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Moskau am 24.Juni 1945: Als Stalins größer Triumph im Regen unterging

Machtdemonstration 1945  

Wie Stalin die Wehrmacht auf dem Roten Platz demütigen ließ

24.06.2020, 05:41 Uhr
Moskau am 24.Juni 1945: Als Stalins größer Triumph im Regen unterging . Josef Stalin und Marschall Georgi Schukow (Bildmontage): am 24. Juni 1945 ließ der Sowjetdiktator den Sieg über Deutschland feiern. (Quelle: imago images/ITAR-TASS/Photo12/Photosvintages)

Josef Stalin und Marschall Georgi Schukow (Bildmontage): Am 24. Juni 1945 ließ der Sowjetdiktator den Sieg über Deutschland feiern. (Quelle: ITAR-TASS/Photo12/Photosvintages/imago images)

Am 24. Juni 1945 zelebrierte die Rote Armee den Sieg über die Wehrmacht mit einer gewaltigen Parade. Doch Diktator Josef Stalin war nicht in bester Laune. Was nicht nur am schlechten Wetter lag.

Das Spektakel beginnt mit dem Dröhnen von Kirchenglocken. Gegen 10 Uhr am Morgen des 24. Juni 1945 besteigt ein Mann einen makellosen Schimmel, anschließend reitet er unter den Klängen martialischer Musik durch das Tor des Erlöserturms auf den Roten Platz in Moskau.

Dort beobachten ihn zahlreiche Augenpaare: Tausende Soldaten und Zuschauer sind aufmarschiert. Ihnen gilt der Reiter als Held. Denn es handelt sich um Georgi Konstantinowitsch Schukow, Marschall der Sowjetunion, der am 9. Mai 1945 die Kapitulation der deutschen Wehrmacht entgegengenommen hatte.

Nun, gut anderthalb Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, feiert die Sowjetunion in Moskau den Triumph über das "Dritte Reich". Doch der Mann, auf den es wirklich ankommt, steht auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums: Josef Stalin. Gehüllt in seinen Mantel, die Mütze auf dem Kopf. Stoisch schaut der Diktator dem Geschehen auf dem Platz zu, der Regen rinnt sein Gesicht herunter.

"Soll Schukow die Parade abnehmen"

Nicht nur bessere Wetterverhältnisse hätte sich der starke Mann der Sowjetunion gewünscht, sondern anscheinend auch einen anderen Reiter auf dem besagten Schimmel: sich selbst. So schildert es Stalins Biograf Simon Sebag Montefiore, basierend auf den Memoiren Schukows. Demnach erprobte sich der des Reitens unkundige Diktator immer wieder auf einem Araberschimmel, seit im Mai 1945 beschlossen worden war, die Siegesparade zu veranstalten.

Stalin: Vom Lenin-Mausoleum aus beobachtete er die Parade der Roten Armee. (Quelle: imago images/ITAR-TASS)Stalin: Vom Lenin-Mausoleum aus beobachtete er die Parade der Roten Armee. (Quelle: ITAR-TASS/imago images)

Stalin, der die Sowjetunion seit vielen Jahren mit eiserner Hand regiert, ist in der Politik gleichwohl besser als zu Pferde. Bei einer Gelegenheit gab er demnach dem Pferd zu sehr die Sporen – das Tier eilte los. Nach kurzer Zeit war der Ritt zu Ende, Stalin fiel vom Pferd und zog sich Blessuren an der Schulter zu. Sein Sohn Wassili hatte das Missgeschick beobachtet. "Soll Schukow die Parade abnehmen", soll Stalin laut seinem Sprössling gezürnt haben. "Der ist ja Kavallerist."

So nimmt der Kriegsheld am 24. Juni die Parade ab. Auf seinem strahlend weißen Pferd, begleitet von seinem Adjutanten, ebenfalls mit einem Schimmel ausgestattet. Gegenpart ist Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski, ebenfalls im Marschallsrang, der während der Zeremonie Schukow die Truppen meldet.

"Zum Triumph geführt"

Mit "Hurrah!"-Rufen brüllen die angetretenen Rotarmisten ihren Triumph heraus, Schukow dürfte sich allerdings bewusst gewesen sein, dass Stalin ihn im Auge behält. Denn der Despot war für seine Paranoia gefürchtet: Während des Großen Terrors in den Dreißigerjahren hatte er Millionen Menschen ermorden oder in Lager sperren lassen. Ein Kriegsheld wie Schukow, der zu gut bei den Massen ankam, lebte durchaus gefährlich.

