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Thomas Gottschalk schweigt – das ist maßlos enttĂ€uschend

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 06.02.2021Lesedauer: 6 Min.
Thomas Gottschalk: Der Moderator galt fĂŒr die Kolumnistin Lamya Kaddor als Held frĂŒherer Tage – bis jetzt.
Thomas Gottschalk: Der Moderator galt fĂŒr die Kolumnistin Lamya Kaddor als Held frĂŒherer Tage – bis jetzt. (Quelle: Manfred Segerer/imago-images-bilder)
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Über den völlig verkorksten WDR-Talk "Die letzte Instanz" wurde schon fast alles gesagt. Nur Thomas Gottschalk kommt bei all der Kritik erstaunlich ungeschoren davon. Warum bloß?

Thomas Gottschalk hat mich diese Woche maßlos enttĂ€uscht. Wie fĂŒr fast alle, die vor 2005 geboren wurden, ist er fĂŒr mich ein Held frĂŒherer Tage. Was der Moderator selbst ĂŒber sich in der neuen Clubhouse-App schreibt, trifft es ziemlich gut: "Du bist mit mir groß geworden!". Ja, auch ich, die in einer syrischen Einwandererfamilie sozialisiert wurde. Sogar meine Eltern, die in ihrer Kindheit in einem Dorf ohne Strom und fließendem Wasser aufwuchsen, kennen Thomas Gottschalk, und sie kennen nicht viele deutsche TV-Stars.

Der absolute Höhepunkt war fĂŒr mich natĂŒrlich, als er am 4. November 1995 in der Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg Michael Jackson bei "Wetten, dass..?" zu Gast hatte. Ich klebte förmlich an der Bildröhre bei uns im Wohnzimmer: Thomas Gottschalk hatte es geschafft, Michael Jackson ins deutsche Fernsehen zu holen. Diese Woche nun der Tiefpunkt. Ich musste – ja, ich musste – Notiz davon nehmen, wie die TV-Legende Gast der kleinen WDR-Talkshow "Die letzte Instanz" gewesen ist. Prominente diskutieren dort ĂŒber gesellschaftliche und politische Themen.

Eine Frage lautete, ob es wirklich nötig sei, den umstrittenen Namen einer Fleischsauce abzuschaffen. Am Ende durften alle Diskutanten mit einer grĂŒnen Karte Zustimmung, mit einer roten Ablehnung signalisieren. Alle hielten die rote hoch. Über diese völlig verkorkste Sendung wurde schon fast alles gesagt. Nur ĂŒber Thomas Gottschalk nicht. Der kommt bei all der Kritik erstaunlich ungeschoren davon. Warum? Weil er eine Legende ist?

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Gottschalk mag beim Z-Wort bloß an etwas zum Essen denken

Thomas Gottschalk hat die Betroffenheit lĂ€cherlich gemacht, die manche Menschen befallen kann, wenn sie bestimmte Worte hören. Er spottete voller Überzeugung ĂŒber den Kloß im Hals, der bei ihnen entsteht, wenn bestimmte AusdrĂŒcke schmerzliche Assoziationen bei ihnen wecken – wie zum Beispiel bei dem Unternehmer, Aktivisten, Autor und Performer Gianni Jovanovic, der sagt: "Das Wort Zigeuner wurde meinen Verwandten und Menschen aus meiner Familie in der Zeit von 1939 bis 1945 in die Haut eintĂ€towiert. Und dann wurden sie vergast."

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Thomas Gottschalk mag beim Z-Wort bloß an etwas zum Essen denken, andere verbinden mit dem Z-Wort den Holocaust, den Porajmos, den Völkermord an den Sinti und Roma; oder die rechtsradikalen Milizen in Ungarn, die selbst Jagd auf Kinder machen und rufen "Kommt nur raus ihr Z., heute Abend werdet ihr sterben"; oder die Jahrhunderte alte Stigmatisierung als unzivilisierte, ungebildete "Landstreicher"; oder die Ausgrenzung als Bettler, Taugenichtse, "arbeitsscheues" Gesindel; oder die Beschimpfung als ruchlose Diebe, ZuhĂ€lter und Mörder. Das sind Probleme!

