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Vernichtungslager Belzec: Diese Toten dürfen wir nicht vergessen

Vernichtungslager Belzec  

Diese Namen dürfen wir nicht vergessen

Von Florian Harms

11.12.2017, 06:45 Uhr
Die Gräueltaten der Nationalsozialisten: Das Vernichtungslager in Belzec 75 Jahre danach (Screenshot: t-online.de)
75 Jahre danach: Das Vernichtungslager in Belzec

Im heutigen Ost-Polen wurden zwischen März und Dezember ’42 Menschen ermordet.

Im Vernichtungslager Belzec wurden weit über 400.000 Menschen umgebracht. (Quelle: t-online.de)


Vor 75 Jahren rollte der letzte Todeszug in das deutsche Vernichtungslager Belzec. Mehr als 430.000 Menschen wurden dort ermordet. Wir müssen die Erinnerung daran wachhalten.

Helena Zimmerspitz, Jakób Akerman, Mirka Eisenberg, Cecylia Goldberger, Emil Klinger: fünf Namen von mindestens 434.508. Ermordet im Jahr 1942 in Bełżec im Südosten Polens, heute wie damals eine kleine Ortschaft. Vor 75 Jahren war Bełżec Schauplatz eines monatelangen Massenmords. Dort errichteten die Nazis das erste von drei Vernichtungslagern der "Aktion Reinhard", der systematischen Auslöschung des Judentums im sogenannten Generalgouvernement: dem unter deutscher Zivilverwaltung stehenden Teil des besetzten Polens. Heute vor 75 Jahren kam der letzte Transport mit Juden in Belzec an.

Wobei Vernichtungslager ein irreführender Begriff ist. "Belzec sollte nicht als Lager dienen. In Lagern übernachten die Insassen. Belzec sollte eine Todesfabrik sein, in der die Juden gleich nach der Ankunft ermordet wurden", schreibt der amerikanische Historiker Timothy Snyder, der seit Jahren zum Holocaust forscht.

In seinem Buch "Bloodlands" schildert er, wie akribisch und perfide die Nazis diese Todesfabrik planten: Weil das Töten mit den zuvor in Chelmo und andernorts eingesetzten Gaswagen nicht schnell und effizient genug ging, beschloss der Leiter der "Aktion Reinhard", Odilo Globocnik, eine feste, dauerhafte Anlage bauen zu lassen. So konnten seine Leute zahlreiche Menschen gleichzeitig und hinter Mauern vergasen. Eine Eisenbahnstrecke verband die Anlage mit umliegenden Städten.

 (Quelle: t-online.de/dpa) (Quelle: t-online.de/dpa)

Als Vorbild diente den Tätern das "Euthanasie"-Programm der "Aktion T4", bei dem mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen sowie Psychiatrie-Patienten umgebracht worden waren: Die Menschen wurden in angebliche Duschen geführt, aus denen statt Wasser Kohlenmonoxid strömte.

SS-Sturmbannführer Christian Wirth kannte sich damit aus. Er hatte die "Aktion T4" federführend mitorganisiert und wurde nun zunächst in Belzec zu einem der wichtigsten Helfer Globocniks. Timothy Snyder beschreibt, wie Wirth und seine Schergen vorgingen:

"Die deutsche Polizei befahl den jüdischen Polizisten, die jüdische Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen Sammelpunkt zu bringen. Zuerst wurden Juden häufig mit Versprechen von Lebensmitteln oder besseren Arbeitsstellen ‘im Osten‘ dorthin gelockt. Dann sperrten deutsche und jüdische Polizisten in mehrtägigen Festnahmeaktionen bestimmte Häuserblocks oder Häuser ab und trieben die Bewohner zum Sammelpunkt. Kleine Kinder, schwangere Frauen und Alte wurden von den Deutschen sofort erschossen. Die Deutschen strebten Tagesquoten an, um die Züge zu füllen, und gaben die Quoten manchmal an die jüdischen Polizisten weiter, die sie erfüllen mussten, um nicht ihren Posten und damit das Leben zu verlieren. Das Ghetto wurde während und nach der Aktion abgeriegelt, so dass die deutsche Polizei ohne Störung durch die Bewohner plündern konnte.

