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Haftbefehl gegen Putin und Lwowa-Belowa: Wer ist die Kinder-Schlepperin?


Wer ist Putins Kinder-Schlepperin?

Von t-online, law

Aktualisiert am 20.03.2023Lesedauer: 4 Min.
Marija Lwowa-Belowa: Sie hat das Amt der "Kinderombudsfrau" inne und wird pwer Haftbefehl gesucht, weil sie die Verschleppung ukrainischer Kinder organisiert. Auf dem Foto sitzt sie mit Kindern, die angeblich Waisenkinder aus dem Donbass sind.
Marija Lwowa-Belowa: Sie hat das Amt der "Kinderombudsfrau" inne und wird per Haftbefehl gesucht, weil sie die Verschleppung ukrainischer Kinder organisiert. (Quelle: Pressedienst des Kreml)
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Es war ein Paukenschlag, als der Haftbefehl gegen Putin bekannt wurde. Dabei ging jedoch beinahe unter, wer ebenfalls wegen Verschleppung von Kindern gesucht wird.

Marija Lwowa-Belowa ist viel unterwegs und soll angeblich im Auto gesessen haben, als sie die Nachricht erhielt: Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin wird per internationalem Haftbefehl gesucht – und sie ebenso. Die "Kommissarin fĂŒr Kinderrechte" wird als mutmaßliche Kriegsverbrecherin gesucht. Wer ist die ĂŒberzeugte Christin, die aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen stammt, einst tatsĂ€chlich viel fĂŒr Kinder tat, aber nun wegen der Verschleppung MinderjĂ€hriger mit Putin auf einer Stufe steht?

Das bislang 38 Jahre lange Leben der Marija Lwowa-Belowa dreht sich ausschließlich um Kinder. Einen Berufswunsch habe sie in jungen Jahren eigentlich nie gehabt, sondern immer nur daran gedacht, eine große Familie zu haben. Sie war Gitarrenlehrerin, als sie mit 19 einen Mann heiratete, der sich in der Russisch-Orthodoxen Gemeinde engagierte - heute ist ihr Ehemann Priester. Dass beide von einer großen Familie trĂ€umten, soll sie letztlich zusammengebracht haben - Lwowa-Belowas angebliche Bedingung fĂŒr ein zweites Date: zukĂŒnftig mindestens drei Kinder.

Seit 2021 "Kommissarin fĂŒr Menschenrechte"

Zu lesen ist das in einem langen PortrĂ€t, das auf dem russischen Portal "Werstka" von einem kremlkritischen Journalisten veröffentlicht wurde. Dort erfĂ€hrt man auch, dass Lwowa-Belowa ĂŒber die Jahre diverse Einrichtungen fĂŒr schwerbehinderte Kinder mit staatlicher Förderung und Geldern von Oligarchen aufgebaut hat. Andererseits soll sie einen Appell von 115 russischen NGOs ignoriert haben, in dem der Kreml aufgefordert wurde, sich stĂ€rker fĂŒr Menschen mit Behinderung zu engagieren. LĂ€ngst nicht alle, die in Russland fĂŒr und mit Kindern arbeiten, sehen in ihr eine VerbĂŒndete.

Ein weiterer Grund, wieso die fotogene Frau aus der russischen Regierungspartei "Einiges Russland" 2021 von Putin zur "Kommissarin fĂŒr Kinderrechte" ernannt wurde und die UnterstĂŒtzung der Russisch-Orthodoxen Kirche genießt, dĂŒrfte jedoch auch ihre eigene Familie sein.

Lwowa-Belowa im GesprÀch mit Putin:
Lwowa-Belowa im GesprÀch mit Putin: Sie ist Mitglied der Regierungspartei "Einiges Russland". (Quelle: Mikhail Metzel/imago images)

FĂŒnf eigene und vier adoptierte Kinder lebten bei ihr, außerdem habe sie die Vormundschaft fĂŒr 13 Kinder mit Behinderung ĂŒbernommen, erzĂ€hlte Lwowa-Belowa nach ihrer Ernennung. Seitdem ist noch Philip dazu gekommen: Der 15-JĂ€hrige stammt aus der von Russland besetzten ukrainischen Stadt Mariupol – und steht beispielhaft fĂŒr das russische Narrativ von vermeintlich geretteten Kindern und Jugendlichen, die nun ein besseres Leben in Russland hĂ€tten.

Philipp sagt in einem Film des nationalistischen Senders Tsargrad des Oligarchen Konstantin Malofejew, seine ukrainische Pflegefamilie hĂ€tte ihn im Krieg alleine gelassen. Seine neue russische Adoptivmutter Lwowa-Belowa, die er "Mascha" nennt – ein Kosename fĂŒr Maria –, sei "der strahlendste Mensch, den ich je in meinem Leben getroffen habe. Ich hatte noch nie eine Person, die mich so sehr liebt wie sie." Ein Kind, aus der Ukraine "gerettet" und nun mit einer "besseren Zukunft" in Russland.

