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Im Schichtbetrieb gegen das Sterben

Von dpa
Aktualisiert am 21.11.2021Lesedauer: 4 Min.
Krankenpflegerin Meryl Meister (l) mit einer Kollegin in einem Patientenzimmer.
Krankenpflegerin Meryl Meister (l) mit einer Kollegin in einem Patientenzimmer. (Quelle: Marijan Murat/dpa./dpa)
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Stuttgart (dpa) - Meryl Meister spricht viel mit ihren Patienten. Am Anfang ihrer Schicht begrĂŒĂŸt sie sie, stellt sich ihnen vor. Dann erklĂ€rt sie ihnen, was sie tut.

Schritt fĂŒr Schritt. Dass sie ihre Körper umlagert, damit sie sich nicht wund liegen. Dass sie die SchlĂ€uche ĂŒberprĂŒft, die aus ihren Körpern ragen. Dass sie die vielen Spritzen mit Medikamenten nachfĂŒllt, die nach und nach in die Venen gespritzt werden. Der intensive Kontakt zu ihren Patienten, das treibe sie an, sagt die 28-JĂ€hrige. Dabei sind die meisten ihrer Patienten gar nicht bei Bewusstsein.

Meryl Meister kÀmpft an vorderster Front gegen das Coronavirus. Schutzbrille, FFP3-Maske, Haube, Kittel und Handschuhe sind ihre Kampfmontur. Es ist ein tÀgliches AufbÀumen gegen den Tod, eingeteilt im Dreischichtsystem. Die junge Frau arbeitet als Pflegekraft auf der Corona-Intensivstation des Klinikums Stuttgart. Eine hermetisch abgeriegelte Abteilung - wer wieder raus möchte, muss sogar seine Schuhsohlen desinfizieren.

Es ist 19.14 Uhr an diesem Abend, Meryl Meister hat SpÀtdienst. Die junge Pflegerin steht in Patientenzimmer 3004 und macht sich Sorgen. In der Mitte des kleinen Raums liegt ein alter Mann. Er ist umgeben von blinkenden Bildschirmen und summenden GerÀten, nur mit einem Handtuch bedeckt, kaum merklich hebt und senkt sich sein Brustkorb.

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Vor gut zwei Wochen kam der 77-JĂ€hrige mit einer Corona-Infektion in die Klinik, vor fĂŒnf Tagen musste er ins kĂŒnstliche Koma versetzt werden. Seitdem drehen und wenden sie seinen erschlafften Körper im immergleichen Rhythmus, 16 Stunden Bauch, acht Stunden RĂŒcken, um die Atmung zu unterstĂŒtzen. Aber nun springt er nicht mehr gut darauf an. Die Lunge sei nicht mehr so stabil, sagt Meryl Meister.

Die Pflegerin kennt das bereits. Die Patienten seien fast immer bei Bewusstsein, wenn sie ankĂ€men. Nach vier oder fĂŒnf Tagen verschlechtere sich dann hĂ€ufig der Zustand. Die meisten mĂŒssten kĂŒnstlich beatmet werden. Viele wachen erst nach Wochen wieder auf. Einige gar nicht mehr. Jeder Dritte stirbt laut Experten auf der Intensivstation.

Es ist merkwĂŒrdig still in der kleinen Abteilung, fast friedlich. Die Beatmungsmaschinen pumpen leise im Takt, die GerĂ€te brummen, regelmĂ€ĂŸig ertönt ein Piepen. Pflegerinnen wuseln durch dunkle Behandlungszimmer, die nur vom Schein der Monitore beleuchtet sind. Auf dem Rolltisch neben dem Bett in Zimmer 3004 liegt ein kleines PĂŒppchen, ein Schutzengel.

Meryl Meister wechselt den vollen Katheterbeutel des 77-JĂ€hrigen, fĂŒllt seine Medikamente nach und nimmt sein Blut ab, um den Sauerstoffgehalt darin zu ĂŒberprĂŒfen. Mehr kann sie nicht machen. "Corona ist eine Scheißkrankheit. Unberechenbar. Und es gibt keine Lösung", sagt sie. "Es ist immer ein großes Warten."

