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"Nach 23 Uhr gehe ich nicht mehr raus, weil mir das zu gef├Ąhrlich ist"

Von Katrin B├Ârsch

Aktualisiert am 19.04.2021Lesedauer: 5 Min.
Das Frankfurter Bahnhofsviertel (Archivbild): Der Kiez rund um die Taunusstrasse gilt als Dealertreff, Anlaufstelle f├╝r Freier und Kriminalit├Ątsbrennpunkt.
Das Frankfurter Bahnhofsviertel (Archivbild): Der Kiez rund um die Taunusstrasse gilt als Dealertreff, Anlaufstelle f├╝r Freier und Kriminalit├Ątsbrennpunkt. (Quelle: Jochen Tack/imago-images-bilder)
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Kultur und Gewerbe liegen lahm, Sexarbeit driftet in die Illegalit├Ąt ab, die Drogenszene bleibt prek├Ąr. Wie geht es dem Frankfurter Bahnhofsviertel in der Corona-Krise? Ein Rundgang mit Kiezkenner Ulrich Mattner.

"Frankfurt Bahnhofsviertel: Fu├čg├Ąnger nach Streit ├╝berfahren ÔÇô Polizei r├Ątselt ├╝ber Hintergr├╝nde", titelte am 3. April eine Regionalzeitung. Sechs Tage sp├Ąter steht Ulrich Mattner, Journalist, Fotograf und Bahnhofsviertel-Guide, an der Ecke zwischen Kaiser- und Elbestra├če. Ein Bekannter gr├╝├čt ihn und zeigt auf die Stra├če: "Genau hier ist der ├╝berrollt worden". Mattner nickt wissend.

Ebenfalls an genau dieser Ecke stehen Frauen, in jeweils ein paar Metern Abstand. Eine hat auff├Ąllig rot geschminkte Lippen, eine andere tr├Ągt ein transparentes Oberteil. Sie stehen versetzt, eine nach der anderen, die Elbestra├če und teilweise auch die Kaiserstra├če entlang ÔÇô beides sehr betriebsame Stra├čen.

Ulrich Mattner: Der Frankfurter kennt fast jede Ecke des Bahnhofsviertels.
Ulrich Mattner: Der Frankfurter kennt fast jede Ecke des Bahnhofsviertels. (Quelle: Ulrich Mattner)

Prek├Ąre Situation f├╝r Sexarbeiterinnen

"Das hier ist der Stra├čenstrich", kl├Ąrt Mattner auf. Er fragt die Frau im transparenten Oberteil, ob es hier gef├Ąhrlich f├╝r sie sei. Sie antwortet freundlich in gebrochenem Englisch, dass es ├╝berall gef├Ąhrlich f├╝r sie und ihre Kolleginnen sei. Sie arbeite in einem Hotelzimmer in der N├Ąhe.

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Die Situation f├╝r die Sexarbeiterinnen im Viertel habe sich verschlechtert, stellt Mattner fest. Denn in den Bordellen seien sie wenigstens gesch├╝tzt gewesen. Auf der Stra├če gebe es diesen Schutz nicht. Die Bordelle in Frankfurt sind w├Ąhrend der Corona-Krise geschlossen. Viele Frauen sehen dadurch keine andere M├Âglichkeit, als auf dem illegalen Stra├čenstrich anzuschaffen. "Seit Corona stehen hier viel mehr Frauen als zuvor", beobachtet Mattner.

Der Kiezexperte l├Ąuft die Elbestra├če weiter an die n├Ąchste Ecke zur Taunusstra├če. Er zeigt auf ein Bordell und sagt: "Die Betreiber dieses Hauses lassen die Frauen w├Ąhrend Corona hier wohnen. Die w├╝ssten sonst nicht, wohin". Seit dem Erlass des Prostituiertenschutzgesetzes am 21. Oktober 2016 ist es untersagt, dass Sexarbeiterinnen in den R├Ąumen, in denen sie anschaffen, auch wohnen. Da sie zurzeit nicht arbeiten d├╝rfen, k├Ânnen sie in den Bordellen unterkommen. Das Konzept eines Eroscenters bestehe darin, dass die Frauen sich in Zimmer einmieten ÔÇô f├╝r 140 Euro pro Tag, erkl├Ąrt Mattner. Zus├Ątzlich dazu m├╝ssen sie, aufgrund der Gesetzesbestimmung, noch ihre privaten Unterk├╝nfte anderswo finanzieren.

