Interview
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Der Gespr├Ąchspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschlie├čend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Der Krieg wird gewonnen. Die Frage ist, zu welchem Preis"

Von Sebastian Sp├Ąth

Aktualisiert am 03.03.2022Lesedauer: 5 Min.
Gegenwehr im ukrainischen Gorenka: Zivilbev├Âlkerung ├╝bt Widerstand.
Gegenwehr im ukrainischen Gorenka: Zivilbev├Âlkerung ├╝bt Widerstand. (Quelle: Vadim Ghirda/dpa-bilder)
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Die Ukrainer Victoria Pidust und Volo Bevza leben als K├╝nstler in Berlin. Am 24. Februar wollten sie eigentlich eine Kunstausstellung in Kiew er├Âffnen ÔÇô dann kam der Krieg. Jetzt verteidigen sie ihr Heimatland.

t-online: Victoria, Volo, euer Leben hat sich ├╝ber Nacht radikal ver├Ąndert. Ihr seid als K├╝nstler in die Ukraine gereist, nun seid ihr Widerstandsk├Ąmpfer.

Volo: Schon als wir entschieden haben, am 20. Februar nach Kiew zu reisen, wurden Ausl├Ąnder gewarnt, dass sie die Ukraine verlassen sollten. Auch die Botschaften in Kiew wurden evakuiert. Dass wir trotzdem geflogen sind, das allein war auch schon eine Form von Widerstand. Gegen die von Putin ausgel├Âste Panik. Putin will die Ukraine lahmlegen. Genau das wollte ich mit meiner Ausstellung verhindern, auch wenn es nur ein kleines Zeichen gewesen w├Ąre.

Victoria: Es ist gut, dass wir hier sind. Hier k├Ânnen wir wenigstens helfen. In Berlin k├Ânnten wir nur auf Demos gehen.

K├╝nstlerpaar Victoria und Volo: "Es ist gut, dass wir hier sind."
K├╝nstlerpaar Victoria und Volo: "Es ist gut, dass wir hier sind." (Quelle: Victoria Pidust)

Victoria Pidust, 29, stammt aus Nikopol in der Ukraine. Volo Bevza, 28, stammt aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Beide leben und arbeiten als K├╝nstler in Berlin.

Wie habt ihr den Kriegsausbruch erlebt?

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Victoria: Mein Bruder hat uns angerufen und gesagt: "Jetzt f├Ąngt es an."

Volo: Er wurde von einem Bombenangriff geweckt.

Victoria: Seine Fensterscheiben haben vibriert.

Volo: Nach seinem Anruf entschieden wir, zu meiner Familie zu fahren, nicht weit weg von Kiew. Aber auf dem Weg dorthin rief uns mein Vater an, dass er Covid hat. Wir mussten umkehren. Die Pandemie macht die Lage nicht einfacher. Jetzt sind wir in Lemberg, bei einem Freund meines Vaters. Er ist auch K├╝nstler.

Victoria: Mehrmals am Tag warnen Sirenen vor Luftangriffen. Dann rennen wir in den Keller. Zum Gl├╝ck waren es bisher alles nur Fehlalarme.

Wie f├╝hlt sich das an, Krieg?

Victoria: F├╝rchterlich, obwohl wir uns eigentlich schon seit Wochen darauf vorbereitet haben. In unseren Familien war immer Thema, was passiert, wenn der Krieg ausbricht. Aber eigentlich wollte nie jemand so richtig dar├╝ber reden.

Volo: Ja, es ist komisch, seit Dezember gab es Warnungen der Amerikaner vor der russischen Invasion, nur wollten wir sie einfach nicht wahrhaben.

Victoria: Wenn es dann passiert, ist es einfach nur schrecklich.

Volo: Das Schlimmste ist allerdings der psychische Druck. Wir sind in Telegram-Gruppen, in denen ├╝ber die neuesten Entwicklungen des Kriegs informiert wird. Jede Minute kommt eine neue Nachricht ├╝ber neue Angriffe. Wenn man mal eine Stunde nicht am Handy ist, erschlagen einen gleich 150 verpasste Meldungen. Und es sind Schreckensmeldungen.

Victoria: Eine dieser Gruppen hei├čt auf Deutsch "normale Nachrichten". Es ist schon absurd, wenn in dieser Gruppe dann ein neuer Raketenangriff auf Kiew vermeldet wird. Weil sich das gar nicht normal anf├╝hlt, sondern wie im Albtraum.

Habt ihr versucht, die Ukraine zu verlassen?

Victoria: Unser erster Gedanke war: Erst mal m├╝ssen wir uns in Sicherheit begeben. Als wir dann hier in Lemberg angekommen sind, gab es jede Menge M├Âglichkeiten f├╝r uns zu helfen. Dann dachten wir, wir bleiben hier, bis unsere Familien aus Kiew kommen.

Volo: Wir haben unseren Verwandten gleich am vergangenen Donnerstag angeboten, Tickets f├╝r sie nach Deutschland zu buchen, um mit uns auszureisen. Aber sie haben Nein gesagt. Wir haben dann f├╝r uns selbst Tickets f├╝r Samstag gebucht, obwohl es auch schon welche f├╝r Donnerstag gab, weil wir zuerst unsere Familie unterst├╝tzen wollten. Wir dachten, wenn denen nichts passiert, dann k├Ânnen wir fahren. Nun darf ich nicht mehr ausreisen. Wie alle Ukrainer ├╝ber 18. Ich bin wehrpflichtig.

