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Prozessauftakt um Juwelendiebstahl in Dresden

Von dpa
Aktualisiert am 28.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Einer der Angeklagten im Gerichtssaal in Dresden.
Einer der Angeklagten im Gerichtssaal in Dresden. (Quelle: Jens Schlueter/AFP Pool/dpa./dpa)
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Dresden (dpa) - Gezielt vorbereitet, brachial ausgefĂŒhrt: Die Angeklagten werden einzeln in den Hochsicherheitssaal gefĂŒhrt, in Handfesseln. Einige verdecken ihr Gesicht, andere schauen neugierig ins Publikum, winken lachend Bekannten.

Bewacht von gut einem Dutzend Justizbeamten und flankiert von je zwei AnwĂ€lten hören die sechs jungen MĂ€nner mehr oder weniger interessiert dem juristischen Disput zu, den sich der Vorsitzende Richter der Jugendkammer mit Verteidigern zum Prozessauftakt wegen des Einbruchs in das GrĂŒne Gewölbe Dresden liefern. Sie sprechen von "Indizienprozess", verlangen unter anderem, dass die Jugendkammer nur gegen zwei zur Tatzeit noch Heranwachsende verhandelt und deren Verfahren abtrennt. Sogar die Anklage wird in Frage gestellt.

Der Raub war minutiös geplant

Staatsanwalt Christian Weber schildert in etwa 20 Minuten das in zwei Jahren ermittelte Szenario des spektakulĂ€ren Verbrechens, das die 22- bis 28-JĂ€hrigen am 25. November 2019 begangen haben sollen. Es geht um den Diebstahl "einzigartiger und unersetzbarer SchmuckstĂŒcke" von "ĂŒberragender kunst- und kulturhistorischer Bedeutung". Aber auch um Gefahr fĂŒr Leib und Leben. Laut Anklage handelten die zu einer bekannten arabischstĂ€mmigen Berliner Großfamilie stammenden Deutschen als Mitglieder einer Bande, brachen rechtswidrig in ein GebĂ€ude ein, entwendeten und beschĂ€digten KunstgegenstĂ€nde und legten auch in einer Tiefgarage Feuer "zu einer Zeit, wo Menschen sich dort aufhielten".

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Teils minutiös zeichnet Weber Verabredung, Vorbereitung und Ablauf der Tat sowie die Flucht nach, alles in Teamarbeit. Danach kauften die Angeklagten entweder selbst oder ĂŒber MittelsmĂ€nner und unter falschen Namen zwei PS-starke Autos, beschafften sich falsche Kennzeichen dafĂŒr. Eines tarnten sie mittels Folien und Schild als Dresdner Taxi. Zur Absprache untereinander nutzten sie mit Fake-Namen registrierte Prepaid-Karten und beschafften sich zwei Waffen. Ab dem 18. November waren sie mehrfach in Dresden, schnitten auch "am ehesten mit einem hydraulisch betriebenen GerĂ€t" ein Loch in das historische Fenstergitter, setzten es mit Kleber wieder ein und inspizierten das Schloss.

Bei einem dieser Besuche wĂ€ren sie fast geschnappt worden, wegen eines unerlaubten Wendemanövers, entkamen aber mit ĂŒber 120 Stundenkilometern auf regennasser Straße. Danach lackierten sie den Wagen um, "von blau auf hellgrau oder silber mit dunklem Dach". FĂŒnf Tage spĂ€ter klettern vier der TatverdĂ€chtigen ĂŒber die Schlossmauer, entfernen das GitterstĂŒck und drĂŒckten einen FensterflĂŒgel auf - binnen Sekunden, wie Weber schildert. Zwei von ihnen stiegen um 4.57 Uhr ein, gingen zielgerichtet ins Juwelenzimmer und schlugen "mit brutaler Gewalt" und etwa 40 bis 60 Zentimeter langen Äxten Löcher in drei Vitrinen, 56 Hiebe in zwei Minuten. Sie rissen 21 festgenĂ€hte SchmuckstĂŒcke mit Diamanten und Brillanten ab, "um diese fĂŒr sich zu behalten oder gewinnbringend zu verĂ€ußern". Ihre Spuren suchten sie mit einem Pulverlöscher zu verwischen.

Gefahr fĂŒr Leib und Leben

Das Ganze dauerte nicht mal fĂŒnf Minuten. Um 5.01 Uhr waren die Vermummten wieder draußen. In einer Tiefgarage unter einem Wohnhaus stadtauswĂ€rts wechselten sie das Fluchtauto – und zĂŒndeten es an. Aus dem darin zurĂŒckgelassenen Revolver löste sich ein Schuss, weitere Explosionen folgten. Durch starken Rauch kam ein Mieter zu Schaden. Die Angeklagten "nahmen mit dem Brand und durch das Auslösen der scharfen Schusswaffe einhergehende Gefahr fĂŒr Leib, Leben und Eigentum bewusst und billigend in Kauf", so die Anklage. Und sie hinterließen, abgesehen vom immateriellen Verlust kunsthistorisch bedeutender SchĂ€tze, SachschĂ€den von insgesamt gut einer Million Euro.

Die Beschuldigten, mit schwarzen Haaren und Dreitagebart, in Jeans und Pullover oder Hemd, folgten der Anklageverlesung gelassen oder interessiert. Freigiebig nannten sie dem Vorsitzenden Richter ihre frĂŒheren Wohnadressen, sĂ€mtlich in Berlin, einer berichtete stolz von einer Ehe "nach islamischem Recht". Aktuell sind sie in den Justizvollzugsanstalten Görlitz, Zwickau und Dresden - dorthin wurden auch die Beiden verlegt, die wegen des Diebstahls der GoldmĂŒnze aus dem Bode-Museum in Berlin 2017 zu mehrjĂ€hrigen Jugendstrafen verurteilt wurden.

Statements der Verteidigung geben einen Vorgeschmack auf den Prozessfortgang, der zunĂ€chst bis Ende Oktober terminiert ist. Sie sieht "keine objektiven Beweismittel" und keinen "kulturellen Genozid", kritisieren einseitig taktische und schwache Ermittlungen, die öffentliche Verurteilung ihrer Mandanten durch volle Namensnennung sowie Zuordnung zur Clan-KriminalitĂ€t, sprechen von Indizienprozess und einer noch zu beweisenden Hypothese. "Die Staatsanwaltschaft versucht Unwahrheit zur Wahrheit zu machen", sagte Strafverteidigerin Ines Kilian. Und dann geht es noch um Körpermaße, Marken-Sneaker, unscharfe Videobilder - und die "Wunderhunde" der sĂ€chsischen Polizei, die angeblich auch monatealte Geruchsspuren erschnĂŒffeln.

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