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Putins fatale Fehleinschätzung


Eine fatale Fehleinschätzung

Von Florian Harms

Aktualisiert am 08.10.2022Lesedauer: 5 Min.
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Kremlchef Putin hat seine Kraft maßlos überschätzt.
Kremlchef Putin hat seine Kraft maßlos überschätzt. (Quelle: Maxim Shemetov/Reuters-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

heute vor 30 Jahren starb der Mann, der wie kein Zweiter die Annäherung Deutschlands an Russland betrieb. Nach den Naziverbrechen an den Völkern der Sowjetunion und der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke hatte Willy Brandt mitten im Kalten Krieg den Ausgleich mit den kommunistischen Diktatoren im Kreml gewagt. Weitsicht, unbedingter Friedenswille, Kompromissbereitschaft und vor allem viel Mut brauchte er für seinen Weg, der ihm in der Heimat neben Beifall auch Kritik und Anfeindungen einbrachte. Heute sind sich die Historiker einig, dass Brandts visionäre Politik zur Aufweichung des Ostblocks beitrug und die Konfrontation der Atommächte im Warschauer Pakt und der Nato entschärfte.

Brandt war aber auch deshalb erfolgreich, weil er in Moskau um Gesprächspartner wusste, die sich hinter der Fassade der kommunistischen Ideologie von pragmatischer Logik leiten ließen. Die trotz aller Rivalität den unbestreitbaren Vorteil des Ausgleichs statt ständiger Gegnerschaft würdigen konnten und sich der Verantwortung stellten, ihrem eigenen Volk ein Leben in Sicherheit und Stabilität zu ermöglichen. Schaut man sich den Wochenschau-Beitrag zur Unterzeichnung des Moskauer Vertrages vom 12. August 1970 heute noch mal an, spürt man nicht nur die ernste Würde der Verhandlungspartner – auf deutscher Seite neben Bundeskanzler Brandt der Außenminister Walter Scheel, auf sowjetischer Ministerpräsident Alexei Kossygin und Außenminister Andrej Gromyko. Auch die historische Bedeutung des Augenblicks ist förmlich mit Händen zu greifen. Beide Länder verpflichteten sich, die Grenzen in Europa zu achten, auf Gewaltanwendung zu verzichten und die Entspannung zwischen Ost und West zu fördern.

Kanzler Brandt und Ministerpräsident Kossygin unterschreiben den Moskauer Vertrag, im Hintergrund Parteichef Breschnew.
Kanzler Brandt und Ministerpräsident Kossygin unterschreiben den Moskauer Vertrag, im Hintergrund Parteichef Breschnew. (Quelle: imago-images-bilder)

Das ist heute anders. Heute sitzt im Kreml kein Herrscher mehr, der sich seiner Verantwortung gegenüber den Völkern Europas, dem Frieden und der Sicherheit bewusst ist und entsprechend handelt. Heute sitzt dort ein verschlagener Geheimdienstler, der mit einer Horde brutaler Raffzähne das Land ausgeplündert hat, während der Corona-Zeit offensichtlich eine persönliche Krise durchlitten hat und der fixen Idee verfallen ist, das großrussische Reich der Vergangenheit mit Gewalt wieder zu errichten.

"Wladimir Putin ist ein großer Verlierer", sagt der Historiker Harold James im Interview mit unserer Redaktion. "Sein Ende hat schon begonnen. Die politische Lage in Russland ist viel instabiler, als viele im Westen glauben. Es ist gut möglich, dass Russland bald auseinanderfällt."

Tatsächlich scheint der Machtkampf in Moskau bereits entbrannt zu sein. Noch wird Putin nicht offen infrage gestellt, doch angesichts der fortgesetzten Niederlagen auf den ukrainischen Schlachtfeldern beginnen sich seine Apparatschiks gegenseitig zu zerfleischen. Verteidigungsminister Sergej Schoigu und einzelne Generäle sind Zielscheibe hasserfüllter Verwünschungen, auch im Propagandafernsehen brechen sich Wut und Drohungen Bahn. Dass der Kremlchef sich gezwungen sah, den blutrünstigen Nichtsnutz Ramsan Kadyrow aus Tschetschenien zum Generaloberst zu befördern und ihm damit den dritthöchsten Rang der russischen Armee zu spendieren, verdeutlicht, wie verzweifelt man in der Führung mittlerweile ist.

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Der angezettelte Krieg entpuppt sich für Russland in jeder Hinsicht als Desaster: militärisch, wirtschaftlich, politisch, moralisch. Offenkundig hat Putin in seiner imperialen Verblendung nicht nur die Widerstandskraft der Ukrainer und die westliche Gegenwehr unterschätzt, sondern auch die Fähigkeiten seiner Armee maßlos überschätzt: Ohne vernetzte Strategie und ohne Kampfeswillen, dafür mit verrosteten Gewehren und unter gegenseitigen Beschimpfungen müssen Hunderttausende Zwangsrekrutierte in die Kämpfe ziehen, in denen schon Zehntausende gestorben sind.

