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Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg: Plötzlich kommen die Tränen

Enttäuschung in Ostdeutschland  

Die Angst vor der zweiten Wende

Von Martin Trotz

01.09.2019, 15:19 Uhr
 (Quelle: t-online.de)
Ein Dorf wählt 50 Prozent AfD: Wem die Menschen hier noch vertrauen

"Brauner Osten", "abgehängte Dörfer", "tote Gegend" - Urteile über die neuen Bundesländer. Die letzten Wahlergebnisse mit hohen Stimmenanteilen für die AfD haben Deutschland aufgeschreckt. Die Zeit, in der die Parteien den Osten ignoriert haben, ist vorbei. Woher kommt die Enttäuschung? (Quelle: t-online.de)

Ein Dorf wählt 50 Prozent AfD bei der Landtagswahl: Was die Menschen bewegt, stört, frustriert – und inwiefern Angst vor einer zweiten Wende besteht. (Quelle: t-online.de)


Die Landtagswahlen im Osten: Jedes Mal folgt nach einem AfD-Erfolg die Frage nach dem Warum. Was hat die Ostdeutschen so gekränkt und enttäuscht? Wir haben uns auf die Suche gemacht – bei den Menschen und in uns selbst. 

"Brauner Osten", "abgehängte Dörfer", "tote Gegend" – das ist meine Heimat. Zumindest, wenn man Klischees und mancher Darstellung in der Öffentlichkeit glauben mag. Ich wurde in Mecklenburg-Vorpommern geboren, als die Wende kam, war ich drei Jahre alt. Aufgewachsen bin ich in Neubrandenburg, einer Stadt, die vor der Wende fast eine Großstadt war und heute mit nur noch etwas mehr als 60.000 Einwohnern trotzdem die drittgrößte Stadt des Landes ist. Die meisten meiner Freunde sind wie ich weggegangen.

Forst: Wie meine Heimat hat die Stadt in der Lausitz mit Abwanderung und Überalterung zu kämpfen.  (Quelle: t-online.de)Forst: Wie meine Heimat hat die Stadt in der Lausitz mit Abwanderung und Überalterung zu kämpfen. (Quelle: t-online.de)

Die letzten und aktuellen Wahlergebnisse haben die politische Szene Deutschlands durcheinander gewirbelt. Schon vor den Wahlen in Sachsen und Brandenburg übertrumpften sich die Parteien in Empathie für Ostdeutschland. Im Wahlkampf ging es um die Wende und die Probleme nach dem Mauerfall. Die Linke forderte eine Aufarbeitung der Nachwendezeit, die AfD-Plakate sind voll von Neugeschichtsschreibungen und Elske Hildebrandt, Tochter von der Ost-SPD-Ikone Regine, brachte das Thema Kränkung auf die Agenda.

Sind die Menschen in Ostdeutschland gekränkt? Man kann jemanden mit einer Äußerung oder einer Handlung kränken, seine Gefühle verletzen, sagt der Duden. Doch was hat die Menschen aus den neuen Bundesländern verletzt? 

Spree-Neiße-Kreis: Das Ende der Kohle ist beschlossen, die Region kämpft mit dem Strukturwandel. (Quelle: t-online.de)Spree-Neiße-Kreis: Das Ende der Kohle ist beschlossen, die Region kämpft mit dem Strukturwandel. (Quelle: t-online.de)

Unsere Videoreportage (oben in diesem Text) liefert Antworten. 

Meine ersten Erinnerungen an die Einheit drehen sich um Muttis ersten Klamotteneinkauf auf dem Berliner Ku’damm. Ich selbst habe die Existenzbedrohung nicht erlebt; als viele DDR-Betriebe unproduktiv und durch die Treuhand abgewickelt wurden, Arbeitslosigkeit für viele Menschen ein Problem wurde, die Währungsunion Vermögen halbierte, der Haushaltstag als bezahlter, arbeitsfreier Tag für das Kümmern um Haushalt und Familie wegfiel, und die soziale Sicherheit für die Menschen nach eigenem Befinden nachließ. Meinen Eltern erging es zwar gut, sie wurden nach dem Mauerfall nicht arbeitslos.

Und doch erlebe ich die Aufarbeitung der Wende durch meine Herkunft. Menschen, die mir wichtig sind, verloren ihren Beruf, weil an ihrem Pionierleiter-Studium das rote DDR-Fähnchen dran hing. Ich hörte und höre in meinem Umfeld von erheblichen Vermögensverlusten, enttäuschten Hoffnungen und Brüchen, auch dem gefühlten Desinteresse des anderen Teils der vereinten Bundesrepublik. Ich nahm die Herabwürdigung der Lebensleistung wahr, die fehlende Begegnung auf Augenhöhe, die Besserwisserei von Westdeutschen. Ich entfachte Diskussionen innerhalb der Familie und hörte dann den überstrapazierten Satz, es sei nicht alles schlecht gewesen in der DDR. Was mich bis heute nervt: wenn mir die Einteilung von Menschen in "Wessis" und "Ossis" begegnet.