Sobald die Juden Belzec erreicht hatten, waren sie verloren. Sie kamen unbewaffnet in eine geschlossene und bewachte Anlage und konnten kaum ihre Lage verstehen, geschweige denn den deutschen und bewaffneten Trawniki-Männern Widerstand leisten. Wie den Patienten in den "Euthanasie"-Zentren sagte man ihnen, sie müssten ein bestimmtes Gebäude zur Desinfektion betreten. Sie mussten ihre Kleider ausziehen und ihre Wertsachen abgeben, angeblich sollten auch diese desinfiziert und ihnen dann wiedergegeben werden. Dann wurden sie nackt in Kammern geführt, die voller Motorabgase (die Kohlenmonoxid enthielten) gepumpt wurden. Nur zwei oder drei Juden, die in Belzec aus dem Zug stiegen, überlebten; 434.508 starben. Wirth leitete die Anlage bis zum Sommer 1942 und scheint seine Pflichten zur größten Zufriedenheit ausgeführt zu haben.“

"Die Täter haben den Massenmord so gestaltet, dass er für sie leichter durchzuführen war. Vor allem psychologisch gesehen", sagt der Historiker Nikolaus Wachsmann, der zur Geschichte der deutschen Konzentrationslager forscht. "Für viele NS-Täter waren die vorher praktizierten massenweisen Erschießungen weit schwieriger zu verarbeiten."

Wir müssen uns erinnern

Dass wir heute Genaueres darüber wissen, wie viele Juden in Belzec ermordet wurden, liegt an einem kleinen Dokument, dem sogenannten Höfle-Telegramm: Im Januar 1943 funkte der SS-Sturmbannführer Hermann Höfle an die deutsche Sicherheitspolizei in Krakau eine Auflistung der Todeszahlen im Zuge der "Aktion Reinhard". Es ist ein Dokument des Grauens.

Auch die Menschen des letzten Transports nach Belzec wurden umgebracht. Anschließend schlossen die Mörder das Lager – vermutlich nur deshalb, weil die Massengräber überfüllt waren.

Warum beschreibe ich heute, 75 Jahre nach dem Grauen, diese Details? Warum berichten wir heute auf t-online.de mit mehreren Artikeln über Belzec?

Weil es wichtig ist, dass wir uns erinnern. Heute, morgen, übermorgen und auch in Jahrzehnten noch. Die Details des größten Verbrechens in der Geschichte der Menschheit, das von Deutschen organisiert wurde und von deutschem Boden ausging, dürfen wir niemals vergessen – ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Opfer nicht einfach nur Zahlen in Geschichtsbüchern sind, sondern einzelne Menschen mit ihren ganz persönlichen Geschichten und individuellen Biografien. Vielleicht können wir uns das besser vergegenwärtigen, wenn wir ihre Namen lesen. Deshalb steht am Ende dieses Artikels eine Auswahl von Namen: Menschen, die in Belzec ermordet wurden – der Todesfabrik, in die heute vor 75 Jahren der letzte Transport von Juden rollte.

