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Verdreifachung weltweiter DemenzfÀlle bis 2050

Von dpa
Aktualisiert am 07.01.2022Lesedauer: 4 Min.
2050 könnten rund 153 Millionen Menschen mit Demenz leben.
2050 könnten rund 153 Millionen Menschen mit Demenz leben. ZurĂŒckzufĂŒhren sei das vor allem auf Wachstum und Alterung der Bevölkerung. (Quelle: Christoph Soeder/dpa./dpa)
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Seattle/Bordeaux (dpa) - In den kommenden drei Jahrzehnten könnte sich die Zahl weltweiter DemenzfÀlle fast verdreifachen. Das sagt zumindest eine Gesundheitsstudie voraus, die in der Fachzeitschrift "The Lancet Public Health" veröffentlicht wurde.

Ihr zufolge könnten 2050 rund 153 Millionen Menschen mit Demenz leben - gegenĂŒber 57 Millionen im Jahr 2019. ZurĂŒckzufĂŒhren sei das vor allem auf Wachstum und Alterung der Bevölkerung. Einen besonders hohen Anstieg erwarten die Wissenschaftler unter anderem in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wĂ€hrend Japan die geringsten Zuwachsraten verzeichnen werde. FĂŒr Deutschland prognostizieren die Forscher einen Zuwachs von 65 Prozent, was unter dem westeuropĂ€ischen Durchschnitt liegen wĂŒrde.

Schon im vergangenen Jahr hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor gewarnt, dass die Zahl der Demenzkranken in den kommenden zehn Jahren global rasant zunehmen werde. Einer der HauptgrĂŒnde dafĂŒr sei die steigende Lebenserwartung: Mit dem Alter erhöht sich das Risiko fĂŒr nichtĂŒbertragbare Krankheiten und damit auch fĂŒr Demenz. Dieser Oberbegriff beschreibt das Symptombild einer ganzen Reihe von meist fortschreitenden Krankheiten, welche die LeistungsfĂ€higkeit des Gehirns beeinflussen - zu den hĂ€ufigsten und bekanntesten gehört die Alzheimer-Demenz. Nach Angaben der WHO ist Demenz derzeit die siebthĂ€ufigste Todesursache weltweit und eine der Hauptursachen fĂŒr Behinderungen und PflegebedĂŒrftigkeit bei Ă€lteren Menschen. Die globalen Kosten werden fĂŒr 2019 auf mehr als eine Billion US-Dollar geschĂ€tzt.

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Umso alarmierender erscheinen nun die Vorhersagen, welche ein Team internationaler Wissenschaftler fĂŒr die regelmĂ€ĂŸig erscheinende "Global Burden of Disease"-Studie modelliert hat. Konkret erstellten die Forscher SchĂ€tzungen der DemenzprĂ€valenz fĂŒr 195 LĂ€nder und Territorien im Zeitraum von 2019 bis 2050 und bezogen dabei verschiedene Demenz-Risikofaktoren ein. Vor allem Bevölkerungswachstum und -alterung fĂŒhrten dazu, dass bis 2050 voraussichtlich 153 Millionen Menschen weltweit mit Demenz leben, was fast einer Verdreifachung der FĂ€lle im Vergleich zu 2019 darstellt.

Den grĂ¶ĂŸten Anstieg der PrĂ€valenz prognostiziert die Studie fĂŒr den östlichen Subsahara-Raum, wo die Zahl der Demenzkranken im Alter von 40 Jahren und Ă€lter um ĂŒber 350 Prozent ansteigen werde. Um fast 370 Prozent steigende Fallzahlen werden fĂŒr Nordafrika und den Nahen Osten vorhergesagt, wobei besonders hohe Steigerungsraten in Katar (1926 Prozent) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (1795 Prozent) zu erwarten seien. Der geringste Anstieg wird fĂŒr den einkommensstarken asiatisch-pazifischen Raum prognostiziert, wo die Zahl der FĂ€lle um 53 Prozent auf 7,4 Millionen 2050 steigen soll - mit einem besonders geringen Zuwachs in Japan (27 Prozent).

