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Burka-Talk bei Frank Plasberg: TV-Kritik zu "Hart aber fair"

Burka-Talk bei Plasberg  

Soziales Totenhemd oder Teil weiblicher Freiheit?

13.09.2016, 10:51 Uhr | Marc L. Merten, t-online.de

Burka-Talk bei Frank Plasberg: TV-Kritik zu "Hart aber fair". Der Moderator Frank Plasberg bei seiner wöchentlichen ARD-Talkshow "hart aber fair". (Quelle: dpa/Archivbild)

Der Moderator Frank Plasberg bei seiner wöchentlichen ARD-Talkshow "hart aber fair". (Quelle: Archivbild/dpa)

Offene Gesellschaft, offenes Gesicht – Kulturkampf um die Burka? Darüber diskutierten am Montagabend streitlustige Gäste bei Frank Plasberg. Lernen konnte man beim "Hart aber fair"-Talk vor allem etwas über die Unfähigkeit der Menschen, dem Gegenüber zuzuhören.

Die Gäste

  • Julia Klöckner, CDU
  • Dirk Schümer, Journalist "Die Welt"
  • Michel Friedman, Publizist
  • Claudia Roth, Bündnis 90/Grüne
  • Khola Maryam Hübsch, Autorin

Das Thema

Am Montagabend ging es bei Frank Plasberg über die Burka. Doch schon da fing es an. Burka? Nikab? Nijab? Hidschab? (Wir verwenden im folgenden der Einheitlichkeit halber den Begriff Hidschab) Es ging um die Verschleierung und inwieweit diese in Deutschland gestattet oder verboten, toleriert oder kritisiert, akzeptiert oder schikaniert werden soll.

Dazu zwei Anmerkungen, die bei Plasberg keine Erwähnung fanden:

Im Koran werden von beiden Seiten – den liberalen wie den konservativen Theologen – die Suren 33,59 und 24,31 angeführt als Beleg für oder gegen die Verschleierungspflicht der Frauen muslimischen Glaubens (Muslima). Je nach Auslegung sprechen diese Suren von einer Pflicht oder lediglich davon, dass sich Muslimas zu ihrem eigenen Schutz bedecken sollen, aber nicht in vollem Umfang.

Darüber hinaus sei gesagt, dass an diesem Abend das deutsche Vermummungsverbot (Paragraph 17a, Absatz 2 im Versammlungsgesetz) bei öffentlichen Veranstaltungen nicht als Vergleich diskutiert wurde. Dies wäre interessant gewesen, zumal Plasberg die Konvertitin Monika B. geladen hatte, die erklärte, sie trage eine Hidschab lediglich in der Öffentlichkeit, um nicht erkannt zu werden.

Die Fronten

Was ist Freiheit? Was ist die Würde des Menschen? Entwürdigt eine Hidschab eine Frau oder darf nicht jede Frau ihre Würde selbst definieren? Wann ist das Tragen einer Hidschab Zwang und wann Selbstbestimmung? Wo fängt Selbstbestimmung an und wo hört sie auf?

Darf der deutsche Gesetzgeber Frauen zwangsemanzipieren? Muss er Vollverschleierung ebenso verbieten und als Ordnungswidrigkeit kennzeichnen wie das Verlangen mancher Menschen, nackt durch die Fußgängerzone zu laufen? Oder haben Muslimas nicht ebenso ein Recht auf die ganz eigene Wahl ihrer Kleidung wie jede andere Frau auch – von der Hosenanzugträgerin über die Lederlatex-Fetischistin bis hin zur Ganzkörper-tätowierten Piercing-behangenen Bauchfrei-Minirock-Trägerin?

Was ist religiös vorgegeben? Was ist gesellschaftlich konform? Was ist eine Beleidigung? Und wer entscheidet, ob es eine Beleidigung ist – die Trägerin einer Hidschab oder der mutmaßlich Beleidigte auf der Straße? Und was ist überhaupt mit Traditionen und Kulturen in anderen Ländern? Wenn woanders ein Händeschütteln als Aufdringlichkeit empfunden wird, dürfen Deutsche dann Menschen aus anderen Kulturkreisen den Händedruck aufzwingen?

Aufreger des Abends

Der Abend war ein einziger Aufreger. Denn es war zwar ein Talk, in dem viele wichtige, manche richtige, manche unrichtige, aber zu diskutierende Dinge gesagt wurden. Das Problem: Niemand diskutierte an diesem Abend. Am ehesten schien dies noch einzutreten, als Monika B. als Gast auftrat und erklärte, sie trage zuhause ein Kopftuch und nur außer Haus die Hidschab, damit sie nicht erkannt werde.