Eine Schaufensterpuppe bewirbt die Aufschrift "Crazy Sexy": Frankfurts Elbestra├če ist bekannt f├╝r ihren Stra├čenstrich.
Eine Schaufensterpuppe bewirbt die Aufschrift "Crazy Sexy": Frankfurts Elbestra├če ist bekannt f├╝r ihren Stra├čenstrich. (Quelle: Katrin B├Ârsch)

Ein Viertel der Gegens├Ątze

Im Bahnhofsviertel prallen auf engstem Raum unterschiedliche Welten aufeinander. Vor Corona hetzten Banker vorbei an Obdachlosen. Hipster schlenderten an Junkies vorbei. Das Viertel war und ist multikulturell: Arabische, asiatische und afrikanische Lebensmittelgesch├Ąfte, die Kunden aufgrund des speziellen Sortiments von weit her anziehen, koexistieren neben deutschen Traditionsgesch├Ąften, die 100 Jahre und l├Ąnger an Ort und Stelle bestehen.

So war es auch mit der Drogenszene und den n├Ąchtlichen Partybesuchern. Ein Insider aus der Szene erkl├Ąrt, dass das ABA Hotel, in das sich viele Dealer eingemietet hatten, dicht gemacht habe. Deshalb gebe es zurzeit kaum Stoff auf den Stra├čen. Direkt nebenan, vor dem geschichtstr├Ąchtigen und gleichzeitig angesagten Cabaret-Club Pik Dame, bildeten sich zu Pr├Ą-Corona-Zeiten regelm├Ą├čig lange Schlangen aus hippem Partyvolk. Das gleiche Schauspiel auf der anderen Stra├čenseite: Die von einem Magazin zu "Deutschlands bester Bar 2020" gek├╝rte Kinly Bar befand sich vor ihrem k├╝rzlichen Umzug direkt neben einem Druckraum.

Die Zeiten der langen Partyn├Ąchte im Bahnhofsviertel sind seit einem Jahr vorbei. Die M├╝nchener Stra├če sei nachts wie leer gefegt, in den anderen Stra├čen tummelten sich zu sp├Ąter Stunde ausschlie├člich Abh├Ąngige und Sexarbeiterinnen, berichtet Anwohnerin Sinem Koyuncu: "Nach 23 Uhr gehe ich nicht mehr raus, weil mir das einfach zu gef├Ąhrlich ist". Vor Corona z├Ąhlte das Bahnhofsviertel, genauso wie Alt-Sachsenhausen, zu den Vergn├╝gungsquartieren, die an Wochenenden ├╝berschwemmt wurden von Hedonisten. "Die Kultur ist momentan tot", bedauert Mattner. "Sie kommt aber ganz bestimmt wieder zur├╝ck", sagt er zuversichtlich.

"Around The World In A Day" steht auf dem "25Hours Hotel": Im Bahnhofsviertel prallen Welten aufeinander.
"Around The World In A Day" steht auf dem "25Hours Hotel": Im Bahnhofsviertel prallen Welten aufeinander. (Quelle: Katrin B├Ârsch)

Frankfurter Weg gescheitert?

Nur einen Steinwurf vom Stra├čenstrich entfernt versammelt sich vor einem Druckraum an der Niddastra├če die Crack- und Heroinszene. In gro├čen Menschentrauben stehen gesch├Ątzt 50 Abh├Ąngige auf dem Stra├čenabschnitt. Die Pillenszene treffe sich an einem anderen Ort, n├Ąmlich am Kaisersack, direkt gegen├╝ber des Hauptbahnhofs, erkl├Ąrt Mattner. "Die meisten, die hier in der Niddastra├če stehen, befinden sich im Methadon-Programm", sagt er. Das Problem daran sei, dass es noch abh├Ąngiger als Heroin mache und dass letzteres nur noch in extrem hohen Dosen wirke. Die Verabreichung des Methadons sei zudem so geregelt, dass die S├╝chtigen keine Entzugserscheinungen bekommen, aber auch keinen Turn. "Um sich den Flash zu holen, rauchen viele Crack", wei├č Mattner.

Der Frankfurter Weg sei aus seiner Sicht gescheitert. "Auf der einen Seite denkt die Stadtpolitik dar├╝ber nach, ein Theater f├╝r eine Milliarde Euro zu bauen. Auf der anderen Seite gibt es hier eine Szene, die man vielleicht mit 30 Millionen Euro wegkriegen k├Ânnte. Das wird aber nicht in Angriff genommen. Dann wei├čt du, wo der politische Wille liegt", bedauert Mattner.

