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RAF-Mord an Hanns Martin Schleyer: Kriegserklärung an Deutschland

"Schleyers Existenz beendet"  

Als Deutschland der Krieg erklärt wurde

04.09.2017, 17:54 Uhr | mvl, dpa

RAF-Mord an Hanns Martin Schleyer: Kriegserklärung an Deutschland. Am 5. September 1977 wurde der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von einem Kommando der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion entführt. (Quelle: UPI/upi/dpa)

Am 5. September 1977 wurde der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von einem Kommando der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion entführt. (Quelle: UPI/upi/dpa)

Vor 40 Jahren entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer - 44 Tage lang versank die Bundesrepublik daraufhin im Terror. Die Lufthansa-Maschine "Landshut" wurde nach Mogadischu entführt, RAF-Führer begingen die "Todesnacht" von Stammheim.

Der 5. September 1977 war ein Montag. Um 17.30 Uhr befand sich der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer auf dem Weg vom Büro zu seiner Kölner Wohnung. Plötzlich stand ein blauer Kinderwagen auf der Straße, aus einer Einfahrt setzte ein gelber Mercedes zurück. Schleyers Fahrer trat hart auf die Bremse, das Begleitfahrzeug mit drei Personenschützern prallte auf Schleyers Wagen.

Im selben Moment eröffneten vier Mitglieder der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) das Feuer. Sie erschossen Schleyers Fahrer und die drei Polizisten, der Arbeitgeberpräsident, ein ehemaliges Mitglied der SS, wurde von aus dem Wagen gezerrt und verschleppt.

Die Entführung und die dramatischen Wochen, die darauf folgten, gingen als "Deutscher Herbst" in die Geschichtsbücher ein. Es waren 44 Tage, die die Bundesrepublik verändern sollten.

Noch am Abend bat Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) seine wichtigsten Minister und Berater ins Kanzleramt. Um 21.30 Uhr trat er vor die Fernsehkameras. In einer kurzen Ansprache machte Schmidt klar, dass der Staat nun "mit aller notwendigen Härte" antworten müsse: "Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes."

Der Staat lässt sich nicht erpressen

Die Entführer, das RAF-"Kommando Siegfried Hausner", forderten die Freilassung von elf RAF-Terroristen, unter ihnen die in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller. Am 6. September, kurz vor Mitternacht, trat erstmals der "Große Krisenstab" mit den Spitzen der Sicherheitsorgane und aller Parteien des Bundestags zusammen. Sie alle waren sich einig: Der Staat wird sich nicht erpressen lassen.

Nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer erklärte Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass der Staat "mit aller notwendigen Härte" gegen die Terroristen vorgehen würde. (Quelle: dpa/Heinrich Sanden)Nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer erklärte Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass der Staat "mit aller notwendigen Härte" gegen die Terroristen vorgehen würde. (Quelle: Heinrich Sanden/dpa)

Was folgte, war ein wochenlanger Nervenkrieg, mit schweren Fahndungspannen und einer beispiellosen Aufrüstung des Staates.

Am 13. Oktober entführten schließlich vier palästinensische Luftpiraten die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, um den Forderungen der Schleyer-Entführer weiteren Nachdruck zu verleihen. Bei einem Zwischenstopp in Aden (Jemen) ermordeten sie den Flugkapitän Jürgen Schumann mit einem Kopfschuss.

"GSG 9" stürmt entführtes Flugzeug

Der Irrflug endete in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Am 18. Oktober, kurz nach Mitternacht, stürmte ein Einsatzkommando der deutschen "GSG 9" die Maschine. Drei der Entführer wurden getötet, 86 Geiseln befreit.

Nach der erfolgreichen Aktion war die Erleichterung in Bonn zunächst groß. Der Kanzler und der Krisenstab setzten darauf, dass die Schleyer-Entführer nun aufgeben würden. Doch das Gegenteil geschah.