Nicht die Benennung eines Schnitzels. Oder die Sorge, ob wir in Deutschland Worte benutzen dĂŒrfen oder nicht. Nicht die SensibilitĂ€t von Mitgliedern verletzlicher Minderheiten ist "nervig", "krampfig", "lĂ€cherlich", wie die Talkrunde beinah unisono zeterte, sondern bestenfalls das Verhalten dieser TalkshowgĂ€ste. Janine Kunze und Micky Beisenherz, der Moderator Steffen Hallaschka und der WDR haben sich inzwischen zu Wort gemeldet, Fehler eingestanden und um Entschuldigung gebeten.

Andere GĂ€ste haben sich entschuldigt, warum Gottschalk nicht?

Umso lauter dröhnt nun das Schweigen von Thomas Gottschalk. Der 70-JĂ€hrige ist nicht der einzige, der die Kraft von Sprache offenbar nicht versteht. Aber Thomas Gottschalk ist jemand, von dem man es erwarten wĂŒrde. Die Zuschauer nehmen ihn als Beispiel fĂŒr Weltoffenheit wahr. Er ist ein Mann der Worte und der großen Gesten, ein Mann des Showbiz, der in Deutschland und Kalifornien lebt. Wilde WuschelmĂ€hne statt braven Seitenscheitels. Schrilles Outfit statt Konformisten-Uniform. Auf Du und Du mit den großen und kleinen Stars. Niemand wĂŒrde ihm angesichts seines Images unterstellen, absichtlich rassistisch zu handeln oder andere Menschen auszugrenzen. Ich auch nicht.

Vielleicht interessiert es ihn einfach nicht

Deshalb tut es umso mehr weh, wenn von ihm zur Causa "Die letzte Instanz" kein Wort zu hören ist. Über die GrĂŒnde seines Verhaltens lĂ€sst sich daher nur spekulieren. Vielleicht interessiert es ihn einfach nicht. Vielleicht ist er empört, dass man es wagt, eine GrĂ¶ĂŸe wie ihn in die NĂ€he von Rassismus zu rĂŒcken. Vielleicht ist die TV-Ikone zu stolz, sich von einfachen Menschen eine Reaktion abringen zu lassen und Kritik anzunehmen; das durfte nicht mal der große Götz George, der ihm bei "Wetten, dass..?" 1998 zusetzte: "Es kommt immer wieder der Oberlehrer durch bei dir." "Komm auf den Film zu sprechen, der ist mir wichtiger als das, was du redest im Moment." "Du hast durch deine Filme wirklich sehr viel gezeigt, wie kompliziert du bist."

Thomas Gottschalk war in den 80er- und 90er-Jahren der wichtigste Mann im deutschen Unterhaltungsfernsehen. Nach "Wetten, dass..?" begann sein Stern zu sinken. Ähnlich große Erfolge blieben aus. An die Stelle der Leistungen trat mehr und mehr der Mythos Gottschalk. Dennoch möchte der gebĂŒrtige Bamberger am Puls der Zeit sein und diskursfĂ€hig bleiben. Er mischt sich ein, hat einen Twitteraccount, ist bei "Clubhouse", ging zu Intimfeind Dieter Bohlen in die Jury der RTL-Show "Das Supertalent", war Gastjuror bei Heidi Klums "Germany's Next Topmodel" auf ProSieben, ĂŒbernimmt immer wieder neue TV-Formate.

Aussagen von Gottschalk, die fĂŒr KopfschĂŒtteln sorgen

Das Problem ist nur: Thomas Gottschalk ist geblieben, wie er war, wĂ€hrend sich die Welt um ihn herum verĂ€ndert hat. Die VerĂ€nderungen nimmt er entweder nicht richtig wahr, oder er will sie nicht wahrhaben. Das erinnert an einen gewissen Friedrich Merz. Thomas Gottschalks Wirk-Lichkeit ist die der 80er/90er-Jahre, als TĂŒrken- und Polenwitze noch niemanden öffentlich groß störten. Auf Twitter schrieb er 2017: "Hab meine DNA aufschlĂŒsseln lassen. Afrika war ja klar. Aber ĂŒber 50 Prozent OsteuropĂ€er! Deswegen hab ich als Kind so geklaut." Er betreibt Blackfacing und wundert sich weiterhin, was das Problem ist.