Seit sechs Jahren arbeitet sie auf der Intensivstation. Sie mag ihren Job, weil sie sich mehr Zeit fĂŒr ihre Patienten nehmen als anderswo. Aber das Virus zehrt an den KrĂ€ften. Deutschland befindet sich bereits in der vierten Welle, viele Ärzte und Pfleger sind am Rande der Erschöpfung. Fragt man Meryl Meister nach den vergangenen Monaten, sagt sie: "Ich habe noch nie so viele Menschen sterben sehen." Und der Winter kommt erst noch. "Man steht oft davor und kann nicht mehr."

Derzeit liegen bundesweit mehr als 3500 Corona-Patienten auf den Intensivstationen. Allein in den vergangenen sieben Tagen, zwischen dem 13. und dem 20. November, stieg ihre Zahl um mehr als 600. In vielen Land- und Stadtkreisen schwindet die Zahl freier Intensivbetten, in einigen Kreisen stehen zwischenzeitlich ĂŒberhaupt keine freien Betten mehr zur VerfĂŒgung.

Auf der Covid-Station im Klinikum Stuttgart liegen vergangenen Mittwoch sechs davon. Vier werden kĂŒnstlich beamtet - und drei davon gehe es richtig schlecht, sagt Meryl Meister. Alle sechs sind ungeimpft. Die Unvernunft macht die Pflegerin wĂŒtend, auch wenn sie das ihre Patienten nicht spĂŒren lĂ€sst. "Ich betreue hier jeden Patienten gleich", sagt sie.

Erst zu Hause packt sie dann manchmal die Wut. "Was lÀuft in unserer Gesellschaft falsch? Ist einem der Nachbar so egal?" Sie kann nicht nachvollziehen, dass in der Politik immer noch so viel diskutiert wird, kann keine Talkshows mehr sehen. Die aktuelle Explosion der Zahlen sei lange vorhersehbar gewesen, sagt sie.

Jan Steffen JĂŒrgensen, medizinischer Vorstand des Klinikums, spricht von einem DĂ©jĂ -vu-Erlebnis. Er will die IntensivplĂ€tze nun ausbauen, rechnet mit noch mehr Patienten als im vergangenem Winter. TĂŒckisch: Die Zahl der Intensivpatienten lĂ€uft den Infektionszahlen zwei bis drei Wochen hinterher. "Das ist wie bei einem trĂ€gen Supertanker - selbst wenn sie jetzt einschlagen, driftet er noch in die falsche Richtung."

Derzeit betreut Meryl Meister zwei Patienten pro Schicht, nachts drei. Aber sobald eine Kollegin krank wird, ist der BetreuungsschlĂŒssel bereits jetzt nicht mehr zu halten. "Es fĂ€llt schwerer auf die Arbeit zu gehen, ist körperlich und psychisch anstrengend", sagt sie. Trotzdem kehrt sie jeden Tag wieder an die Front zurĂŒck, wirft sich in ihren Schutzanzug und kĂ€mpft gegen das Virus, gegen das Sterben. Das Team sei toll, die Arbeit schweiße zusammen. Sie erzĂ€hlt von kleinen schönen Momenten des Alltags, von einem LĂ€cheln einer Patientin, als es ihr nach dem Koma wieder besser ging, von Menschen, die ihr nach der Genesung Karten schreiben.

Wenn es ihren Patienten dann schlechter geht, werden die Angehörigen kontaktiert. Um bald zu kommen und Abschied zu nehmen. "Keiner will alleine sterben", sagt Meryl Meister. Im Dienst blendet sie das aus. Wenn sie am Ende ihrer Schicht den Kittel abstreift, nimmt sie den Ballast mit nach Hause. "Das erste Mal einen Leichensack zumachen vergisst man nie." Sie schlÀft in letzter Zeit schlecht. Aber sie möchte ihre Patienten auch nicht vergessen, sagt sie.

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