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Anschlag in Wien: "Große Gefahr, dass noch mehr Täter zuschlagen wollen"

INTERVIEWExperte erklärt  

"Wir erleben gerade einen Umbruch in der islamistischen Terrorszene"

03.11.2020, 12:47 Uhr
Anschlag in Wien: "Große Gefahr, dass noch mehr Täter zuschlagen wollen". Wien: Bewaffnete Polizisten nach einem Terrorangriff in der Innenstadt am 2. November 2020. (Quelle: imago images)

Wien: Bewaffnete Polizisten nach einem Terrorangriff in der Innenstadt am 2. November 2020. (Quelle: imago images)

Vier Passanten starben bei einem Terroranschlag in Wien, die Stadt ist im Ausnahmezustand. Experte Guido Steinberg erklärt, warum solche Angriffe eine stete Gefahr sind. Und auch Deutschland drohen.

Zahlreiche Verletzte, mindestens vier tote Passanten: Das ist die Bilanz eines Terroranschlags mit islamistischem Hintergrund in Österreichs Hauptstadt Wien. Auch ein Täter ist tot, erschossen von der Polizei. Die Sicherheitsbehörden ermitteln, auch ob es weitere Beteiligte gibt.

Es stellt sich die Frage, wie es zu dem Anschlag kommen konnte. Solche Angriffe lassen sich nur schwer verhindern, erklärt Guido Steinberg im t-online-Interview. Paradoxerweise gerade deshalb, weil Polizei und Sicherheitsbehörden ihre Arbeit gut gemacht haben, erklärt der Terror- und Islamismus-Experte. Von 2002 bis 2005 arbeitete Steinberg als Referent im Referat Internationaler Terrorismus im Bundeskanzleramt. Mittlerweile ist er für die Stiftung Wissenschaft und Politik tätig. Im Gespräch führt er aus, wie groß die Gefahr einer dschihadistischen Attacke jetzt in Deutschland ist.

t-online: Wie konnte dieser Anschlag passieren?

Guido Steinberg: Nach den Anschlägen in Nizza, Paris und Dresden ist klar: Wir erleben gerade eine regelrechte Welle von Attentaten. Für eine Bewertung ist es noch zu früh, weil nicht klar ist, ob der Täter alleine gehandelt hat oder ob er Verbündete hatte. Aber sicher ist: Es ist schwer, solche Attentate zu verüben, da hat sich jemand akribisch vorbereitet, hatte aber wahrscheinlich deutlich mehr Menschen töten wollen.

Terrorexperte Steinberg: "Wir erleben gerade eine regelrechte Welle von Attentaten." (Quelle: Privat)Terrorexperte Steinberg: "Wir erleben gerade eine regelrechte Welle von Attentaten." (Quelle: Privat)

Das Attentat geschah am letzten Abend bevor erneut Ausgangsbeschränkungen in Wien gelten. Welche Rolle könnte dies für die Tat gespielt haben?

Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass der bevorstehende Lockdown ein Grund war, warum der oder die Täter gestern Abend zuschlugen. Um es zynisch auszudrücken: Wer als Terrorist Menschen treffen und töten möchte, der findet oft einen Weg, egal ob eine Stadt im Lockdown ist oder nicht.

Haben die österreichischen Sicherheitsbehörden in den letzten Jahren den Terror nicht ausreichend bekämpft? 

Das ist eine spannende Frage! Denn Österreich ist ein Land, in dem in den letzten Jahren besonders viele dschihadistische Prediger verhaftet und teilweise zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Doch die Erfolge der Österreicher sorgen jetzt dafür, dass die Szene schwieriger zu überwachen ist: Denn nun verlagert sich die gesamte Radikalisierung ins Internet und in Kleingruppen. Die großen Prediger sind in Österreich kaum noch anzutreffen, stattdessen geschieht die Radikalisierung online: durch persönliche Nachrichten und Videos. 

Es handelt sich bei der Attacke um einen islamistischen Anschlag. Die Terrororganisation IS, die lange als Sammelbecken der Islamisten galt, scheint aber weitgehend besiegt — haben wir es nur mit Einzeltätern zu tun?

Obwohl sich viele Täter wohl durch die Ideologie des IS in ihren Überzeugungen bestätigt fühlen, handelt es sich in den letzten Wochen nicht um IS-Anschläge. Der letzte größere Anschlag des IS war 2017 in Manchester. Wir erleben gerade einen Umbruch in der islamistischen Terrorszene: Jetzt sind Einzeltäter und ganz kleine Gruppen in Europa aktiv. 

Es gibt kein Netz der islamistischen Terroristen in Europa? 

Zumindest kein organisiertes Netz. Denn ein Problem ist auch: Die Attentäter kommunizieren kaum noch mit Syrien, Libyen und Afghanistan, wo man sie gut abhören könnte, das sind autonome Einzeltäter. Und in der Szene herrscht aktuell eine große Unruhe. Auch deshalb kommt es jetzt zu Anschlägen. 

Wodurch wurde diese Unruhe ausgelöst?

Das lässt sich noch nicht sicher sagen. Es ist möglich, dass sie sich aus den jetzt wieder stärker diskutierten Mohammed-Karikaturen speist. Ich glaube jedoch eher, dass wir gerade die Propaganda der terroristischen Tat erleben. Viele potenzielle Täter sehen, dass es in Paris, Nizza oder Dresden zu Anschlägen kommt – und wittern auf ihre Chance, Teil einer Bewegung zu werden.

Die sogenannten "Schläfer" der Terrorszene wachen gerade auf und erkennen eine Art Momentum?

Das kann sehr gut sein. Jetzt ist die Gefahr sehr groß, dass noch mehr Täter zuschlagen wollen.

Wie groß ist dann die Gefahr eines baldigen Anschlags in Deutschland? 

Deutschland hat eine sehr hohe Zahl von Dschihadisten im Land, die Sicherheitsdienste rechnen mit etwa 1.000 bis 2.000 Personen. Insgesamt muss man sagen, dass die Terrorismusbekämpfung bei uns große Probleme hat. Der Föderalismus der Sicherheitsarchitektur macht es ihr schwierig, wir haben fast 40 Behörden, die sich mit der Terrorbekämpfung befassen. Die Schwäche der Nachrichtendienste gegenüber der Polizei ist ebenfalls ausgeprägt, all das ist nicht optimal um Anschläge bei uns zu verhindern.

Also muss der Sicherheitsapparat ausgebaut werden? 

Das ist eine mögliche Lösung. Zweitens muss man sich die Frage stellen, ob bestimmte Leute sich wirklich im Land aufhalten müssen, das haben wir in Nizza und Paris gesehen. Eine harte Linie in der Migrations- und Einwanderungspolitik wird die Attentate nicht gänzlich verhindern, aber man verringert zumindest ihre Zahl. Die Bundesrepublik versucht das Problem zu verringern, indem viele potenzielle Täter abgeschoben werden, und zwar deutlich mehr als in der Vergangenheit. Aber die meisten Gefährder können einfach nicht rund um die Uhr überwacht werden.

Herr Steinberg, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Telefonisches Gespräch mit Guido Steinberg

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