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Taliban in TV-Shows: Afghanistans neue Medienwelt

Von dpa
Aktualisiert am 22.04.2022Lesedauer: 3 Min.
Das von dem afghanischen Fernsehsender 1TV am 20.
Das von dem afghanischen Fernsehsender 1TV am 20. April 2022 herausgegebene Bildschirmfoto zeigt den Taliban-Aktivisten Mobin Khan zu Gast in einer Talkshow. (Quelle: -/1TV/dpa./dpa)
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Kabul (dpa) - Es war August 2021, als der wohl bekannteste Taliban-Vertreter erstmals in Erscheinung trat. Sabiullah Mudschahid, das lange verborgene Gesicht der militant-islamistischen Gruppe, sprach nach der Eroberung der afghanischen Hauptstadt Kabul vor der internationalen Presse.

Heute sind die Taliban regelm├Ą├čige G├Ąste in Talkshows der privaten Sender, die einst gar als Anschlagsziel der Gruppe Todesopfer zu beklagen hatten.

Ein bekannter Taliban-Aktivist ist Mobin Khan. Zur besten Sendezeit prahlt er vom Krieg gegen die fr├╝here vom Westen gest├╝tzte Regierung. "Wir haben 20 Jahre lang gek├Ąmpft. Wir haben unsere Jugend geopfert. Wir haben uns Bomben an den K├Ârper gebunden", sagte Khan j├╝ngst in einer Show des privaten Senders Tolonews. Monatelang habe er im Verborgenen in Kabul ausgeharrt und im Internet gegen die Republik Stimmung gemacht. Er selbst bezeichnet sich als "General".

Medien galten einst als gro├če Errungenschaft

Und Mudschahid, damals zust├Ąndig f├╝r den milit├Ąrischen Teil der Taliban-Pressearbeit, erz├Ąhlt von seinen unbeschwerten Reisen durch das Land - auch nachdem er von der Nato vor Jahren aufgegriffen und zeitweise in ein Gef├Ąngnis gesteckt wurde. "Ich war sechs Monate im Gef├Ąngnis", sagt Mudschahid, der heute als Sprecher der amtierenden Taliban-Regierung auftritt. Nach einem Deal mit der afghanischen Regierung sei er schlie├člich frei gekommen. ├ťberpr├╝fen lassen sich diese Erz├Ąhlungen kaum.

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Die Medienlandschaft Afghanistans, immer angepriesen als eine der gro├čen Errungenschaften nach der internationalen Milit├Ąrintervention, hat sich nach der Macht├╝bernahme der Taliban dramatisch ver├Ąndert. Hunderte Redaktionen oder Radiostationen haben der Internationalen Journalisten-F├Âderation zufolge ihre Arbeit eingestellt, mehr als 2000 Medienschaffende ihren Job verloren. Dutzende Journalisten sind in den vergangenen acht Monaten vor├╝bergehend verhaftet worden, wenn sie etwa ├╝ber Frauenproteste berichteten.

Druck ├╝ber Tugendministerium

Besonders zwei Institutionen der Taliban ├╝ben Druck auf Medienschaffende aus: Das neu gegr├╝ndete Ministerium zum Erhalt der Tugend, das sich zust├Ąndig f├╝r die Festlegung moralischer Werte sieht, und der Inlandsgeheimdienst der Taliban. Das Komitee zum Schutz von Journalisten berichtete im Februar von Inhaftierungen afghanischer Journalisten im ber├╝chtigten Bagram-Gef├Ąngnis, wo vor der Taliban-Herrschaft immer wieder Folter- und Missbrauchsvorw├╝rfe gegen US-Soldaten erhoben wurden. Neue Mediengesetze schr├Ąnken die Arbeit der Sender zus├Ątzlich ein. Die Taliban fordern eine Berichterstattung im Einklang mit islamischen Werten und nationalen Interessen. Was das genau bedeutet, ist oft unklar.

Saad Mohseni, Vorstandsvorsitzender der Moby-Gruppe, die hinter dem bekannten Sender Tolonews steht, hatte nach der Macht├╝bernahme der Taliban schnell Konsequenzen gezogen. "Wir haben unsere Moderatorinnen angewiesen, sich konservativer zu kleiden", sagte der 55-J├Ąhrige j├╝ngst in einem Interview mit dem Nachrichtenunternehmen Bloomberg. Auch Musik oder Seifenopern seien gestrichen worden. "Das war klug, denn die Taliban sind in die Sender gegangen und haben gedroht, die Leute mitzunehmen, wenn sie bestimmte Sendungen nicht streichen w├╝rden."

Die derzeitige Situation sei ein Drahtseilakt, st├Ąndig sei man in Verhandlungen mit den Taliban. Gleichzeitig habe auch der Sender ├╝berraschende Entscheidungen getroffen, etwa die Zahl der Mitarbeiterinnen nach August 2021 erh├Âht. "Die Taliban tolerieren uns gewisserma├čen", sagte Mohseni. "Selbst innerhalb der Taliban gibt es Fraktionen, die um die Macht k├Ąmpfen und die Medien nutzen, um ihre Ansichten zu verbreiten", erkl├Ąrte der Medienmogul.

Medienschaffende werden eingesch├╝chtert

Weniger bekannte Sender sind oft gr├Â├čerem Druck ausgesetzt. Kaum ein Medienschaffender m├Âchte heute noch ├Âffentlich dar├╝ber sprechen, zu gro├č ist die Angst vor Konsequenzen. Ein Moderator aus Kabul, der lieber anonym bleiben m├Âchte, erz├Ąhlt etwa von scheinbar wahllosen Verhaftungen in der Hauptstadt. Schwarze Kapuzen h├Ątten die Taliban Mitarbeitern ├╝ber den Kopf gezogen und in Fahrzeuge gezerrt, ehe sie einige Tage sp├Ąter wieder freigelassen wurden. Journalistinnen und Journalisten haben das Land in Scharen verlassen.

F├╝r die Sender ist die neue Situation eine Zwickm├╝hle. Einerseits wollen sie weiter unabh├Ąngig berichten, gleichzeitig dr├Ąngen Taliban-Vertreter mit radikalen Meinungen in die Talkshows. ├ľffentlichen Widerspruch k├Ânnen sich viele Medien kaum leisten. Erst vor einer Woche wurde ein bekannter Moderator des Fernsehsenders 1TV, Mohibullah Dschalili, verhaftet und verpr├╝gelt. Die Taliban versprachen eine Untersuchung. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen sehen hinter diesen Aktionen jedoch gezielte Einsch├╝chterungsversuche.

Die Taliban sind nach zwei Jahrzehnten wieder an der Macht. Was vielen bleibt, ist nur die Hoffnung auf eine ver├Ąnderte und mutige Zivilgesellschaft. "Die Schikanen gegen Journalisten haben sich infolge der neuen Restriktionen versch├Ąrft, vor allem seit Anfang 2022, was in den Medien zu gro├čer Besorgnis gef├╝hrt hat", beklagte Reporter ohne Grenzen Anfang April. Die Vereinten Nationen fordern sie zum Handeln auf. "Die Lage der Pressefreiheit in Afghanistan darf nicht unter dem Radar der internationalen Gemeinschaft verschwinden."

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