Am 18. Oktober 1977 stürmte die deutsche Anti-Terror-Einheit "GSG 9" die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" im somalischen Mogadischu. (Quelle: dpa)Am 18. Oktober 1977 stürmte die deutsche Anti-Terror-Einheit "GSG 9" die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" im somalischen Mogadischu. (Quelle: dpa)

Im Nachtprogramm des Rundfunks wurde die Nachricht von der Befreiungsaktion in Nordafrika verbreitet. Trotz "Kontaktsperre" erfuhren die Stammheimer Häftlinge davon. Schon bei Verhören hatten sie angedroht, dass sie auf einen Selbstmord als "Entscheidung über uns" vorbereitet waren. Mit Hilfe einiger ihrer Anwälte hatten sie Waffen und Sprengstoff in den Hochsicherheitstrakt geschmuggelt.

Selbstmord im Gefängnis

Als am frühen Morgen des 18. Oktobers, wenige Stunden nach der Befreiungsaktion in Mogadischu, gegen 8.00 Uhr die Zellen der Häftlinge geöffnet wurden, waren Baader und Ensslin tot, Raspe lag im Sterben. Irmgard Möller überlebte als einzige mit Stichwunden in der Brust die Todesnacht im siebten Stock des Gefängnisses.

Einen Tag später, am 19. Oktober um 16.21 Uhr, läutete das Telefon bei der Textaufnahme im Stuttgarter Büro der "Deutschen Presse-Agentur". Eine weibliche Stimme begann zu diktieren: "Hier RAF (...) Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt (...) kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen." Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit der Mitteilung hätte, antwortetete sie knapp: "Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben."

Regierung und Opposition müssen zusammenhalten

Wegen der von der Regierung verfügten "Nachrichtensperre" sollte es noch Stunden dauern, bis die Öffentlichkeit vom blutigen Ende des Geiseldramas erfuhr. Der Fundort im Elsass wurde weiträumig abgesperrt, schließlich der Kofferraum des Audi geöffnet. Darin: Hanns Martin Schleyer, aus nächster Nähe mit Kopfschüssen ermordet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte später einmal als politische Folge der Schleyer-Entführung zwei Punkte genannt: Der Staat dürfe nicht erpressbar sein. Und: In vergleichbaren Situationen müssten Regierung und Opposition zusammenhalten. Dies gilt bis heute. Auch im laufenden Wahlkampf haben sich Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz darauf verständigt, die Terrorbekämpfung herauszuhalten, um die gesellschaftliche Geschlossenheit in dieser Frage nicht zu gefährden.

"Der Blutzoll war hoch"

Als der "Deutsche Herbst" endete, war die Fahndungsbilanz zunächst mager. Gerade einmal neun der später 22 ermittelten Tatverdächtigten waren identifiziert. Dennoch zieht RAF-Experte Butz Peters in seinem neuen Standardwerk "1977 - RAF gegen Bundesrepublik" eine insgesamt positive Bilanz: "Führt man auf Staatsseite die Sichtweisen gegen Jahresende 1977 auf einen kurzen Nenner zusammen, lautet das Fazit: Der Blutzoll war hoch. Aber nur so ließ sich künftiges Unheil vermeiden. Der Staat hat die Herausforderung bestanden."

Zehn Menschen hatte die RAF im Terrorjahr 1977 ermordet. Und es sollte noch 21 Jahre mit weiteren Todesopfern dauern, bis die Rote Armee Fraktion 1998 schließlich in einer anonymen Erklärung ihre Selbstauflösung verkündete: "Heute beenden wir das Projekt."

Unterschiede zwischen RAF und Islamischem Staat

Mit dem Aufkommen des radikalen Islamismus hat die Terrorgefahr seit dem 11. September 2001 einen ganz anderen Fokus. Nicht mehr einzelne Vertreter der "Herrschenden", wie es in den 70ern hieß, werden heute zum Ziel, sondern wehrlose Bürger, deren einziger Fehler es ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Die neuen Extremisten töten wahllos und willkürlich. "Der RAF ging es um das Zerschlagen eines kapitalistischen Systems", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière. "Dem IS geht es um die Errichtung eines Gottesstaates."

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