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Mallorquiner besorgt: "Wenn das so weitergeht, gibt es Krieg"

dpa, Emilio Rappold

Aktualisiert am 06.01.2021Lesedauer: 4 Min.
Kapuzinerkirche in Palma de Mallorca: Helfer reichen Essen an die immer zahlreicheren Bed├╝rftigen auf Mallorca aus.
Kapuzinerkirche in Palma de Mallorca: Helfer reichen Essen an die immer zahlreicheren Bed├╝rftigen auf Mallorca aus. (Quelle: Clara Margais/dpa-bilder)
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Die Corona-Krise hat Mallorca hart getroffen: Jeder Vierte gilt bereits als arm, die Schlangen vor Essensausgaben sind lang. Der beliebten Urlaubsinsel droht ein harter Winter.

In der Schlange vor der Kapuzinerkirche in der Altstadt von Palma de Mallorca tragen auff├Ąllig viele Menschen Sonnenbrille ÔÇô obwohl der Himmel wolkenbedeckt ist. Andere ziehen Kapuze oder Baseballkappe tief ins Gesicht. Sie alle warten auf eine kostenlose Essensausgabe.

An dieser Tafel und an anderen Hilfsstationen der spanischen Urlaubsinsel wird die Zahl der oft versch├Ąmt wartenden Bed├╝rftigen von Woche zu Woche gr├Â├čer. Im Zuge der Corona-Krise nimmt die soziale Not in der liebsten Partyhochburg von Deutschen und Briten drastisch zu. Die Nachfrage nach Hilfsleistungen sei hier noch nie so gro├č gewesen, stellte die Regionalzeitung "Diario de Mallorca" dieser Tage fest.

Viele sind Not nicht gewohnt

"Ich habe weder Strom noch Wasser, und auch nichts zu essen", sagte der arbeitslose 53 Jahre alte Kellner Damian der Digitalzeitung "Cr├│nica Balear". An den Tafeln sind Obdachlose und Bewohner von Problemvierteln l├Ąngst nicht mehr in der Mehrheit. Es stellen sich immer mehr Menschen an, denen man die Armut auf den ersten und auch auf den zweiten oder dritten Blick nicht ansieht.

Vor der Kirche stehen neben Damian junge Uniabsolventen, gut gekleidete Eltern mit ihren Kindern und Betreiber von Hotels und Caf├ęs, die ihre H├Ąuser wegen der ausbleibenden Touristen dichtmachen mussten. Viele waren im von Corona schwer ersch├╝tterten Gastgewerbe t├Ątig und verloren ihren Job. Sie sind Not nicht gewohnt, sie leiden und sch├Ąmen sich.

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"Das Jahr der am weitverbreitesten Armut"

Sie sind die "nuevos pobres", die "neuen Armen". Sie sind viele, und es werden immer mehr. Nach einer Studie der Universit├Ąt der Balearen (UIB) ├╝ber die Auswirkungen des Virus hat sich die Zahl der in der Region in extremer Armut lebenden Menschen in nur einem Jahr auf rund 34.000 verdoppelt. Als arm gelten bereits 320.000. Das hei├čt: mehr als jeder Vierte der 1,18 Millionen "Bale├íricos".

Kapuzinerkirche in Palma de Mallorca: Helfer reichen Essen an die immer zahlreicheren Bed├╝rftigen auf Mallorca aus.
Kapuzinerkirche in Palma de Mallorca: Helfer reichen Essen an die immer zahlreicheren Bed├╝rftigen auf Mallorca aus. (Quelle: Clara Margais/dpa-bilder)

"Diario de Mallorca" bezeichnete 2020 als "das Jahr der am weitverbreitesten Armut". Man sehe viele Menschen, die im Auto oder auf der Stra├če ├╝bernachten. Das Blatt zitierte die Koordinatorin des Roten Kreuzes f├╝r die Balearen, Juana Lozano, mit der Information, allein in den ersten zehn Monaten des Jahres habe man rund 52.000 Hilfspakete mit Lebensmitteln sowie Hygiene- und Putzartikeln verteilt. Im gesamten Jahr 2019 seien es 11.000 gewesen.

Als die UIB Ende November ihre Studie ver├Âffentlichte, warnte die Leiterin des Sozialen Observatoriums der UIB, Maria Ant├▓nia Carbonero, die soziale Not werde sich im Laufe des Winters versch├Ąrfen. Es gebe nicht genug Mittel, um allen Notleidenden zu helfen. "Die Hilfsorganisationen sind ├╝berfordert", sagte sie.

14-Tage-Inzidenz lag bei 530

Dabei konnte Carbonero zu dem Zeitpunkt nicht ahnen, was in den darauffolgenden Wochen passieren w├╝rde: Trotz strenger Einschr├Ąnkungen der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit ÔÇô darunter einer schon seit Ende Oktober geltenden n├Ąchtlichen Ausgangssperre ÔÇô stiegen die Corona-Zahlen massiv. Inzwischen verzeichnen die Balearen erschreckende Werte, die in ganz Spanien unerreicht sind.

