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Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Wenn die List der Vernunft zuschlÀgt

Von Gerhard Spörl

Aktualisiert am 28.12.2020Lesedauer: 3 Min.
Donald Trump und seine Maske: Sein nachlÀssiger Umgang mit der Pandemie könnte ihn die Wiederwahl gekostet haben (Archivbild).
Donald Trump und seine Maske: Sein nachlÀssiger Umgang mit der Pandemie könnte ihn die Wiederwahl gekostet haben (Archivbild). (Quelle: UPI Photo/imago-images-bilder)
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Ohne Pandemie wĂ€re Donald Trump wiedergewĂ€hlt worden und Boris Johnson hĂ€tte nicht im letzten Moment den Vertrag mit der EU unterzeichnet. Geduldsmenschen wie Angela Merkel haben das bessere Ende fĂŒr sich.

Am zweiten Weihnachtsabend fragte mich jemand, was von 2020 als Produkt der Pandemie bleiben werde. Typische Frage bei Rotwein, wenn uns die Reste der Gans vorwurfsvoll ansehen und das ersterbende GesprÀch wiederbelebt werden muss.


Fotoshow: Die Chronik der Pandemie

November/Dezember 2019: In der chinesischen Millionenmetropole Wuhan treten erstmals FĂ€lle einer unbekannten Lungenerkrankung auf. Am 31. Dezember wird die Weltgesundheitsorganisation informiert.
Am 15. Januar gibt es die erste bestĂ€tigte Infektion mit dem neuartigen Virus außerhalb Chinas: Ein Fall in Thailand wird bekannt.
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Erstens: Der Kapitalismus hat sein klassisches Doppelgesicht im ablaufenden Jahr gezeigt, das ist schon mal wichtig. Der Staat, in Gestalt unserer Regierung, federt mit ungeheuer viel Geld so viele negative Folgen wie irgend möglich ab. Staatskapitalismus ist zwar keine begeisternde Utopie, sonst wĂ€re Deutschland allezeit ein kleines China, aber im Notstand fĂ€llt die soziale Marktwirtschaft eben darauf zurĂŒck und das ist gut so, das wissen wir jetzt. VorĂŒbergehend nur soll der Staat stark sein, das ist ausgemacht, auch wenn der eine oder andere Linke im Lande an ihm Gefallen findet, und auch der eine oder andere Rechte ohnehin StĂ€rke fĂŒr einen Selbstzweck hĂ€lt. Die Extreme berĂŒhren sich eben immer wieder.

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Kehrseite des Kapitalismus: das HĂŒtchenspiel von Wirecard

Die Kehrseite des Kapitalismus ist das HĂŒtchenspiel, mit dem der digitale Dienstleister Wirecard den Finanzmarkt zum Narren hielt. Betrug und Hochstapelei, Schneeballsysteme und Ponzo-Spielchen gehören unabĂ€nderlich zum freien Spiel der KrĂ€fte hinzu, da muss man sich keine Illusionen machen. Wenn aber nur ein Konzern die Kunden und Banken um ein paar Milliarden Euro schröpft, sind Lug und Trug zu verkraften.

Man muss sich nur kurz mal vorstellen, wie die Welt aussĂ€he, wenn eine Finanzkrise wie im Jahr 2007/08 Covid-19 flankieren wĂŒrde. Eine Pandemie ist schlimm genug. Zwei Pandemien wĂ€ren die Hölle.

Zweitens: Einer meiner Lieblingsgedanken ist dieser: Es gibt die List der Vernunft, die sich hinterrĂŒcks durchsetzt, ohne dass es derjenige ahnt, auf den sie es abgesehen hat. Ohne Pandemie wĂ€re Donald Trump PrĂ€sident geblieben. Ohne seine steinerne GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber den Toten wĂ€re er Amerika nochmals vier Jahre erhalten geblieben. Er konnte sich ja leisten, was er wollte, und wir konnten uns so maßlos empören, wie wir wollten: Nichts konnte ihn beeindrucken, aber die Pandemie kann es.

Trump muss es in den Wahnsinn treiben, dass ein Mann, der noch Ă€lter ist und eigentlich keine Zukunft mehr hatte, am 20. Januar seine Stelle im Weißen Haus einnehmen wird. Ohne Trump kein Joseph Biden jr.

Die List der Vernunft hat zugeschlagen.

Drittens: Boris Johnson hingegen ist nur ein Clown, kein Mephisto. Bevor ihn die Kombination aus Pandemie und Brexit wegfegen kann, biegt er bei. Schnell noch macht er, was er in schöner SelbstgefĂ€lligkeit nicht machen wollte, und lĂ€sst sich auf einen Handelsvertrag mit der EuropĂ€ischen Union ein. Mag er ihn noch so wortreich als geniales Abwarten bis zur allerletzten Minute ausgeben, weiß doch jedermann, dass er knapp eine Katastrophe abwendete. Kurz vor Weihnachten konnte das Königreich absehen, was ein vertragsloser Zustand bedeuten wĂŒrde, als Europa die Grenzen dicht machte: leere Regale und volle Lastwagen, die sich in Calais stauen. Auch Boris Johnsons Besinnung kann man unter List der Vernunft abbuchen.

Viertens: Dass es nicht zum Bruch mit Großbritannien kommt, ist auch ein Verdienst der unermĂŒdlichen Verhandlerin, die wir in unserer Bundeskanzlerin haben. Ab jetzt dreht sie ihre letzte Runde und wenn sie im September abtritt, ist hoffentlich die Pandemie so gut wie vorbei. Zugleich können wir uns schon ab der zweiten JanuarhĂ€lfte an den Gedanken gewöhnen, dass ein frisch gewĂ€hlter Bundesvorsitzender der CDU sie beerben will.

Der Kontrast dĂŒrfte allerdings wenig erbaulich ausfallen. Was Angela Merkel lĂ€ssig aus dem Ärmel schĂŒttelt, muss sich der Neue erst mĂŒhselig aneignen, auch wenn Friedrich Merz so groß von sich denkt, als sei er fĂŒr die Kanzlerschaft geboren und nur durch unglĂŒckliche UmstĂ€nde noch nicht dort angelangt, wohin er gehört, wĂ€hrend Armin Laschet mit seinem Weiter-so-wie-unter-Angela-Merkel die Bescheidenheit zur Tugend erklĂ€rt. NatĂŒrlich wollen wir auch nicht Markus Söder vergessen, den Ich-habe-recht-und-zwar-immer-egal-was-ich-sage. Zyniker wĂŒrden sagen: Das wird noch lustig mit den Dreien.

Erst einmal klingt das Jahr der Pandemie still aus. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass sich die Zahl der Infizierten und Toten bis zum 10. Januar erheblich verringern wird. Der Lockdown wird verlĂ€ngert und vielleicht sogar noch einmal verschĂ€rft. Na ja, immerhin hat der Wettlauf zwischen Virus und Impfung begonnen. Daraus lĂ€sst sich gedĂ€mpfte Zuversicht fĂŒr 2021 schöpfen, ist doch was.

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