Bereits in den ersten Kriegstagen wurden Hunderte von Kindern aus den besetzten Teilen der Ukraine ĂŒber die russische Grenze "evakuiert", wie es hieß. Nicht nur die Ukraine spricht in diesen FĂ€llen jedoch von "Deportationen"; auch der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs nutzt diesen Begriff. PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj sagte am Freitag, es könnten bereits mehr als 16.000 Kinder nach Russland verschleppt worden sein. Eine US-Studie geht immerhin von 6.000 betroffenen MinderjĂ€hrigen aus.

Russen wollen "Kind aus dem Donbass aufnehmen"

Die Kinder sollen zum Großteil zunĂ€chst in provisorischen UnterkĂŒnften in Freizeitzentren und Kindereinrichtungen einquartiert worden sein – um dann in russische Familien integriert zu werden. Am 11. MĂ€rz, rund zwei Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, hatte Lwowa-Belova erstmals klar gemacht, dass ukrainische Waisenkinder in russische Familien ĂŒbergeben werden. Putin habe "diese Entscheidung bedingungslos unterstĂŒtzt" und ihr gesagt, sie solle "im Interesse der Kinder handeln".

Lwowa-Belowa auf Besuch in der selbsternannten Volksrepublik in Donezk: Sie lÀsst sich gern mit Kindern abbilden.
Lwowa-Belowa auf Besuch in der selbsternannten Volksrepublik in Donezk: Sie lÀsst sich gern mit Kindern abbilden. (Quelle: Pavel Lisitsyn/Sputnik Donetsk Peoples Republic/imago images)

Zahlreiche Nutzer der russischen Suchmaschine Yandex haben seitdem nach Informationen darĂŒber gesucht, wie sie ukrainische Kinder zu sich holen können. "Ein Kind aus dem Donbass aufnehmen" wurde mehr als 30.000 Mal gesucht. Der Großteil der Anfragen konzentrierte sich auf die ersten Kriegsmonate.

Die Ukraine ist so inzwischen zum Selbstbedienungsladen fĂŒr russische Familien mit Kinderwunsch geworden – und Marija Lwowa-Belowa zu der Frau, die das Verschleppungssystem dahinter orchestriert. Die "Kommissarin fĂŒr Kinderrechte" rĂŒhmt sich derweil damit, dass sie "nach der Spezialoperation nicht 100 Prozent, sondern 150 Prozent" gegeben habe.

Sie selbst lĂ€sst sich gerne dabei fotografieren, wenn sie ukrainische Kinder Richtung Russland begleitet - in aller Öffentlichkeit und leicht nachzuweisen. Das dĂŒrfte erklĂ€ren, warum die Verschleppung von Kindern als erstes von mehreren mutmaßlichen Kriegsverbrechen zu Haftbefehlen aus Den Haag gefĂŒhrt hat.

"Patriotische" Erziehung in Russland

Lwowa-Belowa spricht inzwischen von "unseren Kindern" und schwĂ€rmt davon, wie schnell die Kinder in ihren neuen russischen Leben aufgingen. "Sie sehen sogar aus wie ihre Adoptiveltern", so Putins Kinderbeauftragte. Die Kinder erhalten laut Auskunft von Lwowa-Belowa umgehend die russische Staatsangehörigkeit und wĂŒrden dann "patriotisch erzogen" – in ihrem auferzwungenen neuen Heimatland, das enorme demografische Probleme hat.

Auf den Haftbefehl aus Den Haag reagierte Lwowa-Belowa am Freitag mit bissiger Ironie. "Es ist großartig, dass die internationale Gemeinschaft die Arbeit fĂŒr die Kinder unseres Landes gewĂŒrdigt hat, dass wir sie nicht in den Kriegsgebieten zurĂŒcklassen, dass wir sie herausholen, dass wir gute Bedingungen fĂŒr sie schaffen, dass wir sie liebevoll umgeben", erklĂ€rte sie. Bereits vor Bekanntwerden des Haftbefehls stand sie unter diversen Sanktionen, unter anderem seitens der EuropĂ€ischen Union.

Doch die Botschaft des Internationalen Strafgerichtshof könnte einige russische Beamte dennoch ins GrĂŒbeln bringen. Davon geht zumindest der Oppositionspolitiker und frĂŒhere Duma-Abgeordnete Dmitri Gudkow aus, der inzwischen im Exil lebt. Auf Facebook bezeichnete er den Haftbefehl gegen Putins "Kinderbeauftragte" als einen "Weckruf". FĂŒr viele Russen im Staatsapparat stelle sich jetzt die Frage: "Wer könnte der NĂ€chste sein?" FĂŒr Lwowa-Belowa gilt in jedem Fall: Sie muss nun in 123 LĂ€ndern der Welt damit rechnen, verhaftet zu werden.

Verwendete Quellen
  • verstka.media: "Ist es nicht ein patriotisches GefĂŒhl, wenn es keine fremden Kinder gibt und alle unsere sind?"
  • Facebook.com: Posting Dmitri Gudkow
  • interfax.ru: Lwowa-Belowa forderte die ICC-Erlaubnis zur Anerkennung der Arbeit, um Kindern in der Sondereinsatzzone zu helfen
  • spiegel.de: Die Kommissarin, die auf der Bank neben Putin sitzen soll (Abo-Inhalt)
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