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Interview mit Survival-Experten: Was tun, wenn geplündert wird beim Blackout?


"Wenn da eine Gruppe Plünderer kommt, hat man keine Chance"

Von Antje Hildebrandt

Aktualisiert am 28.09.2022Lesedauer: 5 Min.
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Bereitet besorgte Bürger auf einen Blackout vor: Benjamin Arlet.
Bereitet besorgte Bürger auf einen Blackout vor: Benjamin Arlet. (Quelle: privat/Sabine Gudath/imago images)
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Was tun, wenn ein Blackout die Regeln außer Kraft setzt ? In einem Kurs kann man das lernen. Panikmache – oder berechtigte Vorsorge?

Der Städte- und Gemeindebund warnt davor, dass Gas im Winter knapp werden und das Netz kollabieren könnte, wenn die Menschen alle gleichzeitig auf Heizlüfter umsteigen. Der Verfassungsschutz rechnet mit russischen Hackerangriffen auf die kritische Infrastruktur.

Benjamin Arlet hat ein Überlebenshandbuch geschrieben. Er ist ausgebildeter Wildnis-Pädagoge, Rettungsschwimmer und Industriekletterer – und einer der Ersten, die sich in Berlin als Survival-Trainer selbstständig gemacht haben. Seine Firma SurviCamp bereitet Kunden in eintägigen Kursen auf einen Blackout vor.

Im Interview mit t-online sagt er, wie er seine Teilnehmer für einen Blackout fit macht, wo die Vorsorge aufhört und das Geschäft mit der Angst anfängt und warum eine Gruppe die beste Lebensversicherung für eine Krise ist.

t-online: Herr Arlet, stellen wir uns vor, der Ernstfall tritt ein und in Europa fällt wochenlang der Strom aus. Vor der Tür stehen Plünderer, die es auf Lebensmittel und Notstromaggregate abgesehen haben. Was raten Sie den Teilnehmern Ihrer Survival-Kurse, wie sollen die sich verhalten?

Benjamin Arlet: Wenn es so weit kommt, ist schon ein bisschen was schiefgelaufen. Der Betroffene hat es versäumt, sich mit anderen Personen zusammenzuschließen. Wenn man in so einer Situation allein zu Hause hockt und da kommt eine Gruppe Plünderer, hat man keine Chance. Alles, was man dann noch machen kann, ist wegzurennen und zu hoffen, dass die einen nicht erwischen. Man wird ein weniger attraktives Ziel für Plünderer, weil man gut aufgestellt ist.

In Ihrem Buch schreiben Sie: "Die beste Lebensversicherung ist ein funktionierendes Team." Woher kriegt man das?

Mit Gruppe meine ich in erster Linie die Familie und den Freundeskreis. Man muss auch vorher schon schauen: Wen habe ich in der Nachbarschaft? Wer hat selber einen Vorrat zu Hause oder hat bestimmte Fähigkeiten? Wer niemanden in der unmittelbaren Nähe hat, sollte auf Social Media Gruppen suchen, denen er sich anschließen kann. Man wird dann gar nicht erst zum Ziel für Plünderer, weil man gut aufgestellt ist.

In dem Buch heißt es auch: "In der Fundamentalkrise kann es passieren, dass der Regelbrecher denjenigen überlegen ist, die sich an die Regeln halten." Wer will, könnte das als Anleitung verstehen, sich Waffen zu besorgen. Haben Sie keine Angst, dass ihr Kurs Extremisten anlockt?

Menschen, die sich auf gewaltsame Umbrüche vorbereiten, besuchen unsere Kurse nicht. Solche Leute wissen sowieso schon alles besser, und was mich anbelangt, können die auch gerne zu Hause bleiben. SurviCamp ist seit jeher unpolitisch, das spiegelt sich in unseren Kursinhalten wider.

Aber von welchen Regeln sprechen Sie?

Ganz allgemein: Regel gelten natürlich auch im Fall eines Notstands. Regelbrüche werden normalerweise von der Polizei geahndet. Aber bei einem Notstand hat die Polizei vielleicht Besseres zu tun.

Unter den Extremisten gibt es ja einige, die sich den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung geradezu wünschen. Wie grenzen Sie sich von dieser Klientel ab?

Leute, die sich auf Katastrophen oder den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung freuen, nennen wir Doomer. Die wollen, dass alles im Chaos versinkt – unter anderem deshalb, weil sie im Alltag keine großen Räder drehen und den dringenden Wunsch haben, mal "das Sagen zu haben". Die überwältigende Mehrheit der Leute, die sich auf Krisenlagen vorbereiten, ist aber nicht extrem. Die wollen einfach nur für Stromausfälle und andere Versorgungsengpässe vorsorgen. Und das ist unsere Zielgruppe. Das ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft, ein bisschen mehr Männer als Frauen. Alter: von 16 bis 60.

Haben Sie die Szene der Prepper trotzdem im Blick?

Nicht wirklich. Ich habe mich am Anfang aus beruflichem Interesse in einigen Facebookgruppen bewegt, die sich mit normalem Prepping beschäftigen. Das mache ich inzwischen nicht mehr. Da sind viele Leute, denen es einfach nur um Aufmerksamkeit geht, nicht um die Sache als solche.