Der Frankfurter Weg orientiert sich am Vorbild Z├╝rich. In der schweizerischen Stadt ist Anfang der Neunzigerjahre eine Drogenpolitik eingef├╝hrt worden, die Abh├Ąngige als Patienten betrachtet. Anders als in Frankfurt wird ihnen beispielsweise Wohnraum zur Verf├╝gung gestellt und in den Druckr├Ąumen darf gedealt werden. Heroin wird teilweise in Tablettenform verabreicht. So hat die Schweiz es geschafft, die Abh├Ąngigen von der Stra├če zu holen und ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

In Frankfurt werde das Konzept nicht konsequent und durchdacht genug umgesetzt, findet Mattner. Etwas weiter kauert eine Frau an einer H├Ąuserwand. Breitbeinig, mit aufgestellten F├╝├čen sitzend, ber├╝hrt ihr Kopf dazwischen fast den Bordstein. F├╝nf Meter weiter ├╝berquert eine Frau in Burka die Stra├če.

"Sichere, warme Schlafpl├Ątze f├╝r alle!"

Auch am Karlsplatz, einem dreieckigen Gr├╝nstreifen zwischen Nidda- und Karlstra├če, sitzen an den Bordsteinen eine Handvoll Menschen. An ein Trafoh├Ąuschen in der Mitte des Platzes lehnt ein Mann. Ihm n├Ąhert sich ein anderer. Der Mann am H├Ąuschen l├Ąuft auf den anderen zu, z├╝ckt ein Pfefferspray und zielt drohend in seine Richtung. Im n├Ąchsten Moment grinst er, l├Ąsst den Arm samt Pfefferspray sinken und sagt: "War nur ein Scherz".

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Obdachlosen-Lager und -Zelte: Sie sind im Brennpunktviertel ebenso keine Seltenheit wie ├Âffentlicher Drogenkonsum.
Obdachlosen-Lager und -Zelte: Sie sind im Brennpunktviertel ebenso keine Seltenheit wie ├Âffentlicher Drogenkonsum. (Quelle: Katrin B├Ârsch)

Im Eckhaus gegen├╝ber des Karlsplatzes befindet sich das politisch linke Hausprojekt NiKa. Im Fenster h├Ąngt neben Bildern der durch das rassistische Attentat in Hanau ermordeten Menschen ein Plakat mit der Aufschrift: "Wir fordern sichere, warme Schlafpl├Ątze f├╝r alle!". Etwas weiter lagern Wohnungslose auf ausrangierten Couches am Stra├čenrand. Schr├Ąg gegen├╝ber befindet sich mit dem "25Hours Hotel", der Bar Shuka, der Bar Pracht und dem Karlson Club ein weiterer Hipster-Hotspot, der zurzeit verwaist ist.

Ortswechsel: Auch vor dem Kult-Kiosk Yok Yok auf der M├╝nchner Stra├če stand vor Corona regelm├Ą├čig eine Traube an jungen Menschen, die sich nach Feierabend zum Biertrinken getroffen hat. Heute erinnert die mit zahlreichen Aufklebern verzierte Fassade an die gesellige Zeit vor der Pandemie. Ein paar Schritte weiter gr├╝├čt J├╝rgen Dohn, Inhaber der Schuhmacherei Lenz ÔÇô ein 80 Jahre alter Traditionsbetrieb. Dohn zieht an seiner Zigarette und sagt: "Seit ├╝ber einem Jahr lebe ich von meinen privaten Ersparnissen, obwohl mein Gesch├Ąft offen ist. Aber die Kundschaft bleibt aus".

J├╝rgen Dohn steht lachend vor seinem Laden: Dabei beklagt der Schuhmacher die seit einem Jahr ausbleibende Kundschaft.
J├╝rgen Dohn steht lachend vor seinem Laden: Dabei beklagt der Schuhmacher die seit einem Jahr ausbleibende Kundschaft. (Quelle: Katrin B├Ârsch)

Noch weniger Gl├╝ck hatte das seit 1902 bestehende Schreibwarengesch├Ąft Fleischhauer. Schr├Ąg gegen├╝ber der Schuhmacherei zeugen mit Planen behangene Schaufenster vom Leerstand des Ladens. Er habe im vergangenen Jahr seine T├╝ren f├╝r immer geschlossen, sagt Mattner.

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Letzte Station des Spaziergangs mit dem Kiezexperten ist das Chang├│, ein Latino Club. Gesch├Ąftsf├╝hrer Ferdinand Hartmann hat in seiner leeren Diskothek ein Corona-Schnelltest-Center eingerichtet. Au├čerdem verkaufen die Mitarbeiter an einem Stra├čenstand lateinamerikanisches Essen. Auf die Frage, wie es denn so laufe, bricht er in schallendes Lachen aus und sagt in breitem Frankfurter Dialekt: "Hier l├Ąuft gar nix, au├čer der Nas'".

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