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Putin ändert Mariupol-Plan – Experten vermuten taktische Gründe

Von t-online, dpa, lr

Aktualisiert am 22.04.2022Lesedauer: 3 Min.
"Ich befehle Ihnen, das abzusagen": Als es um einen vermeintlichen militärischen Erfolg für Russland geht, kommt es zu einer skurrilen Szene zwischen Putin und seinem Verteidigungsminister. (Quelle: t-online)
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Russlands Präsident Putin hat angeordnet, das lange umkämpfte Stahlwerk von Mariupol nicht zu stürmen. Eine gute Nachricht? Militärexperten fürchten genau das Gegenteil.

Zwei Botschaften sendeten Russlands Präsident Wladimir Putin und sein Verteidigungsminister Sergej Schoigu in einem live im Staatsfernsehen übertragenen Gespräch. Erstens: Das russische Militär habe die umkämpfte südostukrainische Hafenstadt Mariupol endgültig unter seine Kontrolle gebracht. Einzig auf dem Industriegelände Asowstal sollen sich weiterhin Tausende ukrainische Soldaten und Zivilisten verschanzt haben.

Botschaft Nummer zwei: Das Industriegelände solle nun aber doch nicht mehr gestürmt werden. Das ordnete Putin an. Ein entsprechender Befehl solle zurückgenommen werden. Die neue Order: "Blockiert diese Industriezone so, dass nicht einmal eine Fliege rauskommt."

Wladimir Putin (l.) und Verteidigungsminister Sergej Shoigu (r.): Mariupol sei vollständig eingenommen, teilten sie im Staatsfernsehen mit.
Wladimir Putin (l.) und Verteidigungsminister Sergej Shoigu (r.): Mariupol sei vollständig eingenommen, teilten sie im Staatsfernsehen mit. (Quelle: Russian Look/imago-images-bilder)

Die Kämpfer in den Katakomben sollten die Waffen niederlegen. "Die russische Seite garantiert ihnen das Leben", sagte Putin. Er sprach von einem Erfolg und der "Befreiung Mariupols" und ordnete an, die beteiligten Militärs auszuzeichnen.

Experten fürchten chemische Attacke

Ein Schritt, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern? Militärexperten äußerten sich unmittelbar nach der Ankündigung kritisch. Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr in München twitterte: "Ich übersetze: Er (Putin, Anm. d. Red.) hat keine Lust, noch mehr eigene Leute zu verlieren." Deswegen lasse er die Kämpfer und Zivilisten auf dem Industriegelände aushungern und verdursten.

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Die Experten fürchten auch noch ein weiteres Szenario: den Einsatz von chemischen Waffen. Russland-Experte Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik twitterte: "Wenn eine chemische Attacke auf das Tunnelsystem von Asowstal geplant wäre, wäre diese Ankündigung der erste Schritt." Das hält auch Masala für möglich.

Auch strategische Gründe möglich

In dem Tunnelsystem haben sich Soldaten und Zivilisten seit Tagen verschanzt. Der Einsatz chemischer Waffen auf dem Industriegelände war von Experten schon längere Zeit befürchtet worden. Mit ihnen wäre Russland in der Lage, die seit Tagen festgefahrene Situation zu seinen Gunsten zu entscheiden. Schon am 12. April hatte es Berichte über einen Einsatz chemischer Waffen in Mariupol gegeben – damals sah Chemiewaffenexperte Marc-Michael Blum im Gespräch mit t-online darin aber "keinen großen Gamechanger".

Auch strategische Gründe für die Ankündigung bringt Experte Masala ins Spiel: "Er (Putin, Anm. d. Red.) braucht seine Truppen im Osten." In den dortigen Frontgebieten Donezk, Luhansk und Charkiw konnte die russische Armee nach ukrainischen Angaben zuletzt kaum Geländegewinne erzielen.

Zwar steht beispielsweise schon ein Großteil von Luhansk unter russischer Kontrolle, weitere Fortschritte sind aber trotz verstärkter Angriffe in dieser Woche ausgeblieben. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht, sie decken sich jedoch mit der Einschätzung westlicher Geheimdienste. Nach Erkenntnissen der USA ist auch die erwartete russische Großoffensive im Donbass bisher ausgeblieben. Auch hierfür könnten weitere Truppen notwendig sein.

Zurück zur Lage in Mariupol: Nach Darstellung von Verteidigungsminister Schoigu sind die ukrainischen Einheiten vollständig blockiert. Er betonte, dass die Fabrik in drei bis vier Tagen ebenfalls eingenommen werden solle. Dort seien auch ausländische Söldner. Über die angebotenen humanitären Korridore habe niemand das Werk verlassen, sagte der Minister. Zuvor hatte die ukrainische Seite Verhandlungen über das Schicksal der Kämpfer und die Rettung von Zivilisten, die in dem Werk Zuflucht gesucht hätten, vorgeschlagen.

Mariupol war schon kurz nach Beginn des von Putin am 24. Februar befohlenen Angriffskrieges gegen die Ukraine von russischen Truppen eingekreist worden. Die Stadt wurde bei den Gefechten weitgehend zerstört.

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