Diese Fehleinschätzung ist typisch für Diktatoren: Weil es in Unterdrückungsregimen an demokratischen Kontrollmechanismen fehlt, weil niemand sich traut, dem allmächtigen Führer offen die Meinung zu sagen oder ihm reinen Wein über die tatsächliche Lage des Landes einzuschenken, leben die Despoten in einer abgekapselten Wahnwelt, die immer absurder wird, je länger sie sich an die Macht klammern. Die Weltgeschichte ist voll von derlei Gestalten, sie reicht von Caligula über Lenin bis zu Gaddafi und Kim Jong-un.

Bestürzend sind nicht nur ihre Verbrechen. Erschreckend ist auch der Langmut, mit dem die Menschheit solche Typen viel zu lange erträgt. Selbst wenn sie ihre Untaten vor den Augen der Welt begehen, werden sie meistens viel zu lange geduldet, erst recht, wenn man gute Geschäfte mit ihnen machen kann. So auch im Fall von Wladimir Wladimirowitsch Putin, der seit seinem Machtantritt am 7. Mai 2000 mit seiner Clique ein Verbrechen an das nächste gereiht hat:

Die Bombenanschläge auf Moskauer Wohnblöcke und der Tschetschenien-Krieg. Das Drama um das U-Boot Kursk und der Abschuss des Passagierflugzeugs MH17. Der Einmarsch in Georgien und der Luftkrieg gegen syrische Zivilisten, die Annexion der Krim und der Ostukraine. Die Mordanschläge auf Oppositionelle wie Boris Nemzow und Journalisten wie Anna Politkowskaja. Die ungezählten Attentate auf Regimekritiker und in Ungnade gefallenen Günstlinge, die plötzlich aus Fenstern stürzten, an Gift zugrunde gingen oder erschossen im Berliner Tiergarten lagen. Die Liste ließe sich fortsetzen – aber erst jetzt, durch Putins Feldzug gegen die Ukraine und seine unverhohlene Drohung mit einem Atomwaffenangriff, hat man im friedliebenden Westen erkannt, welch enormes Risiko dieser Mann für die Sicherheit Europas darstellt.

Wohl nie mehr seit der Kubakrise vor 60 Jahren war die Gefahr einer nuklearen Eskalation so groß wie jetzt. US-Präsident Joe Biden raunt von der Gefahr eines "Armageddons", amerikanische Militärs verbreiten auf Twitter detaillierte Pläne, mit welchen Gegenschlägen Washington wohl reagieren würde, sollte Putin tatsächlich auf den roten Knopf drücken. Die Eskalation findet vor unseren Augen statt, und manchmal bekommt man den Eindruck, es gibt kaum noch jemanden, der sie stoppen kann.

Frieden, Sicherheit und Wohlstand, die wir hierzulande seit Jahrzehnten genießen, sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie werden bedroht durch einen einzelnen Mann und dessen Verbrecherbande, und die amerikanische Militärmaschine ist der einzige Grund, warum sie bisher davor zurückschrecken, die schlimmste aller Waffen einzusetzen oder sogar Nato-Territorium anzugreifen. So ist die Lage, und sie wird noch dadurch verschärft, dass man in Washington, Berlin und Brüssel nicht mehr weiß, mit wem im Kreml man eigentlich noch vernünftig reden kann. Dort scheint es nach 22 Jahren Putinismus kaum noch jemanden zu geben, der rationalen Argumenten zugänglich und bereit ist, einen diplomatischen Ausweg aus der Krise zu suchen.

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Das entbindet die Außenpolitiker, Präsidenten und Kanzler des Westens freilich nicht von der Pflicht, weiter unermüdlich nach diesem Ausweg zu suchen. Im Gegenteil: Jeder Kontakt zählt, jeder Gesprächsfaden ist besser als Kugeln und Raketen. Aber bis man in Moskau ernsthaft bereit ist, über einen Abzug aus der Ukraine zu verhandeln, braucht es wohl noch weitere Niederlagen der russischen Rost-Armee. Bleibt zu hoffen, dass die nicht mehr lange auf sich warten lassen und dass dabei möglichst wenige Menschen auf beiden Seiten der Front zu Schaden kommen. Diese Hoffnung mag naiv klingen, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen und uns allen in Europa ein möglichst friedliches Wochenende. Der Podcast am Wochenende pausiert heute ausnahmsweise, am kommenden Samstag ist er zurück. Bis dahin werden meine lieben Kolleginnen und Kollegen den Tagesanbruch für Sie schreiben, von mir lesen Sie in der zweiten Oktoberhälfte wieder.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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