Er sei mal als Jimi Hendrix in Beverly Hills auf einer Party gewesen, wo nur weiße Banker gewesen seien, erzĂ€hlte er, da habe er zum ersten Mal erlebt, wie sich ein Schwarzer fĂŒhlt 
 So etwas ruft heute selbstverstĂ€ndlich, endlich und völlig zu Recht KopfschĂŒtteln, UnverstĂ€ndnis und Widerspruch hervor. Die meisten Menschen sind da schon lĂ€ngst viel, viel weiter. Ausgestattet mit 30 bis 40 Jahre altem RĂŒstzeug kann man in den Diskussionen der 2020er-Jahre nicht bestehen. Bei vielen Älteren, nicht nur Stars der Medienbranche, lĂ€sst sich Ähnliches beobachten. Die Zeit ĂŒberholt sie.

Das Z- und das N-Wort

Das Z-Wort wird man eben nicht mehr "doch wohl noch sagen dĂŒrfen". Auch nicht das N-Wort. Es geht nicht allein darum, was redliche Sprechende mit ihren Worten meinen, es geht auch darum, welche Assoziationen sie bei anderen damit wecken können, und wie andere dann mit diesen Assoziationen umgehen. Es spielt außerdem keine Rolle, was ein etymologisches Lexikon ĂŒber die "eigentliche" Bedeutung eines Wortes auffĂŒhrt. Es geht darum, wie es im Hier und Jetzt geprĂ€gt ist.

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Manche Worte landen mit der Zeit auf dem Index, veralten und verlieren die Bedeutung. Das nennt man Archaismus, nicht "erzwungenes Bewusstsein". Wer weiterhin in der Öffentlichkeit bestehen will, muss ebenso gedanklich wie sprachlich mit der Zeit gehen. Die Zeit lĂ€sst sich nicht aufhalten, nicht einmal von Thomas Gottschalk. Seit dieser Woche mache ich mir ernsthaft Sorgen, dass der Stern meines frĂŒhen TV-Helden endgĂŒltig versinkt. Ich wĂŒnsche es mir nicht. Im Gegenteil. Ich hĂ€tte es gerne anders.

Gottschalk ist im Kampf gegen Diskriminierung dann nicht mehr glaubwĂŒrdig

Nur eines dĂŒrfte inzwischen klar sein, ĂŒber gesellschaftspolitische Themen wird sich Thomas Gottschalk in Zukunft nicht mehr Ă€ußern können, ohne auf seinen Auftritt bei "Die letzte Instanz" zurĂŒckgeworfen zu werden. Wenn nicht noch eine ĂŒberzeugende Stellungnahme erfolgt, hat er seine GlaubwĂŒrdigkeit im Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung preisgegeben.

Der aktuelle Vorfall knĂŒpft nicht nur an seinen Osteuropa-Tweet und seine Blackfacing-Geschichte an. Der deutschen Autorin Jackie Thomae, deren Vater im westafrikanischen Guinea geboren wurde, sagte er in "Gottschalk liest": "Du schaffst es, dass einem in deinem Buch weder das Thema Rassismus noch das Thema DDR auf den Senkel geht." Eine öffentliche Kritik am SĂ€nger Alexander Klaws, der sich fĂŒr eine Winnetou-Rolle das Gesicht dunkel geschminkt hatte, kommentierte Thomas Gottschalk mit den Worten: "Ich glaube nicht, dass irgendeinem Indianer irgendwo deswegen eine Feder aus dem Schmuck gefallen ist, aber vielleicht bin ich immer noch nicht sensibel genug."

Die Sendung können Sie in der Mediathek des WDR sehen.

Mehr Kolumnen von Lamya Kaddor lesen Sie hier.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin, Publizistin und GrĂŒnderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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