Hardcore-Prepper werben für Taser und andere Waffen. Was ist das Extremste, das Ihnen aufgefallen ist?

Ich maße mir nicht an zu bewerten, was vernünftige und was unvernünftige Krisenvorsorge ist. Das ist das Schwarzer-Schwan-Prinzip: Ich denke mir, das und das könnte passieren. Und dann kommt es am Ende ganz anders. Und die, über die ich mich lustig gemacht habe, sind die Schlauen gewesen.

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Es gibt den Food-Ausrüster "SicherSatt", der die Kiste mit Notvorräten für einen Monat für 300 Euro verkauft. Wenn man sich die Sachen im Supermarkt selbst kauft, kostet es nur 71,75 Euro. Wo hört die Vorsorge auf, wo fängt das Geschäft mit der Angst an?

Wie bei fast allen Dingen gibt es Budget, Mittelklasse und Oberklasse auch in der Krisenvorsorge. Wer alles fertig im Paket kauft, zahlt etwas mehr, spart sich aber auch das Zusammensuchen im Supermarkt. Wo die Grenze ist, entscheidet das eigene Budget.

Wie hoch schätzen Sie denn die Gefahr eines Blackouts überhaupt ein?

Wahrscheinlich ist die Angst berechtigt, aber man muss sich die Frage stellen: Welchen Einfluss soll die Gefahr auf mein Leben haben? Dazu fällt mir das Beispiel des Piloten ein, der mit dem Fallschirm ins Flugzeug steigt, aber wenn er das Flugzeug verlässt, lässt er den Fallschirm da und nimmt ihn nicht mit ins Bett. Man sollte diese Krisenvorsorge wie eine Unfallversicherung betrachten.

Wie baut man einen Wasserfilter? In der Natur lernen die Kursteilnehmer zu improvisieren.
Wie baut man einen Wasserfilter? In der Natur lernen die Kursteilnehmer zu improvisieren. (Quelle: privat)

Welches Wissen vermitteln Ihre Kurse, das nicht schon die Checkliste des Bundesamtes für Katastrophenschutz vermittelt?

Man hat die Möglichkeit, die vielen Sachen auszuprobieren, die nach der Checkliste empfohlen werden. Soll ich mir lieber einen Gaskocher oder einen Spiritusbrenner anschaffen? Solche Fragen können die Teilnehmer auch dem Trainer stellen. Die Checkliste bezieht sich aber nur auf die Vorräte und die Ausrüstung. Viel wichtiger ist meiner Meinung nach etwas anderes: Wie ist meine geistige und körperliche Verfassung? Habe ich ein soziales Netzwerk? Und habe ich bestimmte Fähigkeiten, die man in so einer Krise braucht? Kann ich Erste Hilfe? Kann ich die Führung in einer Gruppe übernehmen?

Feuer machen, sich ein Notquartier bauen, sich ohne Handy oder GPS orientieren, womit tun sich die Teilnehmer am schwersten?

Das Handwerkliche ist gar nicht das Problem. Es geht darum, die Grundbedürfnisse zu priorisieren. Wenn ich die Teilnehmer frage, was ihre wichtigsten Bedürfnisse sind, lautet die Antwortet meistens: "Essen und Trinken." Klingt erst mal einleuchtend, aber viel wichtiger ist der Wärmeerhalt, weil man eher erfriert als verhungert. Als Nächstes kommen die Themen Feuer und Wasser. Essen kommt ganz als Letztes. In einer kurzfristigen Krise ist das gar nicht wichtig.

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Kann die Vorbereitung auf einen Ernstfall den Teilnehmern die Angst nehmen?

Auf jeden Fall. Aus der Hirnforschung weiß man, dass das Hirn im Krisenfall auf eine Referenzerfahrung zurückgreifen kann, wenn man ein fiktives Szenario vorher schon mal durchgespielt hat, Es ist also hilfreich, im Fall eines Stromausfalls zu wissen, wie man sich etwas zu essen machen kann oder wo das nächste Krankenhaus ist auf der Karte.

Wie alle Städte bereitet sich Berlin auf den Ernstfall vor. Wie bewerten Sie das Krisenmanagement des Senats?

Als Außenstehender maße ich mir darüber kein Urteil an. Ich finde es super, dass überhaupt etwas gemacht wird. Jeder Bürger hat ja auch die Möglichkeit, sich selbst zu beteiligen, zum Beispiel, indem er oder sie Mitglied im Technischen Hilfswerk (THW) oder in einer anderen Hilfsorganisation wird. Ich war im Februar 2019 mit dem THW im Einsatz, als der Strom in Köpenick ausgefallen ist. Wir haben einen "Leuchtturm" für Bürger aufgebaut. Das hat im Kleinen gut funktioniert. Wie es im Großen klappt, werden wir dann sehen. Je mehr Leute einen Gaskocher oder ein Solarpanel zu Hause haben, desto weniger brauchen so eine Anlaufstelle überhaupt.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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Verwendete Quellen
  • Interview mit Benjamin Arlet
  • Bundesamt für Katastrophenschutz: Checkliste
  • Benjamin Arlet: "Das Überlebens-Handbuch – Warum Sie sich auf Krisen und Katastrophen vorbeireiten sollten und wie Sie das anstellen, ohne Ihr ganzes Leben umzukrempeln."
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