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Tsunami aus dem Nichts: 1000-Kilometer-Welle trifft US-Ostküste

Rätselhafte 1000-Kilometer-Welle traf US-Ostküste

02.07.2013, 16:14 Uhr | Von Axel Bojanowski, Spiegel Online

Tsunami aus dem Nichts: 1000-Kilometer-Welle trifft US-Ostküste. Radarbild Sturm am 13. Juni in den USA (Quelle: NOAA)

Gewitterwolken am 13. Juni über den USA (Radarbild): Der Sturm zog von Westen über Amerika, später über den Atlantik (die Uhrzeiten dokumentieren die Passage) (Quelle: NOAA)

Eine erstaunliche Flut an der Ostküste der USA verblüfft Wissenschaftler. Am Nachmittag des 13. Juni habe sie Strände von Massachusetts bis Carolina überspült, berichtet das Tsunami-Warnzentrum. Die Auswertung von Daten habe erst jetzt ergeben, dass 30 Bojen in ganz unterschiedlichen Meeresregionen kurz hintereinander erhöhten Wasserstand registriert hätten - die Wellenfront müsste demnach wenigstens tausend Kilometer breit gewesen sein. Jetzt rätseln Wissenschaftler, was sie verursacht hat.

Brian Coen war fischen in der Bucht von Barnegat in New Jersey. Gegen halb vier Uhr nachmittags habe sich die ablaufende Tide plötzlich erheblich verstärkt, berichtet Coen dem US-Wetterdienst. Die starke Strömung habe Taucher ins offene Meer gezogen. Eilig habe er sein Boot losgebunden, damit es nicht kenterte. Zwei Minuten später hatte sich das Meer so weit zurückgezogen, dass Felsen am Grund frei lagen, die sonst überflutet sind.

Dann kam die Welle: Eine zwei Meter hohe, schäumende Flut sei plötzlich auf ihn zugerollt, berichtet Brian Coen. Die Strömung habe sich dabei umgekehrt und die Taucher wieder an die Küste geschwemmt. Drei Spaziergänger seien von der Welle umgerissen, zwei von ihnen verletzt worden. Minutenlang habe sich die Flut über dem Strand ergossen. Größere Schäden wurde aber nicht bekannt.

Ungewöhnliches Gewitter

Das Ereignis hat die Küstenwache überrascht. Seebeben, die Tsunamis auslösen können, seien nicht registriert worden. Die Flut kam also gewissermaßen aus dem Nichts. "Die Suche nach der Ursache ist noch im Gange", teilt das Tsunamiwarnzentrum des US-Wetterdienstes NOAA mit.

Zwei Möglichkeiten kämen in Frage: Entweder habe eine Unterwasserlawine oder ein seltenes Wetterereignis die Welle losgetreten. Auf den Tausende Meter langen Steilkliffs am Meeresgrund im Westatlantik können große Sandmassen in die Tiefe gleiten. Oft jedoch messen Erdbebensensoren dann kleine Erschütterungen.

Wahrscheinlich handele es sich eher um einen seltenen Meteotsunami, meint die NOAA. Am 13. Juni habe eine ungewöhnlich breite Gewitterfront den Atlantik von West nach Ost gequert, ein sogenannter Derecho. Der Luftdruck habe stark geschwankt, heftige Fallböen schossen über den Ozean.

Auch im Mittelmeer

Wie genau Luftwirbel Flutwellen auslösen, ist noch nicht geklärt. Klar ist: Das Meer muss bis in große Tiefe in Wallung geraten, um erhebliche Wassermengen mit starker Strömung an die Küsten zu spülen. Treffen vibrierende Luftmassen auf Meereswellen mit ähnlicher Geschwindigkeit, könnten sie in Resonanz geraten, meinen Forscher. Dauere der Gleichklang lange genug, könnten sich Luft und Wasser aufschaukeln, so dass eine lange Welle entsteht.

Nicht ihre Höhe, sondern ihre Länge macht Tsunamis gefährlich - Hunderte Kilometer Wellenlänge sorgt dafür, dass große Wassermassen strömen. In engen, flachen Buchten werden sie gestaucht und türmen sich. So war es kein Wunder, dass Brian Coen in der Barnegat-Bucht von den Wassermassen besonders getroffen wurde.

Die mysteriöse Atlantikwelle reiht sich demnach ein in die noch recht kurze Liste von Meteotsunamis - Forscher kennen das Phänomen erst seit einigen Jahren. Der letzte bekannte Fall ereignete sich vor zwei Jahren in England. Auch aus dem Mittelmeer, etwa aus Menorca, Kroatien und von der Adria wurden Meteotsunamis gemeldet. Das Phänomen ist weltweit verbreitet: Neuseeland, Japan, China und Finnland interpretieren manche Fluten mittlerweile als Meteotsunamis.

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