Fela Abbe
Izio Abbe
Jurek Abbe
Abram Akerman
Benjamin Akerman
Berl-Berele Akerman
Chaim Akerman
Hersz Akerman
Jakób Akerman
Judesa Akerman
Lajbl Akerman
Małka Akerman
Małka Akerman
Matis Akerman
Necha Akerman
Szajndla Akerman
Szmuel Akerman
Szprinca Akerman
Szpryna Akerman
Wolf-Welwale Akerman
Zeew (Welwl) Akerman
Sarah Ita Albert
Chaia Albert
Malka Albert
Adolf Wolf Aschnowitz
Julia Aschnowit
Gina Auerberach
Henryk Auerberach
Jurek Auerberach
Krsytyna Auerberach
Jakub Blatt
Lea Blatt
Chaskiel Blauner
Dawid Burstein
Alfred-Awraham Czoban
Sara (z domo Nelken) Czoban
Mosze Dorf
Runia Dorf
Salomea Dorf
Estera Edelist
Henryk Edelist
Nachum Edelist
Szmuel Leib Edelist
Zofia Edelist
Abek Einhorn
Julek Eisenberg
Lolek Eisenberg
Mirka Eisenberg
Żenia Eisenberg
Albert (Abe) Federgrün
Rachel-Renia Federgrün
Tonia (Taube) Federgrün
Maurycy (Mojżesz Jozua) Feil
Helena Feldman
Fryderyka Feuerstein
Maurycy Feuerstein
Gienia Ganz
Karolina Gemeiner
Elza Goldberg
Jadwiga Goldberg
Cecylia Goldberger
Frania Goldberger
Kamila-Kajla Goldberger
Lili Goldberg
Feliks Goldman
Irena Goldman
Leon Goldstein
Regina Goldstein
Mania Gross
Fryderyka Grossmann
Anita Grossmann
Dolek Gumplowicz
Helena Gumplowicz
Taube Gumplowicz
Włodzimierz Gumpolowicz
Esther Herz
Hendle Herz
Lazar Mojżesz Herz
Perl Herz
Pessel Herz
Rywka Herz
Wiesław Hitner
Cipora Henig (Honig)
Ita Henig (Honig)
Nechama Henig (Honig)
Sara Henig (Honig)
Chana Honigman
Etel Honigman
Hersz Wolf Honigman
Sara Honigman
Irena Holder
Fryda Holländer
Hana (Anna) Holländer
Ana Rozalia Imich
Wilhelm Keller
Cecylia (Cesia) Keller
Henryka Kerner
Debora Klainman
Elimeloch Klainman
Mojżesz Klainman
Razila Bela Klainman
Rut Klainman
Hela Kleinbaum
Henryk Kleinbaum
Samek Kleinbaum
Salomea Kleinfeld
Henio Kleinfeld
Maks Kleinfeld
Sara Frida Klinger
Emil Klinger
Erna Klinger
Salem Klinger
Róża Kremer
Janina Kurtycz
Izak Landau
Ruchel Landau
Herman (Hersz) Lermer
Chana (Andzia) Lermer
Dusia (Dola) Lermer
Dolek Lieblien
Lea (z doum Rosenberg) Lieblien
Mordechaj-Markus Lieblien
Abraham Adolf Lesekiewicz
Berta Lesekiewicz
Greta Lesekiewicz
Fula Majer
Jakub Lejb Maramorosch
Stefanie Olga Maramorosch
Bracha Meltzer
Jetty (Jetka) Meltzer
Bluma Nadler
Regina Osterman
Estera Padawer
Izio Padawr
Sarna Padawr
Berta (Bejla) Perlmutter
Rozalia Posament
Rozalia Rapaport
Sala Hela Rapaport
Mina Rapaport
Agata Reinisch
Gitla Roth
Golda Roth
Miriam Roth
Ruzia Roth
Sara Roth
Sophie Rosenfeld
Hanna Rozenberg
Renia Rozenberg
Fanny Sandberg
Zygmunt Sandberg
Samuel Schieber
Lusia Sara Segal
Filip Stern
Uriel Stern
Bronia Strauss
Rózia Strauss
Gisella (Gołda) Tannenzapf
Jona Tenenbaum
Bernard Tzif
Ida Tzif
Jakub Tzif
Marisa Tzif
Miriam Tzif
Simon Tzif
Sofia Tzif
Bezalel Ungar
Majer Weiler
Rozalia (Reizel) Weiler
Golda Weinman
Helena Weinman
Szymon Weinman
Gusta Weitzner
Chaja-Sura Wetstein
Cila Wetstein
Genia Wetstein
Lea-Lajcia Wetstein
Abram (Romek) Wetstein
Feiga Wetstein
Maniuś Wetstein
Josef Wetstein
Adela Wetstain
Baruch Wetstein
Bronka Wetstein
Mosze Wetstein
Miriam Wetstein
Mendel Scheller
Chana Scheller
Bajla Wild
Jankiel Wild
Natan Wolf
Malka Wolf
Lejba Wolf
Dawid Wolf
Cesia Zielonka
Helena Zimmerspitz
Lena Zimmerspitz
Chaja (z domu Melamed) Żytomirska
Ester Żytomirska
Rachela Żytomirska

Bis heute sind nicht alle Namen der in Belzec ermordeten Menschen bekannt. Die Gedenkstätte Belzec hat sich verpflichtet, die Erinnerung an die Toten wachzuhalten. Und ist für Hinweise dankbar.

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