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Klimawandel: Neue Klima-Studie – Forscher warnen vor „planetarem Notfallzustand“


Forscher warnen vor "planetarem Notfallzustand"

Von Tim Blumenstein

Aktualisiert am 28.11.2019Lesedauer: 4 Min.
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Die Amundsee in der Westantarktis: Klimaforscher warnen davor, dass die Eisdecke in der westlichen Antarktis immer schneller schmilzt.
Die Amundsee in der Westantarktis: Klimaforscher warnen davor, dass die Eisdecke in der westlichen Antarktis immer schneller schmilzt. (Quelle: ZUMA Press/imago-images-bilder)
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Die Forscher sprechen von Kipppunkten: An ihnen entscheidet sich, ob das Klima unwiderruflich umschwenkt. Einige von ihnen könnten bereits überschritten sein. D

Das Erdklima könnte bereits an mehreren Stellen so geschädigt sein, dass dies unvorhersehbare Folgen für den Planeten haben könnte. Wie Klimaforscher in einem Kommentar im Wissenschaftsjournal Nature schreiben, verläuft der Prozess der Erderwärmung nicht geradlinig, sondern könnte sich an bestimmten Punkten bereits unumkehrbar beschleunigt haben. Das Risiko solcher unumkehrbaren Veränderungen sei bislang womöglich unterschätzt worden, heißt es in dem Artikel.

Grundlage dieser Annahme ist die Theorie der sogenannten "Tipping Points", übersetzt Kipppunkte. Kipppunkte sind Ereignisse wie der Verlust des Amazonas-Regenwaldes oder das Abschmelzen des arktischen Eisschildes. Sind bei einem solchen Prozess erst einmal bestimmte Schwellenwerte überschritten, beschleunigt sich die Erderwärmung immer weiter – unabhängig von allen dann noch getroffenen Maßnahmen.

Bisher wurde angenommen, dass solche Ereignisse erst bei einer Erderwärmung von fünf Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau eintreten können. Neueste Forschungsergebnisse zeigen nun jedoch, dass dies schon bei einer Erwärmung von ein bis zwei Grad passieren könnte.

Dem Planeten droht verheerende Klima-Kettenreaktion

Bereits jetzt hat sich der Planet um über ein Grad Celsius erwärmt, so die Forscher. Aufgrund bereits ausgestoßener Emissionen und der weiter steigenden Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre wird dieser Wert aber weiter steigen.

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Die Forscher betonen in dem Artikel, dass aufgrund der hohen Komplexität von Kipppunkt-Ereignissen ein großer Faktor der Unsicherheit besteht. So könnte ein Kipppunkt, zum Beispiel das Abschmelzen der Permafrostböden, Kettenreaktionen und Rückkopplungen zwischen Ökosystemen auslösen, deren Folgen nur schwer absehbar sind.

Eisdecke in der Antarktis immer dünner

Dafür gibt es nach ihrer Ansicht erste Hinweise. So könnte möglicherweise ein erster Kipppunkt bereits überschritten sein. Die Region der Amundsensee im südlichen Polarmeer gilt als eines der wichtigsten Eis-Entwässerungsbecken der westlichen Antarktis. Normalerweise ist hier die Eisdecke etwa drei Kilometer dick. Doch wie Satelliten- und Luftaufnahmen bereits 2017 zeigten, wird das Eis immer dünner. Der Grund dafür ist wärmeres Wasser, das unter der Eisschicht fließt.

Ein Zusammenbruch dieser Region könnte, das zeige ein Modell der Forscher, zu einer Destabilisierung der restlichen West-Antarktis führen. Das dann abtauende Eis würde eine Erhöhung des globalen Meeresspiegels von bis zu drei Meter bedeuten – jedoch in einem Zeitraum von Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden.

Forscher sitzen auf einem Hügel und blicken auf den Helheim-Gletscher: Von dem riesigen Gletscher in Grönland verschwinden jeden Tag ein paar Meter.
Forscher sitzen auf einem Hügel und blicken auf den Helheim-Gletscher: Von dem riesigen Gletscher in Grönland verschwinden jeden Tag ein paar Meter. (Quelle: Felipe Dana/ap-bilder)

Doch zeigen neueste Daten, dass die Amundsensee nicht der einzige bedrohte Teil der Antarktis ist. Auch das Wilkes-Becken in der Ost-Antarktis könne nach den Berechnungen der Forscher innerhalb von Jahrhunderten den Meeresspiegel um weitere vier Meter erhöhen. Ebenso beobachten die Wissenschaftler, dass die Eisschicht Grönlands immer schneller schmilzt. Ihre Modelle zeigten, dass die Eisdecke bereits im Jahr 2030 Geschichte sein könnte.