Richtig bewusst wurden mir die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland erst durch das Studium in Hessen, als es Ossi-Witze hagelte, ich bei Worten wie "urst" oder "Kaufhalle" schräg angeguckt wurde oder auf unzähligen Mitfahrgelegenheiten wahrnahm, wer aus dem Osten kommt, ohne dass er oder sie es mir vorher sagte. Was mir wichtig ist: Diese Eindrücke verdienen ebenso die deutliche Feststellung, dass heute viele meiner besten Freunde aus den alten Bundesländern kommen. Warum ich es dennoch erzähle: Weil ich an diesem Punkt des Studiums begann, mir meine eben auch ostdeutschen Wurzeln zu vergegenwärtigen und mich mit meiner Heimat anders auseinanderzusetzen.

So diskutiere ich heute mit Freunden auch die Darstellung "des Ostens" in Filmen oder Serien. Darin werden zu Recht ausführlich die unsäglichen Verbrechen der Stasi thematisiert. Darin fehlt aber, wie ich finde, oft das Aufgreifen des "normalen Lebens" der ehemaligen DDR-Bürger. 

Unsere Videoreportage war daher auch eine Reise in meine eigene Vergangenheit. Eine Reise hin zu der Enttäuschung, die ich allem Erlebten zum Trotz doch nie ganz nachvollziehen konnte – und während der ich teilweise eines Besseren belehrt und manchmal auch bestätigt wurde. 

Spree-Neiße-Kreis: Zerstörte Brücken aus dem Zweiten Weltkrieg führen über den Grenzfluss Richtung Polen. (Quelle: t-online.de)Spree-Neiße-Kreis: Zerstörte Brücken aus dem Zweiten Weltkrieg führen über den Grenzfluss Richtung Polen. (Quelle: t-online.de)

Mein Kollege Arno Wölk und ich sind in den Spree-Neiße-Kreis gereist (siehe das Video oben in diesem Text). Nach Forst – bis zu einem Drittel AfD-Wähler – und nach Heinersbrück, wo es bei der Bundestagswahl sogar 40 Prozent waren. In Forst macht vielen Menschen das Ende der Braunkohle zu schaffen. Dort trafen wir am Neiße-Fluss, der direkten Grenze zu Polen, Menschen älteren Semesters, die sich wünschen, dass wieder mehr los sei im Ort: "Hier gibt es nüscht", sagte uns eine Rentnerin am Tisch. Der Mann gegenüber meinte auf die Frage nach Problemen mit dem Fall der Mauer schlicht: "Wir wurden abserviert!" 

Bei Aufnahmen in Heinersbrück wiederum begegneten wir einem Mann. "Die Medien in Heinersbrück?", sprach er uns an. Wir kamen nur ohne Kamera ins Gespräch. Vor der Wende sei er Polizist gewesen, erzählte er, jetzt nicht mehr. Warum nicht? Er habe sich nach der Wende nicht getraut. Fehlender Mut und die Angst, trotz Ausbildung nicht gut genug zu sein für die neuen Anforderungen und das neue System. Die Antwort erinnerte mich schlagartig an jemandem aus meinem persönlichen Umfeld. Und da war sie wieder – meine eigene Vergangenheit, mein eigener Zugang zum Thema Kränkung. Der Mann auf der Straße erzählte zu Ende: Seine Kinder würden weit weg wohnen, bald sei er 60. Während er das sagte, stiegen ihm Tränen in die Augen. 


Wir waren auf der Suche nach Kränkung und Enttäuschung, wollten erfahren, warum die Wahlergebnisse sind, wie sie sind. Auf dem Weg zurück nach Berlin dachte ich über das Selbstwertgefühl der Leute nach, die von der Darstellung über den "braunen Osten" tief getroffen sind. Über Menschen, für die sich die Situation 30 Jahre nach dem Mauerfall wie ein Déjà-vu anfühlen muss, die sich wieder Sorgen machen um ihre Zukunft, denn: "Der Verlust der Wertigkeit ist schmerzlich", wie uns ein Landarzt sagte. Ich denke auch an die Entwertung einer Region, wie sie meine Heimat auch ohne Kohleabbau erlebt hat. Herausforderungen wie der Strukturwandel finden in der Gegenwart statt. Die Wurzeln aber liegen in der Vergangenheit. 

Die Probleme, Enttäuschungen und Eindrücke der Menschen: Im Video oben sehen Sie unsere Reportage aus dem Spree-Neiße-Kreis.

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