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Die Präsidentschaftswahl droht zur Farce zu werden

Eine Kolumne von Fabian Reinbold

Aktualisiert am 10.04.2020Lesedauer: 4 Min.
Donald Trump beim Pressebriefing: Wahlkampf, wie es noch nie gab.
Donald Trump beim Pressebriefing: Wahlkampf, wie es noch nie gab. (Quelle: Joshua Roberts/Reuters-bilder)
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Die Coronakrise durchkreuzt die US-Präsidentschaftswahl. Während Joe Biden im Keller festsitzt, überrumpelt Donald Trump die Nation mit Wahlkampfmanövern, die selbst seinen Verbündeten zu weit gehen.

Guten Tag aus Washington,

wo es unter normalen Umständen in dieser Woche nur ein Thema gegeben hätte: Bernie Sanders ist raus aus dem Rennen – der kommende US-Präsident wird entweder Donald Trump oder Joe Biden heißen.

Alle Medien wären voll davon gewesen, ich hätte Ihnen hier meine Sicht geschildert auf den schwindelerregenden Absturz des einstigen Favoriten Sanders, auf die Schwächen und Stärken Bidens, und würde Ihnen eine Prognose für den November geben.

Wäre, hätte, würde. Es sind eben keine normalen Zeiten. In den Abendnachrichten am Mittwoch kam Sanders erst nach acht Minuten Krisenberichterstattung dran, die "Washington Post" hatte am Donnerstag Seite 20 des Politikteils dafür reserviert.

Die Farce von Wisconsin

Die Präsidentschaftswahl, die hier das Jahr 2020 dominieren sollte, sie ist in diesen Tagen eine Randnotiz. Keine sechs Wochen ist es her, dass ich in Los Angeles erst die Wucht von Sanders' Bewegung bestaunte und dann auf einem Basketballfeld Bidens kleine Wiederauferstehungsfeier erlebte. Es wirkt wie eine ferne Vergangenheit.

Und jetzt? Die Vorwahlen verschoben, die Demokraten haben ihren Nominierungsparteitag von Juli auf August verlegt, in der Hoffnung, ihn doch noch abhalten zu können. Doch realistischer ist am Ende wohl das, was wir alle gerade tun: Das ganze Ding ins Internet zu verlegen.

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Der letzte Versuch, noch so etwas wie Wahlen abzuhalten, endete am Dienstag im Bundesstaat Wisconsin in einer Farce. Keine Verschiebung, keine allgemeine Briefwahl: wegen parteipolitischem Streit. Das empfanden dann auch Wähler in der Schlange als lächerlich.

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Briefwahl, eine naheliegende Lösung in Zeiten von Corona, ist in den USA eine wahnsinnig umstrittene Sache. Die Republikaner sind dagegen, offiziell aus Sorge vor Wahlbetrug, faktisch auch, weil sie fürchten, die Gegenseite würde profitieren, weil so die Wahlbeteiligung demokratischer Anhänger in den Städten nach oben getrieben würde. Wieder einmal war es Donald Trump, der in der Debatte laut sagte, was andere nur denken. "Wenn man da zustimmte, würde in diesem Lande nie wieder ein Republikaner gewählt": So der US-Präsident über die Höhe der Wahlbeteiligung, die die Demokraten haben wollen würden.

Biden im Keller, Trump auf der größten Bühne

Es ist eine schaurige Vorschau auf das, was im November droht. Die Wahl kann Trump übrigens, entgegen aktuell kursierender Schauergeschichten, nicht einfach aussetzen. Dazu bräuchte es Gesetzes- und Verfassungsänderungen. Unwahrscheinlich. Doch eine Präsidentschaftswahl als Farce, weil die Verantwortlichen weniger die Sicherheit der Bürger und des Wahlprozesses im Kopf haben als eigene Vorteile, das ist kein unwahrscheinliches Szenario mehr.

Interessieren Sie sich für US-Politik? Unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt über seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Der Wahlkampf ist ja schon in der Schieflage: Während Joe Biden aus seinem Keller in Delaware heraus Lebenszeichen streamt und podcastet, nimmt Trump jeden Abend das Podest im Presseraum im Weißen Haus ein. Offiziell ist zum "Briefing der Corona-Taskforce" geladen, doch wir sind Zeugen der großen Trump-Show.

Trump will dort mit vollmundigen Versprechen und Zahlentsunamis sein Krisenmanagement belegen. "11,7 Millionen N95-Masken, stellt euch das vor", seien ausgeliefert. "22,6 Millionen Handschuhe", sagt er, zur Sicherheit, doppelt. "1,87 Millionen Tests durchgefĂĽhrt, stellt euch das vor."

Es geht in den Briefings natürlich um das Coronavir…. nein, um die Wirtschaftskr… auch nicht… es geht meist einfach um Trump. Wer Trump gelobt hat, dem attestiert er, einen tollen Job zu machen. Wer ihn kritisiert hat, der erntet das Urteil, eben einen schlechten Job zu machen. Trump bezieht alles auf sich. Lobt ein mögliches Medikament, dessen Wirkung völlig unklar ist, als Heilmittel, nur sich selbst noch ein bisschen mehr. Würgt die Fragen ab, sobald er ein Reizwort vernommen hat. Schaut wie eine beleidigte Majestät, wenn jemand nach dem immer noch eklatanten Mangel an Tests zu fragen wagt.

Alles eine Frage von Trumps Tagesform

Am Montag ging das Ganze 2 Stunden und 10 Minuten, wovon Trump allein 70 Minuten sprach. Die Experten wurden zu Statisten. Trump nimmt den Raum ein, sagt dies und das, Ă–ffnung des Landes oder nicht, Maskenpflicht oder nicht, alles eine Frage der Tagesform.

Es ist eine wunderbare BĂĽhne fĂĽr Trump, das ganz gewiss, aber ist das auch hilfreich fĂĽr ein Land, das zum Epizentrum der Pandemie geworden ist?

Von Trumps Aufführungen wirkt die Öffentlichkeit überfordert. Viele Journalisten freuten sich anfangs, dass es eine Möglichkeit gibt, den Präsidenten zu stellen, aber ahnten nicht, wie sehr der das Forum nutzen würde, um Verwirrung in einer Frage von Leben und Tod zu stiften.

Selbst das eigentlich Trump-freundliche "Wall Street Journal" urteilte am Donnerstag über "Trumps verschwendete Briefings". Die konservativen Kommentatoren bemängelten Trumps ausladende Attacken, die den Sinn der Krisenbriefings entstellt hätten. Es gehe immer "weniger darum, das Virus zu besiegen, und mehr um die zahlreichen Fehden Donald J. Trumps".

Der vielbeschäftigte Krisenmanager Trump hatte den Kommentar natürlich gelesen und wies die Zeitung per Tweet auf das hin, was für ihn wirklich zählt: nämlich dass die Einschaltquoten seiner Briefings "durch die Decke" gingen.

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