschauen der deutschen Wirtschaft.

Der 1. Mai in Ost und West

Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, bestÀtigten die Alliierten den 1. Mai als Feiertag. Ost und West begingen dieses Datum allerdings recht unterschiedlich:

In der DDR war der 1. Mai der "Internationale Kampf- und Feiertag der WerktĂ€tigen fĂŒr Frieden und Sozialismus" – eine Pflichtveranstaltung, bei der die DDR-BĂŒrger an TribĂŒnen mit Parteimitgliedern und EhrengĂ€sten vorbeimarschieren mussten.

1. Mai 1987 in West-Berlin: Damals trafen sich rund 50.000 Teilnehmer vor dem ReichstagsgebÀude zur zentralen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
1. Mai 1987 in West-Berlin: Damals trafen sich rund 50.000 Teilnehmer vor dem ReichstagsgebÀude zur zentralen Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). (Quelle: Archiv/dpa-bilder)

In der BRD organisierten die Gewerkschaften die Maikundgebungen, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Die Demonstrationen wurden mit kulturellen Veranstaltungen kombiniert. Neben den Großveranstaltungen gab es seit Ende der 1980er-Jahre auch gewaltsame Demonstrationen autonomer Gruppen, vor allem in Berlin.

Deshalb versuchte die Polizei seit den 2000er-Jahren gezielt mit Familienfesten gegenzusteuern. So wurde 2003 das Berliner "Myfest" ins Leben gerufen, um Krawallen und gewalttÀtigen Ausschreitungen im Stadtbezirk Kreuzberg etwas entgegenzusetzen.

1. Mai 2020: Erstmals ohne DGB-Kundgebung

Bislang fanden am "Tag der Arbeit" immer Demonstrationen und Kundgebungen auf Straßen und PlĂ€tzen in Deutschland statt, die zum Beispiel der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) organisierte. Aufgrund der Corona-Krise hat der DGB 2020 jedoch keine Demos abgehalten – und das zum ersten Mal seit seiner GrĂŒndung im Jahr 1949. Gefordert wurde trotzdem – allerdings digital, in den sozialen Netzwerken und mit einer Live-Sendung. Das Motto lautete "Solidarisch ist man nicht alleine".

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Auch in diesem Jahr steht der 1. Mai im Zeichen der Corona-Pandemie. Deshalb will der DGB auch 2021 wieder einen Livestream senden. Das Motto der DGB-Gewerkschaften lautet dann "SolidaritÀt ist Zukunft".

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In Österreich und der Schweiz offizieller Feiertag

Heute ist der 1. Mai in vielen LĂ€ndern ein offizieller Feiertag – so auch in Teilen der Schweiz und in Österreich. Hier wie dort wird der Tag der Arbeit traditionell fĂŒr politische Aktionen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen genutzt. In seinem Ursprungsland, den USA, wird der "Tag der Arbeit" allerdings nicht als offizieller Feiertag begangen.

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