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Großbritannien: Boris Johnson spricht von guten Brexit – das stimmt nicht


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So redet Boris Johnson sich den Brexit schön

dpa, Benedikt von Imhoff

Aktualisiert am 03.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Boris Johnson (Archiv): Der Premierminister von Großbritannien sieht zentrale Errungenschaften des EU-Austritts.
Boris Johnson (Archiv): Der Premierminister von Großbritannien sieht zentrale Errungenschaften des EU-Austritts. (Quelle: imago-images-bilder)
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Vor einem Jahr hat Großbritannien die EU-Zollunion und den Binnenmarkt verlassen. In der Folge verschärfte der Brexit viele Probleme im Land – doch

Hört man Boris Johnson zu, haben sich alle Brexit-Erwartungen erfüllt: Handelsverträge mit 70 Staaten im Wert von 900 Milliarden Euro, angeblich unsinnige EU-Bürokratie abgeschafft und dadurch eine rasante Corona-Impfkampagne hingelegt sowie ein Einwanderungssystem für die klügsten Köpfe ausgetüftelt – dies seien die zentralen Errungenschaften des EU-Austritts, lobte sich der britische Premierminister an Neujahr selbst. Doch Experten schütteln den Kopf über die Auflistung.

"Seine Vermeidung der vielen Schwierigkeiten, Knackpunkte und Kosten deutet darauf hin, dass Großbritannien noch weit von einer ausgewogenen und wohlüberlegten Debatte über die Gestaltung der Beziehungen zur EU entfernt ist", sagte der Politologe Simon Usherwood von der Open University der Deutschen Presse-Agentur. Denn der Brexit ist noch längst nicht "done", erledigt, wie Johnson selbst indirekt einräumte. Eine Bestandsaufnahme.

► Handel: Der Unmut ist groß

Von den Verträgen, die der Premier nun so hervorhebt, ist bisher nur ein Deal mit Australien völlig neu ausgehandelt, ein weiterer mit Neuseeland steht bevor. Die übrigen spiegeln letztlich die EU-Abkommen. Doch der Unmut über die neuen Verträge ist groß. Britische Landwirte fürchten, durch billiges Fleisch aus Australien und Neuseeland vom Markt gedrängt zu werden. Das wichtigste Vorhaben – ein Freihandelsabkommen mit den USA – ist in weiter Ferne.

► Bürokratie: "Das sind nur Nischen"

Einige Branchen profitieren in der Tat, wie ein Diplomat eines EU-Landes in London anerkennt. Autonomes Fahren oder künstliche Intelligenz seien zwei Bereiche, in denen ohne strikte EU-Regeln mehr Möglichkeiten bestünden. Aber: "Das sind nur Nischen." Tatsächlich hat die Bürokratie zugenommen, bereits seit einem Jahr ist der Handel wegen notwendiger Dokumentation schwieriger geworden. Seit Jahresbeginn kontrolliert Großbritannien auch einige Importe aus der Europäischen Union strenger. Der Handel kleinerer Unternehmen mit der EU nehme dauerhaften Schaden, befürchtet der Tiefkühlkostverband BFFF.

Verbraucher: Regale blieben leer

Die Handelsprobleme haben konkrete Auswirkungen. Der Großteil frischer Lebensmittel stammt aus der EU, Regale blieben leer. Seit dem Brexit ist es wegen teurer Arbeitsvisa für Fachkräfte schwieriger, ins Land zu kommen. Das betrifft viele Branchen, in denen bisher vor allem EU-Bürger arbeiteten – von Transport über Fleischverarbeitung bis zur Gastronomie.

Leere Regale in einem Supermarkt (Archiv): Für viele LKW-Fahrer ist es nun schwieriger, ins Land zu kommen.
Leere Regale in einem Supermarkt (Archiv): Für viele Lkw-Fahrer ist es nun schwieriger, ins Land zu kommen. (Quelle: Hester Ng/Zuma/imago-images-bilder)

Migration: Noch keine Bewerbung auf Visum für Topwissenschaftler

Klasse statt Masse strebt Innenministerin Priti Patel an. Die ungehinderte Freizügigkeit will Patel stoppen und damit eine zentrale Forderung der Brexiteers umsetzen. Stattdessen sollen die klügsten Köpfe kommen. Doch gab es auf ein neues Sondervisum für wissenschaftliche Preisträger bisher keine Bewerbung. Zu Patels Unmut kamen weiterhin viele Migranten illegal über den Ärmelkanal. Die Zeitung "Independent" kommentierte, dies sei die größte Herausforderung für Johnson im neuen Jahr.

Konjunktur: Um vier Prozent geringeres BIP?

Noch überschattet die Pandemie viele Brexit-Sorgen. Eine klare Einschätzung, inwiefern der EU-Austritt verantwortlich für leere Kassen und enorme Steuererhöhungen ist, steht noch aus. Die Aufsichtsbehörde Office for Budget Responsibility (OBR) kommt aber zu dem Schluss, der EU-Austritt werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um vier Prozent verringern. Durch die Pandemie war es um zwei Prozent gesunken.

Nordirland: Johnson will Abmachung neu verhandeln

Noch immer gibt es keine Einigung über den Status der Provinz, die de facto weiterhin den Regeln der EU-Zollunion folgt. Das soll eine harte Grenze zum EU-Mitglied Irland und neue Konflikte in der früheren Bürgerkriegsregion vermeiden. Doch tatsächlich ist eine innerbritische Zollgrenze entstanden. Das ist London ein Dorn im Auge, weshalb Johnson die selbst vereinbarte Abmachung neu verhandeln will. Nicht ins Bild passt für ihn dabei, dass die aktuelle Regelung der nordirischen Wirtschaft einen Boom beschert hat. Weil Unternehmen problemlos mit Großbritannien und der EU handeln können, haben sie einen Vorteil gegenüber ihren britischen Konkurrenten.

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Nordirland erwähnte Johnson an Neujahr nicht, hingegen feierte er die Wiedereinführung des alten Eichmaßes, der Crown Stamp. "Wenn Kronen auf Pint-Gläsern wichtiger sind als der Status Nordirlands, ist es schwer vorstellbar, dass sich diese Regierung von ihren lang gehegten Neurosen über den Brexit abwendet", sagte Experte Usherwood. Dazu gehört auch das gestörte Verhältnis mit der EU.

Eine Annäherung sei nicht in Sicht, schrieb der Experte Anand Menon kürzlich. Im Brexit-Abkommen wird die Zusammenarbeit mit dem alten Partner nicht erwähnt, und die britische Regierung scheine kein Interesse an einer Kooperation zu haben. Außenministerin Liz Truss fällt vor allem damit auf, dass sie das Wort "EU" zu vermeiden sucht. "Global Britain" schielt nach neuen Partnern.

In Umfragen hat sich die öffentliche Meinung gewandelt. Auch ein großer Anteil von "Leave"-Wählern meint mittlerweile, dass der Brexit keine gute Idee war. Anders als bei seinem überwältigenden Wahlsieg 2019 sei der EU-Austritt kein Trumpf mehr für Johnson, so Menon. "Stattdessen könnten ihn die Folgen, sowohl im Inland als auch international, bald verfolgen."

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Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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