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Abgesetzter "Bild"-Chef: Empörung über Danksagungen an Julian Reichelt

"Bild"-Chefredakteur suspendiert  

Empörung über Danksagungen an Reichelt: "Verhöhnung"

19.10.2021, 17:00 Uhr | t-online, rtr, dpa, lw

Abgesetzter "Bild"-Chef: Empörung über Danksagungen an Julian Reichelt. Julian Reichelt: Der "Bild"-Chefredakteur wurde suspendiert.  (Quelle: imago images)

Julian Reichelt: Der "Bild"-Chefredakteur wurde suspendiert. (Quelle: imago images)

Nach schweren Vorwürfen gegen Julian Reichelt hat der Springer-Verlag den "Bild"-Chefredakteur abgesetzt. Das hielt seine Kollegen nicht davon ab, dem Ex-Boss zu huldigen – und zwar live im TV.

Die Suspendierung des "Bild"-Chefredakteurs Julian Reichelt schlägt Wellen: Auf ein Video, das eine Danksagung des stellvertretenden Chefredakteurs Paul Ronzheimer an Reichelt zeigt, haben zahlreiche Twitter-Nutzer empört reagiert. "Heute ist ein besonderer, ein schwerer Abend, insbesondere auch für mich. Ich möchte mich bedanken", sagt Ronzheimer in der "Bild live"-Show "Viertel nach Acht". Während seiner Ansprache schluckt er mehrmals schwer und räuspert sich, er ist den Tränen nahe.

"Es ist toll, für einen Mann zu arbeiten, der einem immer das Gefühl gibt 'the sky is the limit' und nicht 'die letzten Tage des Journalismus liegen hinter uns'", schließt sich "Bild"-Kollegin Nena Schink an. Auch Béla Anda zollt Reichelt Anerkennung: "Er war bereit, sein Leben zu riskieren, für 'Bild'."

Die Reaktion der "Bild"-Kollegen löste auf Twitter viele wütende Reaktionen aus. "Was für eine Verhöhnung seiner weiblichen Opfer", schreibt ein Nutzer. Ein anderer twittert ironisch: "Julian hat bestimmt immer Kuchen mit zur Arbeit gebracht. Anders kann ich mir das nicht erklären." Einige Nutzer kritisieren die Distanzlosigkeit der "Bild"-Kollegen: "Totale Distanzlosigkeit bei Bild – sie feiern ihn, trotz #meetoo", heißt es unter anderem.

Reichelt mit sofortiger Wirkung von Aufgaben entbunden

Der Medienkonzern Axel Springer hatte "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt am Montag mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Diese Aufgaben soll demnach nun Johannes Boie übernehmen, der Chefredakteur von "Welt am Sonntag".

"Im Kontext jüngster Medienrecherchen sind dem Unternehmen seit einigen Tagen neue Anhaltspunkte für aktuelles Fehlverhalten von Julian Reichelt zur Kenntnis gelangt", heißt es in der Mitteilung. "Der Vorstand hat erfahren, dass Julian Reichelt auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat. Deshalb hält der Vorstand jetzt eine Beendigung der Tätigkeit für unvermeidbar."

"Sex, Journalismus und Firmengeld"

Zuvor hatte die "New York Times" von einem toxischen Arbeitsklima in der "Bild"-Redaktion berichtet. Die Arbeitsplatzkultur vermische "Sex, Journalismus und Firmengeld", heißt es in dem Artikel. Exemplarisch wird der Fall einer anonymen "Bild"-Redakteurin geschildert, die nach eigenen Angaben infolge einer Affäre mit Chefredakteur Reichelt befördert worden sei. Eine Sprecherin des Springer-Verlages hatte der "New York Times" gesagt, die Aussage der Frau enthalte "falsche Tatsachenangaben".

Im Frühjahr musste Reichelt sich bereits nach ähnlichen Enthüllungen von "Spiegel" und "Zeit" einem Compliance-Verfahren stellen. Im Anschluss an die Untersuchung durch eine externe Anwaltskanzlei kehrte er nach einer kurzen Pause jedoch wieder in seinen Job zurück.

Aufruhr durch "New York Times"

Die "New York Times" hatte den Bericht über den Springer-Konzern mit Blick auf dessen Pläne zur Übernahme der US-Mediengruppe Politico veröffentlicht. Die Zeitung verwies auch auf bislang nicht veröffentlichte, monatelange Recherchen eines Investigativ-Teams der Ippen-Mediengruppe. Demnach stoppte Verleger Dirk Ippen die Veröffentlichung mit der Begründung, er wolle den Eindruck vermeiden, einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden zu wollen. Eine Beeinflussung durch Springer habe es nicht gegeben, ließ der Ippen-Verlag am Montag wissen. 

Die Nichtveröffentlichung der Recherchen sorgte auch innerhalb der Ippen-Gruppe für Kritik: Die "Frankfurter Rundschau", die zu der Mediengruppe gehört, veröffentlichte am Montagnachmittag eine Stellungnahme: "Das Verbot widerspricht allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung. Die Entscheidung verletzt den Grundsatz der Trennung von Redaktion und Verlag", heißt es in der Mitteilung. Die Zeitung sei demnach bereit gewesen, den Bericht zu veröffentlichen.

"Spiegel" veröffentlicht Teile der "Ippen"-Recherche

Auszüge der Recherche flossen stattdessen am Montagabend in einen Artikel des "Spiegel" ein: Laut dem Bericht soll Reichelt bereits während seines Compliance-Verfahrens über eine Beziehung zu einer ihm unterstellten Mitarbeiterin gelogen und diese auch nach dem Verfahren nicht beendet haben. 

Darüber hinaus gibt der Artikel Einblicke in die Befragung einer betroffenen Mitarbeiterin während des Verfahrens. Auf die Frage, ob Reichelt etwa Jobs davon abhängig mache, dass Mitarbeiterinnen mit ihm schlafen, soll eine Befragte geantwortet haben, sie sei dafür das beste Beispiel. Die Betroffene habe dadurch eine Position bei "Bild" ausgeübt, für die sie sich selbst noch nicht bereit gefühlt haben soll. Diese Praxis sei vielen in der Redaktion bekannt gewesen, Reichelts Affären zu anderen Mitarbeiterinnen sollen teils bis in das Jahr 2014 zurückreichen.

Springer-Vorstand lobt Reichelt als Journalist

Springer-Chef Mathias Döpfner sagte am Montag: "Julian Reichelt hat 'Bild' journalistisch hervorragend entwickelt und mit 'Bild live' die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich."

"Bild" ist Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung, seit Kurzem gibt es auch "Bild TV". Der Axel-Springer-Konzern, der vor allem für das Boulevard-Blatt sowie die "Welt" bekannt ist, hatte im August die Übernahme des US-Nachrichtenunternehmens Politico bekannt gegeben. Die Berliner nehmen seit Jahren verstärkt den US-Medienmarkt in den Fokus und wollen mit Rückenwind des größten Aktionärs, dem US-Finanzinvestors KKR, weiter expandieren.

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