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Im Kampf gegen Corona braucht es mehr Taten statt Worte

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Taten statt Worte

27.02.2021, 08:16 Uhr
Im Kampf gegen Corona braucht es mehr Taten statt Worte. Polizisten kontrollieren im Englischen Garten in München, ob die Menschen den vorgeschriebenen Corona-Abstand einhalten. (Quelle: dpa/Peter Kneffel)

Polizisten kontrollieren im Englischen Garten in München, ob die Menschen den vorgeschriebenen Corona-Abstand einhalten. (Quelle: Peter Kneffel/dpa)

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Merken Sie das auch? Es vergeht kein Tag, an dem uns nicht irgendjemand erzählt, was man dringend tun müsste, um dieses oder jenes Problem in der Corona-Krise zu lösen. Nein, eigentlich ist es nicht nur einer, es sind viele. Morgens im Bundestag, mittags auf der Pressekonferenz, abends in der Talkshow: Viele gute Ideen, wie man Gefährdete besser schützen, notleidende Betriebe sinnvoller unterstützen oder die Bürger schneller impfen könnte. Toll, so ein Land, in dem es so viele Leute mit guten Ideen gibt.

Weniger toll, dass so viele gute Ideen genau das bleiben: gute Ideen. Legte man jedes Mal, wenn wieder ein Minister, ein Virologe, ein Journalist oder ein sonstiger kluger Kopf einen Vorschlag macht, was nun am besten zu tun sei, zehn Euro auf den Tisch, wäre der Bundeshaushalt längst saniert. "Land der Ideen" nennt sich Deutschland in der Werbekampagne der Bundesregierung. "Ideen sind unser wertvollster Rohstoff, ein Garant für eine lebenswerte Zukunft", heißt es da. Klingt toll, aber in diesen Tagen wäre es noch toller, Deutschland wäre das Land der Taten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich mir den lieben langen Tag die Debatten um Öffnungsstrategien, Impfstrategien und Teststrategien anhöre, dann denke ich manchmal: Ja, liebe Leute, dann macht doch einfach mal.

Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, jeder macht mal Fehler. Aber besser, man macht überhaupt etwas und lernt aus den Fehlern, statt jeden neuen Vorschlag aus Angst vor der eigenen Courage wochenlang zu zerreden, bis irgendwann nur noch Konzeptbrösel und genervte Bürger übrig bleiben.

Dieser Gedanke spukte mir im Kopf herum, als ich die E-Mail eines Tagesanbruch-Lesers aus dem schönen Franken las. Er beschreibt darin, was er 1957 erlebt hat, und ich darf das hier zitieren: "Damals, wenige Jahre nach dem Krieg, gab es unzählige ansteckende Krankheiten. Der damalige Landrat in Tauberbischofsheim beschloss gemeinsam mit dem Chef des amerikanischen Fliegerhorstes in Wertheim am Main, ein Zeichen zu setzen. Innerhalb kürzester Zeit fuhren viele weiße Bullis durch die Lande, besetzt mit zwei Ärzten. Sie fuhren in alle Dörfer, bis in die kleinsten Meiler. Sie impften auf Teufel komm raus. In den Fahrzeugen konnte man sich sogar röntgen lassen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sich der Impfaufforderung zu entziehen. Man wollte ja leben!"

Und weiter: "Aber heute, rund 65 Jahre später, müssen Menschen 50 oder gar 70 Kilometer zum Impfzentrum fahren. Niemand fragt, wie sie dorthin kommen. Es gibt keine erkennbaren Konzepte, selbst im ach so glorreichen Bayern nicht. Alte Menschen stehen hier im Matsch und Regen und warten zum Teil stundenlang, bis sie eingelassen werden. Da gibt es Ehepaare jenseits der siebzig, die – oh nein! – nicht am selben Tag ihren Impftermin haben: Der Mann ist am Donnerstag dran, die Ehefrau am Freitag. Auch die Impf-Hotline anzurufen, ist in vielen Fällen keine gute Idee. Denn dann wird man oft mit einer Dame im Ausland verbunden, deren Deutschkenntnisse holprig sind. Das ist das reiche und ach so fortschrittliche Deutschland heute."

Nun mögen Sie einwenden: Na ja, Einzelfälle, kommt halt mal vor. Doch leider sind solche und ähnliche Erlebnisse öfter zu hören. Wir neigen dazu, Abläufe so gründlich zu organisieren, dass wir dabei den Sinn und Zweck mitunter aus den Augen verlieren. "German Overengineering" nennen das die Engländer. Auch dass Zigtausende Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs ungenutzt herumliegen, spricht nicht gerade für ein pragmatisches Management. Warum dürfen Hausärzte die nicht einfach in die nächstbesten Oberarme spritzen? 

Nicht alles so schwarz sehen, gut Ding will Weile haben, höre ich immer wieder. Schön und gut, aber dann erlaube ich mir mit einem anderen geflügelten Wort zu antworten: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. In diesen Tagen würde ich mir wünschen, dass wir uns Erich Kästners Empfehlung zu Herzen nehmen, und einfach mal tun, was doch auf der Hand liegt. Selbst wenn dann nicht alles glatt läuft, selbst wenn dann mancher nölt, selbst wenn nicht jede Verordnung nach Punkt und Komma eingehalten wird. Ich denke, das halten wir aus.

Um die Frage, wie Deutschland die Fehler in der Corona-Krise beheben kann, geht es heute auch in unserem Podcast. Außerdem sprechen mein Kollege Marc Krüger und ich über die aktuellen Herausforderungen der Bundeswehr. Hören Sie bitte hinein:

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Zum Start ins Wochenende empfehle ich Ihnen heute Gute-Laune-Musik: Mit Manu Chao kann gar nichts schiefgehen. Am Montag schreibt Peter Schink den Tagesanbruch, am Dienstag Anna Aridzanjan. Von mir lesen Sie dann am Mittwoch wieder.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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