K├╝nstler Volo Bevza: "Das schlimmste ist der psychische Druck."
K├╝nstler Volo Bevza: "Das Schlimmste ist der psychische Druck." (Quelle: Victoria Pidust)

Dass du in der Ukraine bleiben musst, bedeutet ja, dass du eventuell k├Ąmpfen musst. Wie bereitetest du dich darauf vor?

Volo: Dar├╝ber mache ich mir noch keine Gedanken. Weil es aktuell konkretere Dinge gibt, mit denen ich mich besch├Ąftige. Im Moment arbeite ich in einer Werkstatt, es war die drittgr├Â├čte Bronzewerkstatt in der Sowjetunion. Hier arbeiten K├╝nstler, Schwei├čer und Ingenieure zusammen und schwei├čen Stra├čenblockaden. Die ersten drei Tage war ich im Schock. Da war es richtig gut, dass ich etwas Handwerkliches machen konnte.

Von ukrainische Widerst├Ąndler angefertigte Stahlspinnen zum Schutz vor russischen Panzern.
Von ukrainischen Widerst├Ąndlern angefertigte Stahlspinnen zum Schutz vor russischen Panzern. (Quelle: Victoria Pidust)

Ihr seid zu jung, um den Fall der Sowjetunion erlebt zu haben. Empfindet ihr dennoch eine engere Bindung zu Russland als zu anderen L├Ąndern?

Volo: Ich trenne den Staat Russland, das politische System, von der Tatsache, dass es Russen gibt, die unsere Freunde und damit auf der Seite der Ukrainer sind. Das Land allerdings ist f├╝r mich ein Terrorregime.

Victoria: Die Ukraine ist ein eigenst├Ąndiges Land, mit eigener Kultur und Sprache. Russen verstehen Ukrainisch nicht mal.

Volo: Es gibt keine spezielle Beziehung zu Russland. Italiener, Franzosen oder Deutsche sind genauso unsere Br├╝der. Ich finde nicht, dass die Russen uns wegen ihrer Kultur oder Sprache n├Ąher sind als die Deutschen. Lemberg hier sieht genauso aus wie eine kleine Stadt in ├ľsterreich. Wie Linz finde ich.

Victoria: Die Gemeinsamkeiten mit Europa sind gr├Â├čer als mit Russland.

Dennoch tut sich die EU mit dem Beitritt der Ukraine schwer.

Volo: Es gibt nat├╝rlich praktische Hindernisse, wie Reformen, die Bek├Ąmpfung der Korruption etwa, aber die werden seit dem Assoziierungsabkommen umgesetzt. Der einzige Grund ist die europ├Ąische Angst vor Putin. Aber der stellen sich die Europ├Ąer gerade.

Putin f├╝rchtet die Westorientierung und Freiheitsbewegung in der Ukraine und versucht, diese Entwicklung in seinem Land einzud├Ąmmen, weil sie ihn seine Macht kosten k├Ânnte. Sind die Ukrainer ein Vorbild f├╝r die russische Bev├Âlkerung?

Victoria: Es gibt auch in Russland viele, die auf der Seite der Ukraine stehen. Doch wer das ├Âffentlich tut, landet im Gef├Ąngnis. Es gibt viele Russen, die die Regierung kritisch sehen. Die wissen aber nicht, was sie tun sollen.

Volo: Als Erstes muss man die Informationsmauer durchbrechen und daf├╝r sorgen, dass wahre Informationen zur Bev├Âlkerung in Russland gelangen. Das russische Regime versucht, alles zu verhindern, was die russische Bev├Âlkerung richtig informieren k├Ânnte. Es behauptet, Amerika f├╝hre einen Krieg in Russland. Die M├╝tter von russischen Soldaten wissen nicht mal, wo ihre Kinder sind. Es gibt da eigentlich eine ukrainische Informationswebseite f├╝r russische M├╝tter mit dem Namen "Komm lebendig zur├╝ck", aber die blockieren die Russen selbst.

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Was ist mit den russischen Soldaten? Stehen sie hinter diesem Krieg?

Volo: Es gibt einen inzwischen sehr bekannten Fall eines russischen Soldaten, der im Kampf ums Leben kam und dessen Handy gefunden wurde. Seine Mutter hatte ihm geschrieben: Wo bist du? Er schrieb, er sei in der Ukraine und m├╝sse auf Zivilisten schie├čen. Dann schrieb er weiter: "Ich muss auf Zivilisten schie├čen, Mama. Ich muss Ukrainer t├Âten. Ich will mich am liebsten erh├Ąngen."

Victoria: Die Mutter schrieb zur├╝ck: "Das kann nicht sein." Dann wurde er erschossen.

Volo: Andere Russen schossen aber auf Kinderg├Ąrten, auf Krankenh├Ąuser. Es wurden Sanit├Ąter erschossen, die auf dem Weg waren, verletzten Menschen zu helfen. Es wurden Familien ermordet.

Victoria: Ich denke, die russischen Soldaten werden auch nicht davor zur├╝ckschrecken, in H├Ąuser zu gehen und Zivilisten zu erschie├čen. Kiew haben sie bereits von vielen Seiten blockiert, die Leute aus einigen Stadtteilen k├Ânnen nicht mehr entkommen.

Doch die Ukraine ist weiterhin gro├čer Hoffnung, den Krieg zu gewinnen.

Volo: Der Krieg wird gewonnen. Ukrainer und Europ├Ąer gemeinsam werden den Krieg gewinnen. Die Frage ist, zu welchem Preis.

Victoria: Wie viele St├Ądte zerbombt werden, wie viele Menschenleben ausgel├Âscht, darum geht es jetzt.

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Victoria, Volo, ich danke euch f├╝r dieses Gespr├Ąch.

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