FĂŒr Westeuropa erwarten die Studienautoren einen Anstieg der FĂ€lle um 74 Prozent, von fast 8 Millionen 2019 auf knapp 14 Millionen 2050. Niedrigere Anstiegsraten seien hier fĂŒr Griechenland (45 Prozent), Italien (56 Prozent), Finnland (58 Prozent) und Schweden (62 Prozent) zu erwarten, auch Deutschland liege mit 65 Prozent (von knapp 1,7 Millionen Erkrankten 2019 auf knapp 2,8 Millionen 2050) noch unter dem prognostizierten durchschnittlichen Zuwachs Westeuropas. Überdurchschnittlich hoch werde dieser unter anderem in Zypern (175 Prozent), Andorra (172 Prozent) und Irland (164 Prozent) ausfallen.

Mit Blick auf die Auswirkungen von vier Demenz-Risikofaktoren- Rauchen, Fettleibigkeit, hoher Blutzucker und niedrige Bildung - prognostizieren die Studienautoren, dass ein verbesserter Zugang zu Bildung fĂŒr sechs Millionen weniger DemenzfĂ€lle sorgen könnte. Dem stĂŒnden allerdings knapp sieben Millionen mehr FĂ€lle gegenĂŒber, die mit den prognostizierten Raten fĂŒr Fettleibigkeit, hohen Blutzucker und Rauchen zusammenhingen.

Umso wichtiger seien PrĂ€ventionsmaßnahmen, welche den Einfluss dieser Risikofaktoren minimierten, betont Epidemiologin und Hauptautorin Emma Nichols vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der UniversitĂ€t Washington. "FĂŒr die meisten LĂ€nder bedeutet dies die Ausweitung von lokal angepassten, kostengĂŒnstigen Programmen, die eine gesĂŒndere ErnĂ€hrung, mehr Bewegung, die Aufgabe des Rauchens und einen besseren Zugang zu Bildung fördern."

TatsĂ€chlich hatte der im vergangenen Jahr veröffentlichte Bericht der "Lancet"-Kommission nahegelegt, dass bis zu 40 Prozent der DemenzfĂ€lle verhindert oder hinausgezögert werden könnten, wenn zwölf bekannte Risikofaktoren beseitigt wĂŒrden. Neben den in der aktuellen Studie berĂŒcksichtigten gehörten Bluthochdruck, Hörminderung, Depression, Bewegungsmangel, Diabetes, soziale Isolation, ĂŒbermĂ€ĂŸiger Alkoholkonsum, Kopfverletzungen und Luftverschmutzung dazu.

Die Wissenschaftler rĂ€umen indes selbst ein, dass ihre Analyse durch einen Mangel an qualitativ hochwertigen Daten aus einigen Teilen der Welt beeintrĂ€chtigt werde und nur vier Demenz-Risikofaktoren berĂŒcksichtigt worden seien. DarĂŒber hinaus untersuche die Studie die GesamtprĂ€valenz von Demenz, ohne zwischen verschiedenen klinischen Subtypen zu unterscheiden - eine Kritik, die auch MichaĂ«l Schwarzinger und Carole Dufouil vom UniversitĂ€tskrankenhaus Bordeaux in einem unabhĂ€ngigen Kommentar aufgreifen: Die zugrundeliegenden Mechanismen, welche eine Demenz verursachen, wĂŒrden hier vereinfacht.

"Aus einer Public-Health-Perspektive sind die Ergebnisse der Studie generell enttĂ€uschend, da sie suggerieren, dass der Anstieg der DemenzfĂ€lle unaufhaltsam ist", schreiben die beiden Mediziner. So wĂŒrden in den "apokalyptischen Prognosen" ratsame Änderungen des Lebensstils nicht mit einkalkuliert. Umso wichtiger sei es, ĂŒber jene Mittel zu informieren, welche die "dĂŒsteren Prognosen" verzögern oder vermeiden könnten.

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