Der Grund: Die Hidschab hätte ihr zur Religionsfindung verholfen, ihr Mann wolle das Tragen der Hidschab eigentlich nicht, aber weil die Menschen auf der Straße sie nach ihrem Übertritt zum Islam als Kulturverräterin gegeißelt hätten, sei sie zur Verschleierung gekommen. Sie esse im Restaurant ohne Verschleierung, hebe den Schleier bei Gesprächen und mitunter auch in der Straßenbahn.

Die Verschleierung sei notwendig, weil "es nicht zur islamischen Ethik passt, dass Frauen einen lockeren Umgang mit Männern haben". Sie entkräftete also einige Vorurteile, bestätigte aber gleichzeitig indirekt das Vorurteil, Frauen sollten sich als Geschlecht des körperlichen Reizes nicht zu offenherzig den Männern gegenüber zeigen.

Moderatoren-Moment

"Nee, Frau Roth! Wenn Sie Ihre Antwort anfangen mit 'Noch einmal', dann weiß ich, dass ich das schon mal gehört habe." So bügelte Frank Plasberg die immerzu redende und nie direkt auf Fragen antwortenden Claudia Roth ab. "Sind Sie so flexibel, dass Sie hin und wieder auch mal eine Frage direkt antworten können?", fragte Plasberg. Es war ein nettes Spielchen zwischen den beiden, das sich durch die ganze Sendung zog.

Es passte zum Chaos einer kaum geleiteten Diskussion. Alle quatschten durcheinander, Plasberg bekam nur selten Ordnung hinein. Was nicht an ihm lag, sondern an den Gästen, die mitunter jede Kinderstube vergaßen und demonstrierten, dass sie in dieser Frage schon lange nicht mehr am Zuhören und Verständnis des Gegenübers interessiert sind.

Moderatoren-Frage des Abends

Passend dazu fragte Plasberg den deutsch-französischen Juristen und Publizisten Michel Friedman, ob es dafür nicht eine Lösung gebe. Keine spektakuläre Frage, zugegeben. Und auch keine spektakuläre Antwort – aber eine zutreffende, beschrieb sie doch den Kern des Abends: "Wir leben in Deutschland sicher nicht in einer Diktatur, sonst könnten und würden wir nicht über dieses Thema diskutieren. Es bleibt die Frage des 'Wie'." Und der Abend in der ARD war ein Paradebeispiel dafür, wie man nicht diskutieren sollte.

Tiefpunkt des Abends

Um dies zu unterstreichen, sei das Verhalten von Dirk Schümer beispielhaft angeführt. Eigentlich trug der Erich-Fromm-Preisträger (eine Auszeichnung für den Erhalt humanistischen Denkens und Handelns!) einen wichtigen Aspekt vor. "Meine eigene Kultur besteht aus einer offenen Kommunikation. Sie basiert auf dem 'Du', auf dem Gegenüber."

Dass er in diesem Zusammenhang die Hidschab als "das soziale Totenhemd" bezeichnete, sei wertfrei beigefügt. Nicht wertfrei hingegen sei verurteilt, wie ignorant sich Schümer verhielt, als Monika B. im Gespräch mit Plasberg ihre Ansichten vortrug. Schümer drehte sich demonstrativ ab, putzte übertrieben gelangweilt seine Brille, verweigerte sich einer Anteilnahme am Beitrag.

Offene Kommunikation predigen, dann aber – trotz Hidschab – einer Frau, die etwas zur Diskussion beizutragen hatte, den Rücken zuzukehren, ist im harmlosesten Falle schlechte Kinderstube, mit Sicherheit Populismus und im schlimmsten Falle etwas, das man sonst nur der AfD zutrauen würde.

Was offen bleibt

Vieles, fast alles. Es bleibt eine Diskussion zwischen Ideologien, Kulturen und einem fundamentalen Missverständnis beider Seiten füreinander. Khola Maryam Hübsch brachte es auf den Punkt, indem sie eingestand: "Ich kann den Vorwurf nachvollziehen, dass die Frau durch eine Hidschab zum Objekt gemacht wird." Dann aber fügte sie an: "Wären wir konsequent, müssten wir dann auch Peep-Shows und Pornografie verbieten, wo Frauen ebenfalls zum Objekt gemacht werden."

Am Ende läuft die Diskussion immer auf die Frage hinaus, wie viel Zwang und wie viel Freiheit hinter den Entscheidungen der einzelnen Menschen steckt. Es folgt reflexartig der Hinweis auf die unantastbare Würde des Menschen. Das Problem bleibt: Jeder definiert für sich selbst, was Würde bedeutet.

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