Entsprechend vorsichtig hat er die Ehre laut Montefiore zunächst zurückweisen wollen. "Wäre es nicht besser, wenn Sie die Parade abnehmen?", fragte Schukow demnach Stalin, als dieser ihm das Angebot machte. "Ich bin schon zu alt", lautete die Antwort. "Tun Sie das, Sie sind jünger."

Entsprechend achtet Schukow darauf, Stalins Verdienste nicht unter den Tisch fallen zu lassen. "Wir triumphieren, weil wir von unserem Führer und glänzendem Befehlshaber, dem Marschall der Sowjetunion, Josef Stalin, zum Triumph geführt wurden", lobt der Untergebene artig während seiner Rede bei der Zeremonie. Um schließlich der Opfer des Krieges zu gedenken: "Ewiger Ruhm den Helden, die im Kampf für unsere sowjetische Heimat gefallen sind."

Demütigung für den Kriegsgegner

Doch das eigentliche Highlight ist ein anderes. Zahlreiche Standarten  deutscher Einheiten hat die Rote Armee im Kampf gegen die Wehrmacht erobert. Ihnen kommt nun eine besondere Rolle im Drehbuch zu. Mann für Mann, 200 an der Zahl, marschieren Soldaten vor dem Lenin-Mausoleum auf, von wo Stalin und seine Entourage zuschauen. Jeder trägt eine deutsche Standarte. Nicht alle stammen dabei von Einheiten der Wehrmacht. Manche gehörten zur NSDAP und deren Formationen, andere sind Relikte des 19. Jahrhunderts.

Roter Platz: Feierlich wurden eroberte deutsche Fahnen niedergeworfen. (Quelle: imago images//ITAR-TASS )Roter Platz: Feierlich wurden eroberte deutsche Fahnen niedergeworfen. (Quelle: /ITAR-TASS /imago images)

Egal, vor allem eindrucksvoll müssen sie sein. Allesamt werden sie dann von ihren Trägern auf den Roten Platz geworfen, die Demütigung des besiegten Deutschlands und seiner Wehrmacht soll so der Sowjetunion und der ganzen Welt vor Augen geführt werden. Die Symbole der einst gefürchtetsten Streitmacht der Welt liegen nun im Dreck des Roten Platzes. Direkt vor Josef Stalin, dem starken Mann der Sowjetunion. Und vor der letzten Ruhestätte Lenins, des Gründers des ersten kommunistischen Staates der Erde.

Später am Abend wohnt Stalin einem Abendessen bei, das für mehr als 2.000 Offiziere ausgerichtet wird. Angesichts der Freude über den Erfolg, der an diesem Tag noch einmal zelebriert wird, fühlt sich der Diktator genötigt, eine versteckte Warnung auszusprechen. Bei einem Toast würdigt er die einfachen Menschen der Sowjetunion, "ohne die wir alle, ob Marschälle oder Kommandeure von Fronten und Armeen, keinen Pfifferling mehr wert wären".

"Keinen Pfifferling wert". Jeder, der Stalins Verfolgungswahn bis dahin überlebt hatte, weiß die Worte zu deuten. Schukow hingegen soll in der Zukunft leichtsinnig werden. Und wird in die Provinz versetzt.

Wiederholung angesagt

Stalin hingegen ist aus verschiedenen Gründen nicht ganz zufrieden mit dem Großereignis am 24. Juni 1945. Besonders das Foto- und Filmmaterial gefällt ihm nicht, auch der Regen stört ihn sehr. So muss nachgedreht werden. Insbesondere das Niederwerfen der deutschen Fahnen.

In den folgenden Jahrzehnten durchläuft der Tag des Sieges, also eigentlich der 9. Mai, eine wechselvolle Geschichte in der Sowjetunion und der Russischen Föderation. Unter Wladimir Putin ist die dazugehörige Militärparade ein zentraler Bestandteil der politischen Inszenierung Russlands als Großmacht. Dieses Jahr allerdings musste die Parade aufgrund des Coronavirus im Mai verschoben werden.

Aber ein anderes symbolträchtiges Datum ist ja zur Stelle: der 24. Juni. Ob Putin, des Reitens durchaus mächtig, allerdings auf einem Schimmel einreiten wird, darf bezweifelt werden.

Verwendete Quellen:

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