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Lehrer-Gewerkschafter aus Köln: "Habe bei zwölf Grad unterrichtet"

  • Tim Ende
Von Tim Ende

Aktualisiert am 03.12.2020Lesedauer: 4 Min.
Schüler einer Klasse sitzen mit Mund-Nasen-Bedeckungen im Unterricht (Symbolbild): Für Schüler und Lehrer sind die Lern- und Arbeitsbedingungen wegen der Corona-Regeln schwieriger geworden.
Schüler einer Klasse sitzen mit Mund-Nasen-Bedeckungen im Unterricht (Symbolbild): Für Schüler und Lehrer sind die Lern- und Arbeitsbedingungen wegen der Corona-Regeln schwieriger geworden. (Quelle: dpa-bilder)
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Die Corona-Pandemie hat das Schulleben umgekrempelt – doch der Präsenzunterricht geht unbeirrt weiter. Dabei brauche es ein anderes Konzept, sagt der Lehrer und Gewerkschafter Alexander Fladerer.

Seit Anfang November befindet sich Deutschland im Teil-Lockdown, Restaurants und Kultureinrichtungen dürfen nicht öffnen, Kontakte müssen beschränkt werden. Doch der Präsenzunterricht mit normalem Lehrplan und Dutzenden Schülern in einem Raum geht weiter. Dr. Alexander Fladerer, Vorsitzender des GEW-Bezirks Köln und Chemie- und Physiklehrer an einem Gymnasium, kritisiert das. Denn ohne Abstriche beim Schulstoff ist es für ihn und seine Kollegen noch schwieriger, unter den Corona-Bedingungen zu unterrichten.


Coronavirus: An diesen Orten lauert das größte Risiko

In der Bahn, im Restaurant und auch zu Hause – wo sich Menschen auf engem Raum befinden, kann sich das Coronavirus leicht ausbreiten. Unsere Fotoshow zeigt, welche Situationen besonders riskant sind.
Bahn: Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder Bahnen sind ebenfalls mögliche Infektionsquellen. Hier treffen viele Menschen auf engem Raum aufeinander. Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und das Tragen einer Gesichtsmaske können das Ansteckungsrisiko minimieren – sofern sich alle daran halten.
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t-online: Haben Sie oder Kollegen wegen des aktuellen Infektionsgeschehens Angst, zur Arbeit zu gehen?

Dr. Alexander Fladerer: Das ist individuell unterschiedlich. Viele Kollegen sind sehr besorgt, andere gar nicht. Gerade im November, als die Infektionszahlen gestiegen sind, wurde einem schon manchmal mulmig. Denn ein System, wo jeden Tag Hunderte Menschen zusammenkommen, hat nun mal ein erhöhtes Infektionsrisiko.

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Wie ist die Corona-Situation an den Schulen in Nordrhein-Westfalen?

Nach dem, was wir als Gewerkschaft wissen, ist die Situation regional und lokal sehr unterschiedlich. Es gibt Schulen, an denen es viele Fälle gibt, aber auch welche, an denen weniger Fälle bekannt sind. Die Kollegen machen sich unterschiedlich viele Sorgen und es gibt keine Option, zu sagen: "Ich gehe nicht zur Schule, weil ich Angst vor einer Infektion habe". Dafür bräuchten die Lehrkräfte ein individuelles ärztliches Attest. Vor den Sommerferien wurde pauschal nach Alter und bestimmten Vorerkrankungen beurteilt, ob jemand zur Risikogruppe gehört. Durch diese neue Regel sind wieder deutlich mehr Lehrer in den aktiven Unterricht gekommen, der sonst nur schwer zu stemmen gewesen wäre. Trotzdem ist die Personaldecke an allen Ecken und Enden zu dünn.

Dr. Alexander Fladerer blickt in die Kamera: Er merkt an, dass Unterricht in geteilten Klassen nur funktionieren kann, wenn auch der Unterrichtsstoff verringert wird, weil die Lehrkräfte sonst alles doppelt unterrichten müssen.
Dr. Alexander Fladerer blickt in die Kamera: Er merkt an, dass Unterricht in geteilten Klassen nur funktionieren kann, wenn auch der Unterrichtsstoff verringert wird, weil die Lehrkräfte sonst alles doppelt unterrichten müssen. (Quelle: privat/Fladerer)

Wie gehen die Lehrer mit Corona-Fällen an ihren Schulen um?

Wenn es zu Corona-Fällen an einer Schule kommt, sind die Kollegen oft automatisch mitbelastet, auch wenn sie nicht selbst erkrankt oder infiziert sind. Denn zum einem fallen die Kollegen aus, die wirklich Corona haben, oder sie müssen wegen Kontakts mit einer positiv getesteten Person in Quarantäne. Hierfür muss dann Ersatz geschaffen werden. Aber auch wenn nur ein Schüler einer Lerngruppe infiziert ist, bedeutet das für die in dieser Gruppe unterrichtenden Lehrer immer eine doppelte Belastung, denn dann müssen sie für die betroffenen Schüler, die sich in Quarantäne befinden, zusätzlich Distanzunterricht vorbereiten und halten.