Zuletzt kletterte die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen auf 530, wie die Gesundheitsbeh├Ârden mitteilten. Wochenlang waren die Balearen unangefochten das Epizentrum der Pandemie in Spanien gewesen, am Montag wurden sie von Extremadura ├╝berholt. In Regionen wie Madrid, Katalonien oder Valencia ÔÇô die wegen ihrer Lage nicht so isoliert sind wie die Inseln oder Extremadura an der wenig besuchten Grenze zu Portugal ÔÇô war diese 14-Tage-Inzidenz mit Werten von zum Teil deutlich unter 400 weit niedriger. Zum Vergleich: In Deutschland betrug dieser Wert zuletzt nach Angaben der EU-Beh├Ârde ECDC 379, in ganz Spanien 271.

Menschen warten in einer Schlange, um ein Wohlt├Ątigkeits-Weihnachtsessen f├╝r arme und obdachlose Menschen in der Caputxins-Kirche zu bekommen.
Menschen warten in einer Schlange, um ein Wohlt├Ątigkeits-Weihnachtsessen f├╝r arme und obdachlose Menschen in der Caputxins-Kirche zu bekommen. (Quelle: Clara Margais/dpa-bilder)

Gastronomie muss um 18 Uhr schlie├čen

Auf Mallorca, wo die 14-Tage-Inzidenz nach j├╝ngsten amtlichen Angaben sogar bei 608 lag, geht die Angst um. Der Winter k├Ânnte noch "hei├čer" werden als von Carbonero bef├╝rchtet. Man hat Angst vor einem Kollaps der Intensivstationen, die immer voller werden. "Wir erleben eine schreckliche Situation, die wir uns auch nicht in unseren schlimmsten Tr├Ąumen h├Ątten vorstellen k├Ânnen", r├Ąumte Regionalpr├Ąsidentin Francina Armengol kurz vor Silvester ein. Auf der Hauptinsel sei die Pandemie "au├čer Kontrolle", titelte "Diario de Mallorca" am Dienstag in der Online-Ausgabe.

Wegen der schier unaufh├Ârlich steigenden Zahlen wurden die Ma├čnahmen zur Eind├Ąmmung der Pandemie nach Weihnachten wieder versch├Ąrft. Bars und Restaurants m├╝ssen seit dem 29. Dezember auf Mallorca werktags vier Stunden fr├╝her ÔÇô um 18 Uhr ÔÇô schlie├čen. Der Ladenschluss wurde von 22 Uhr auf 20 Uhr weiter vorgezogen. Eine nennenswerte Lockerung der Einschr├Ąnkungen sei bis Februar nicht zu erwarten, sagte am Montag Regierungssprecherin Pilar Costa.

Schaufenster mit Steinen eingeschlagen

Man wei├č auf Mallorca, dass die Restriktionen n├Âtig sind. Immerhin starben auf den Balearen-Inseln bereits 477 Menschen mit Covid-19. Man hat gleichzeitig aber gro├če Angst vor einem l├Ąngeren Lockdown. Dieser k├Ânnte dem f├╝r die Insel ├╝berlebenswichtigen Tourismus den endg├╝ltigen Todessto├č versetzen, wie Unternehmer der Branche warnen, die f├╝r 35 Prozent des Regionaleinkommens sorgt.

Der ├ängste damit aber nicht genug. Im Zuge der wachsenden sozialen Not gebe es mehr kleinere ├ťberf├Ąlle und Einbr├╝che unter anderem auch auf Privath├Ąuser, berichten Medien schon seit Wochen. Die Zeitung "├Ültima Hora" sprach von "verzweifelten Amateurtaten", die allem Anschein nach mit der Krise zu tun h├Ątten. Schaufenster w├╝rden zum Beispiel mit Ziegelsteinen eingeschlagen.

"Wenn das so weitergeht, gibt es hier Krieg"

Aus den offiziellen Zahlen geht zwar noch keine Verschlimmerung der Sicherheitslage hervor. Aber trotzdem profitieren einige von den Sorgen. Im Herbst h├Ątten Firmen, die Alarmanlagen und andere Warnsysteme installieren, ein "rekordverd├Ąchtiges" Anfragevolumen registriert, berichtete das "Mallorca Magazin" unter Berufung auf den Maklerverband der Balearen (ABSI). "Uns steht ein schrecklicher Winter mit vielen Einbr├╝chen bevor. Das ist schlimm", zitierte das Blatt eine Bewohnerin aus Puig de Ros.

Nicht nur sie sieht im Sonnenparadies dunkle Wolken aufziehen. Rentnerin Catalina (81), die jeden Tag mit Freundin Maria (76) vor der Kapuzinerkirche Schlange steht, dr├╝ckt sich deutlicher aus: "Die Menschen hier in den Schlangen werden immer mehr. Wenn das so weitergeht, gibt es hier Krieg."

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