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Sexuelle Übergriffe in Köln: "Die Frauen müssen sich wehren"

Sexuelle Übergriffe in Köln  

"Die Frauen müssen sich auf jeden Fall wehren"

06.01.2016, 15:57 Uhr | Evelyn Bongiorno-Schielke, t-online.de

Sexuelle Übergriffe in Köln: "Die Frauen müssen sich wehren". Zahlreiche Menschen hatten sich an Silvester in Köln auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs versammelt. (Quelle: dpa)

Zahlreiche Menschen hatten sich an Silvester in Köln auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs versammelt. (Quelle: dpa)

Die massiven sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln schockieren die Menschen. Doch was können speziell junge Frauen in einer so gefährlichen Situation tun?

t-online.de sprach mit dem Sozialpsychologen Rolf van Dick über Verhaltensregeln für Frauen, aber auch über die Gewaltbereitschaft arabischer junger Männer und mangelhafte Integration.

Herr van Dick, Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat den Frauen folgenden Rat gegeben: "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft". Ist das effektiv?

Van Dick: Das ist natürlich in dieser konkreten Situation Quatsch. Außerdem klingt es so, als sage man den Frauen, ihr seid selber schuld. 

In Köln wurden mehrere Frauen von einer Gruppe alkoholisierter Männer eingekesselt und belästigt - was lässt sich da noch machen?

Generell hilft es nur, die eventuell noch drum herum Stehenden, noch nicht belästigten oder passiven Zuschauer persönlich anzusprechen und laut zu rufen. Etwa: 'Sie in der roten Jacke helfen Sie mir oder holen Sie die Polizei.' Ansonsten kann man bei dieser Übermacht nichts machen. 

Man sieht ja auch sonst öfters, dass Menschen nicht helfen, sondern nur gaffen, wenn etwas passiert.

Ja, das ist der "By-Stander-Effekt". In einer großen Menge schieben die Menschen Verantwortung ab, verstecken sich hinter der Anonymität der Gruppe. 

Spielte dieser Massen-Aspekt auch bei den Tätern eine Rolle?

Ja, es soll sich ja um verschiedene kleinere Gruppen junger Männer gehandelt haben, die innerhalb einer großen Masse von 1000 Leuten übergriffig geworden sind. In einer solchen Ansammlung, in der Dunkelheit und bei dem Krach der Böller, können sich die Täter natürlich in der Anonymität verstecken. Der Einzelne hat dann das Gefühl: "Ich kann hier alles machen." Wenn dann noch Alkohol ins Spiel kommt, wirkt das sehr enthemmend.

Wenn Frauen - zum Beispiel an Karneval ausgehen - was sollten sie beachten?

Die Frauen sind durch die Taten in Köln vorgewarnt. Sie sollten generell eher in Gruppen als alleine weggehen, rechtzeitig Schutz suchen und direkt um Hilfe bitten und - ganz wichtig: selbstbewusst auftreten und sich wehren, wenn sie angegangen werden. 

Was ist besonders effektiv?

In Selbstverteidigungskursen lernen Mädchen, wo sie bei Männern hintreten müssen. Also nicht etwa zwischen die Beine, dafür ist der Weg nämlich zu lang, sondern am besten gegen das Schienbein.

Sich passiv vergewaltigen zu lassen, ist keine Option. Das könnten auch die Täter in einem späteren Prozess für sich nutzen - nach dem Motto: Sie hat doch mitgemacht.

Nach Augenzeugenberichten soll es sich bei den Tätern um Männer aus dem nordafrikanischen Kulturkreis handeln.

In diesem Fall könnte es den Frauen helfen, besonders selbstsicher und wehrhaft aufzutreten, denn das sind manche Männer aus diesem Kulturkreis nicht gewohnt. Es könnte sie verunsichern und den Frauen die Chance zur Flucht geben.

Nach diesen Taten werden jetzt Vorwürfe laut, dass diese arabischen Männer besonders gewaltbereit gegenüber Frauen sind. Was denken Sie dazu?

Zunächst einmal müssen wir abwarten, was bei den Ermittlungen rauskommt und wer wirklich die Schuldigen sind. Auch deutsche Männer, die alkoholisiert in Massen unterwegs sind, können enthemmt und übergriffig werden. 

Was man aber nicht kleinreden und ignorieren darf: Männer aus dem muslimischen Kulturkreis stammen oft aus Familien, in denen die Frau wenig zu sagen hat. Jungen erleben, dass der Vater der Herr im Haus ist und Mutter und Schwestern ihn zu bedienen haben. 

In Deutschland sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Dieser Grundsatz muss aber auch für Zuwanderer gelten.

Ja, unbedingt. Man darf aber nicht vergessen, dass es in Deutschland mit der Verwirklichung der Gleichberechtigung auch noch nicht so lange her ist, wenn man an die 50er und 60er Jahre denkt. Erst in den 70er Jahren durften Frauen ohne Genehmigung ihrer Ehemänner arbeiten gehen, den Führerschein machen oder Fußball spielen.

Es geht also um einen Lernprozess auch bei Migranten, dass Frauen in unserer Gesellschaft eine gleichberechtigte Rolle haben?

Ja, auf jeden Fall. Bereits Jungen sollte in den Schulen, in den Vereinen oder im Sport durch verantwortungsbewusste Lehrer und Trainer gezeigt werden, welche Werte und Verhaltensweisen wichtig sind.

Besteht die Gefahr, dass die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber Ausländern und Flüchtlingen kippt?

Ja, darum muss die Polizei die Fälle schnell aufklären und den Mythen, die Pegida und die AfD vertreten, dass der Staat bei Straftaten von Ausländern wegschaut, entgegentreten.

Auch bei den Flüchtlingen gibt es unterschiedliche Gruppen und Menschen, die man nicht über einen Kamm scheren darf. Bei den rund 4000 Flüchtlingen, die wir in Frankfurt haben, geht es sehr friedlich zu.

Oft leben die Flüchtlinge aber auch sehr beengt und es ist von Schlägereien die Rede.

Es gibt auch Unterkünfte, in denen 500 Männer zusammengepfercht leben. Sie sind alleine, ihnen ist langweilig, sie haben wenig Platz. In einer solchen Situation könnte es - auch unter Deutschen  - zu Frust und Aggressionen kommen.

Was sollte die Politik jetzt tun?

Deutschland hat zulange die Tatsache verdrängt, dass wir ein Einwanderungsland sind. Es ist wichtig, dass sich die Politik endlich des Themas der Integration annimmt. Dazu gehört auch, dass es mehr Geld geben muss, damit Sozialarbeiter in die Flüchtlingsunterkünfte hineingehen und Kontakt zu den Menschen aufnehmen. 

Das Interview führte Evelyn Bongiorno-Schielke.

Rolf van Dick (Quelle: Privat)Rolf van DickRolf van Dick, Jahrgang 1967, ist Sozialpsychologe und lehrt am Institut für Psychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sein Forschungsschwerpunkt sind soziale Prozesse in und zwischen Gruppen. Van Dick ist der Autor von über 200 Publikationen zum Thema.

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