Anstieg des Meeresspiegels noch beeinflussbar

Jedoch betonen die Forscher, dass die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs noch beeinflussbar sei. Diese hänge stark von der Entwicklung der globalen Erwärmung ab. Bei 1,5 Grad Celsius könne es 10.000 Jahre dauern, bei zwei Grad schon weniger als 1.000 Jahre. Um besser berechnen zu können, wann und in welchem Ausmaß die Eisschilde zusammenbrechen könnten, fordern Klimaforscher bessere Modelle, basierend auf früheren und heutigen Daten.

Korallen am Great Barrier Reef, die von Korallenbleiche betroffen sind: Bei der Bleiche stoßen die Korallen Algen ab, die sonst mit ihnen in Symbiose leben – zurück bleibt das Skelett. (Archivbild)
Korallen am Great Barrier Reef, die von Korallenbleiche betroffen sind: Bei der Bleiche stoßen die Korallen Algen ab, die sonst mit ihnen in Symbiose leben – zurück bleibt das Skelett. (Archivbild) (Quelle: Daniel Naupold/dpa-bilder)

Ein anderer Kipppunkt ist laut der Forscher der nahezu vollständige Verlust der tropischen Korallen, die durch das zu warme Meerwasser ausbleichen und absterben. Sie prognostizieren, dass bei einer globalen Erwärmung von zwei Grad Celsius nahezu einhundert Prozent der tropischen Korallen absterben könnten. "Dies würde einen tiefgreifenden Verlust der Artenvielfalt im Meer und der Lebensgrundlagen des Menschen bedeuten", so der Kommentar der Forscher.

Auch der Rückgang des Amazonas-Regenwaldes und borealen Nadelwälder sowie das Auftauen der Permafrostböden könnten zu weiteren Beschleunigern des Klimawandels werden. Die Forscher sind der Auffassung, dass insgesamt nur noch 500 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen dürfen, um das ausgerufene Ziel des Pariser Klimaabkommens von 1,5 Grad Celsius einzuhalten.

Schwelle für Kettenreaktionen bereits überschritten?

Laut den Forschern ist die Bedrohung, die durch die Klimaveränderung entsteht, so groß und die Zeit zu handeln so kurz, "dass es angesichts der Gefahr keine verantwortungsvolle Option ist, sich zu irren". Man könne es sich bei jeder ernsthaften Risikobewertung nicht leisten, die bisherigen Erkenntnisse zu ignorieren – auch, wenn das Verständnis solcher Prozesse noch eingeschränkt ist. Deshalb fordern die Wissenschaftler dringende Gegenmaßnahmen.

"Möglicherweise haben wir die Schwelle für eine Kettenreaktion miteinander verbundener Kipppunkte bereits überschritten", sagt Timothy Lenton, Direktor des Global Systems Institutes der britischen Universität Exeter, gegenüber der englischen Zeitung "The Guardian". Er ist einer der Autoren des Kommentars, den er gemeinsam mit sechs weiteren Forschern aus Dänemark, Australien und Deutschland geschrieben hat. Darunter waren auch Hans Joachim Schellnhuber und Johan Rockström vom deutschen Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Planetarer Notfallzustand

"Die einfache Version ist, dass die Schulkinder, die für Klimaschutz streiken, recht haben: Wir sehen potentiell irreversible Veränderungen im Klimasystem bereits im Gange", sagt Lenton weiter. Als Wissenschaftler sehe er sich in der Verantwortung zu sagen, wie es wirklich ist. Als Schwarzmaler wolle er dabei nicht verstanden werden. "Ich versuche, das gesamte Problem des Klimawandels als Risikomanagement-Problem zu behandeln. Ich halte das für den gesunden Menschenverstand".

Auch Johan Rockström betonte anlässlich der Veröffentlichung den Ernst der Lage: "Wissenschaftlich gesehen ist dies ein starker Beleg für einen planetaren Notfallzustand". Er warnte von einem "unheilvollen Weg in die Erwärmung", der mit Kipppunkten "gepflastert" sei. Einige seien womöglich schon überschritten, ergänzte er.


Angesichts dieser Entwicklungen bekräftigen die Forscher am Ende ihres Kommentars, dass es unabdingbar sei, durch gemeinsames internationales Handeln die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen: "Die Stabilität und Belastbarkeit unseres Planeten ist in Gefahr. Internationales Handeln – nicht nur durch Worte – muss dies widerspiegeln".

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Verwendete Quellen
  • The Guardian: "Climate emergency: world may have crossed tipping points" (englisch)
  • Nature: "Climate tipping points – too risky to bet against" (englisch)
  • Mit Material der Nachrichtenagentur AFP
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