Wie stehen Sie zum Distanzunterricht oder geteilten Lerngruppen?

Es ist immer leicht gesagt, dass man Lerngruppen in Corona-Zeiten teilen sollte. Aber das ist für uns Lehrer nur unter der Voraussetzung zu leisten, dass irgendwo Abstriche gemacht werden. Irgendeinen Preis muss es kosten, denn beim zusätzlichen oder hybriden Distanzunterricht müssen die Lehrkräfte alles doppelt machen. Einmal für die Klasse in der Schule und einmal für die betroffenen Schüler im Distanzunterricht. Bisher gibt es von Seiten des Landes aber keinerlei Anzeichen, dass da Abstriche etwa im Lehrplan gemacht werden sollen. Bisher wird noch von der Fiktion ausgegangen, dass alle Lehrplanziele erreicht werden können.

Wie hoch war für Sie und Ihre Kollegen die Arbeitsbelastung in den letzten Monaten?

Es gab vor kurzem eine Studie der DAK, die festgestellt hat, dass viele Lehrer ausgelaugt sind und auf dem Zahnfleisch gehen. Das können wir als Gewerkschaft bestätigen. Die Zeit zwischen Sommer- und Herbstferien war die arbeitsintensivste Zeit, die ich im Schuldienst je erlebt habe. Alle paar Tage ist eine neue Vorgabe vom Ministerium gekommen, sodass teilweise die Pläne, die am Freitag erarbeitet wurden, am Montag schon wieder veraltet waren. Im Teil-Lockdown ist es leider nicht besser geworden. Insbesondere wenn eine Lehrkraft wegen einzelnen Corona-Fällen in vielen Lerngruppen diese zusätzlich per Distanz unterrichten muss, ist die Belastung sehr hoch.

Halten sich alle Schüler an die Maskenpflicht?

Zumindest kann ich für die Schule sagen, an der ich unterrichte, dass sich die Schüler gut daran halten. Das hat sich seit dem Teil-Lockdown sehr gebessert. Seitdem die Bannmeile mit 150 Metern um die Schule besteht, wo auch Maskenplicht herrscht, funktioniert es auch vor dem Schultor deutlich besser. Da gibt es ein sehr hohes Beteiligungsniveau und wenig Diskussion. Aber auch hier gilt, dass die Situation von Schule zu Schule sehr unterschiedlich ist.

Wie ist es für Sie, mit Maske, ständigem Lüften und anderen Corona-Regeln zu unterrichten?

Durch die Maske geht natürlich Kommunikation verloren, aber das funktioniert und die Schüler halten sich bis auf wenige Ausnahmen an die Regeln. Schwieriger wird es mit den FFP2-Masken, die zunehmend Gebrauch finden. Die zur Regeneration notwendigen Tragepausen fehlen im Schulalltag.

Mit dem Lüften hat es bisher aufgrund des milden Herbstes ebenfalls gut funktioniert. Da es in der Nacht von Sonntag auf Montag zum ersten Mal Nachtfrost in Köln gegeben hat, war es am Montag sehr kalt im Klassenraum – zwölf Grad zeigte das Thermometer an. Vor einem Jahr hätte man bei so einer Temperatur die Schule geschlossen, weil das keine akzeptablen Lern- und Arbeitsbedingungen sind. Heute sitzen die Schüler den ganzen Tag mit Jacke, teilweise auch mit Handschuhen und Schals da. Der Alarm des CO2-Messgeräts geht in Klassen mit 30 Schülerinnen und Schülern schon in weniger als zehn Minuten nach dem letzten Lüften wieder los, sodass fast ständig gelüftet werden muss. Wie das werden soll, wenn es noch kälter wird, weiß ich nicht. Und Ideen vom Ministerium oder den Schulträgern dazu gibt es auch keine.

Wie haben Ihre Schüler die Krise bisher verarbeitet?

Sie waren im Frühjahr regelrecht erleichtert, dass es wieder los ging mit Schule, denn die Isolation während des Lockdowns zu Hause hat ihnen nicht gefallen. Sie wollen das nicht wieder und sagen, dass alles besser ist, als wieder tage- und monatelang zu Hause zu sitzen. Was ihnen sehr fehlt, sind die sozialen Kontakte außerhalb und auch in der Schule. Die schönen Extras, die man sonst in der Schule hat, wie Weihnachtstheater oder Waffeln backen, fallen dieses Jahr alle aus. Deswegen kann man schon stolz sein auf die Schüler, dass sie das stemmen und mitziehen, ohne zu resignieren. Da muss man dieser Generation ein dickes Lob aussprechen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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