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Fake News an Weihnachten: Wenn die Tante vor dem Weihnachtsbaum schwurbelt


Wenn die Tante vor dem Weihnachtsbaum schwurbelt

Von Miriam Hollstein

Aktualisiert am 22.12.2022Lesedauer: 3 Min.
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Streit an Weihnachten (Symbolbild): In vielen Familien kommt es an den Festtagen zu Auseinandersetzungen über politische Themen – und Verschwörungstheorien. (Quelle: JackF/Getty Images)
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An Weihnachten kommen Menschen zusammen, die sich oft lange nicht gesehen haben. Und es kommt häufig zu Streit über kontroverse Themen. Psychologin Pia Lamberty weiß, wie sich das verhindern lässt.

t-online: Ukraine-Krieg, Pandemie, Energiekrise – wir leben in einem Dauerkrisenzustand. Wächst damit auch die Zahl der Menschen, die an Verschwörungen glauben?

Pia Lamberty: Der abstrakte Verschwörungsglaube hat laut Studienlage nicht zugenommen. Damit ist zum Beispiel die Vorstellung gemeint, dass "die da oben einen großen Plan haben, um alle auszulöschen". Und trotzdem sehen wir ganz viele Faktoren, die vermuten lassen, dass es doch eine Steigerung gibt. So hat die politische Gewalt zugenommen, aber auch die Zahl der Demonstrationen und die Anfragen bei Beratungsstellen. Ich glaube deshalb, dass die Verschwörungsmentalität bei den Menschen schon vorher da war. Durch eine Krise gewinnt sie aber an Bedeutung für die eigene Identität und wird deshalb auch gesellschaftlich sichtbarer.

Warum glauben Menschen an Verschwörungen?

Das Grundmuster sieht so aus: Man hat keine Kontrolle mehr, fühlt sich ohnmächtig und versucht, das zu kompensieren. Man fängt an, Muster zu sehen, wo keine sind. Verschwörungserzählungen haben ein großes Versprechen: Sie "erklären" die Dinge, geben damit Struktur und trügerische Sicherheit. Studien legen nahe, dass sie in Wirklichkeit das Gegenteil tun. Sie verstärken die Angst. Wenn ich mich nicht mehr vor die Tür traue, weil ich daran glaube, dass die Flugzeuge per "Chemtrails" Gift versprühen, werde ich mich gewiss nicht sicherer fühlen.

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Pia Lamberty ist Sozialpsychologin und Autorin mehrerer Bücher über Verschwörungserzählungen. (Quelle: Felix Zahn/imago images)

Aber das löst ja ein Gefühl existenzieller Bedrohung aus.

Genau deshalb sind Verschwörungserzählungen oft auch so gefährlich. Sie zeichnen das Bild einer apokalyptischen Welt. Wer an sie glaubt, hält die Umwelt meist für feindselig und hinterhältig und hat zugleich das Gefühl, der einzige zu sein, der die Dinge "klar" sieht. Das erzeugt ziemlichen Handlungsdruck.

Aber irgendeinen Vorteil muss es doch für die haben, die daran glauben.

Untersuchungen zeigen, dass der Verschwörungsglaube oft bei Menschen ausgeprägt ist, die ein großes Bedürfnis nach Einzigartigkeit haben. Wenn die dann glauben, dass nur sie verstanden haben, wie die Dinge laufen, bedient das dieses Gefühl. Verstärkt wird das durch den Applaus, den sie für ihre Radikalisierung in bestimmten Kreisen erleben. Und durch die Ablehnung, die sie von anderen für ihre Theorien erfahren.

Ein Beispiel?

Nehmen wir Elon Musk. Nachdem er Twitter gekauft hatte, gab es sehr viel berechtigte Kritik für seine Strategie. Aber auch viel Applaus von rechter Seite. Daraufhin hat Musk sich radikalisiert. Plötzlich verbreitete er zum Beispiel absurde Verschwörungserzählungen über den Angriff auf den Mann der US-Politikerin Nancy Pelosi.

Gibt es sonst noch "typische" Merkmale für Verschwörungsgläubige?

Menschen mit niedrigem Bildungsniveau fühlen sich häufiger von Verschwörungserzählungen angesprochen. Nicht, weil sie weniger intelligent wären. Sondern weil sie sich häufiger als ausgegrenzt wahrnehmen. Eine Verschwörungsmentalität mit Gleichgesinnten zu teilen, stärkt dann das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Was können Gesellschaft und die Politik tun?

Der Dreiklang aus Falschinformationen, Desinformationen und Verschwörungserzählungen wird immer wieder auftreten. Und das ist eine Riesengefahr. Wir brauchen deshalb systematische Gegenkonzepte, gerade im Kontext von Krisen und Katastrophen. Das heißt, es betrifft nicht nur den Gesundheitsbereich, sondern auch beispielsweise das Bundesamt für Katastrophenschutz. Auch hier sollte man schauen, wie man im Falle einer konkreten Krise die Bevölkerung schnell informiert.

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Psychologin Pia Lamberty (Quelle: Felix Zahn/imago images)

Die Verschwörungsforscherin

Pia Lamberty (38) ist Sozialpsychologin sowie Mitgründerin und Geschäftsführerin des gemeinnützigen Instituts "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" (CeMAS), das unter anderem zu Verschwörungsideologien und Antisemitismus forscht. Gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun veröffentlichte sie unter anderem die Bücher "Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" und "True Facts: Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft".

Kann man aus dem Verschwörungsglauben auch wieder aussteigen?

Es ist möglich, aber es braucht die Bereitschaft, sich die eigenen Irrtümer einzugestehen. Diese ist oft nicht vorhanden. Da können auch Nahestehende nichts tun.

Zu Weihnachten kommen in ganz Deutschland viele Familien zusammen. Wie sollte man mit Angehörigen umgehen, die unter dem Tannenbaum Verschwörungstheorien verbreiten?

Wichtig ist, ein realistisches Erwartungsmanagement zu haben. Weihnachten ist ohnehin oft mit vielen Erwartungen und Stress überfrachtet. Zwischen Weihnachtsgans und Bratäpfeln auch noch Familienmitglieder zu deradikalisieren, die falsch abgebogen sind, ist unrealistisch.

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Also einfach die Zähne zusammenbeißen und um des lieben Friedens willen nichts sagen?

Man sollte sich vorher eine Strategie überlegen. Wo sind meine Grenzen, wie kann ich ruhig reagieren, wenn sie überschritten werden? Denn wer unkontrolliert laut wird, gilt schnell selbst als Unruhestifter. Stattdessen kann man ganz ruhig sagen: Das entspricht nicht meinen Werten, lass uns die Diskussion über das Thema hier beenden. Hilfreich kann auch sein, sich vorab mit einem anderen Familienmitglied zu verbünden. Etwa mit dem Cousin, von dem man weiß, dass er eine ähnliche Haltung hat wie man selbst. Wenn dann die Situation brenzlig wird, kann er auch mit einspringen und vielleicht deeskalieren, weil er ein ganz anderes Verhältnis zu der Person hat, mit der man Probleme hat.

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Verwendete Quellen
  • Interview mit Pia Lamberty
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