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Köln: Long-Covid-Patient (47): "Die Situation war schrecklich"

Ein Long-Covid-Patient berichtet  

"Todmüde, antriebslos, schreckliche Schmerzen und Krämpfe"

28.04.2021, 10:51 Uhr
Köln: Long-Covid-Patient (47): "Die Situation war schrecklich". Ein Corona-Testzentrum für Covid-Schnelltests (Archivbild): Ein Kölner berichtet über seine Erfahrungen mit den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion. (Quelle: imago images/Rupert Oberhäuser)

Ein Corona-Testzentrum für Covid-Schnelltests (Archivbild): Ein Kölner berichtet über seine Erfahrungen mit den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion. (Quelle: Rupert Oberhäuser/imago images)

Fast vier Monate lang litt Matthias Kaiser* unter den Folgen einer Corona-Infektion. Mit einem disziplinierten Sportprogramm hat er seinen Körper wieder auf Kurs gebracht – jedenfalls vorerst. Die Langzeitschäden von Covid-19 sind noch gar nicht erforscht.

Als Matthias Kaiser (Name geändert) sich im vergangenen Herbst mit Corona infizierte, nahm er das zunächst auf die leichte Schulter. Als gesunder Mensch mittleren Alters sah er sich nicht besonders gefährdet: "Ich habe es zwar nicht darauf angelegt, dass ich krank werde, aber ich habe gedacht: Wenn ich es einmal hatte, habe ich Antikörper und muss mir über eine Impfung keine Gedanken mehr machen", schildert der 47-Jährige.

Deswegen war er erst einmal auch nicht besonders besorgt, als ein Freund, den er kurz vorher getroffen hatte, ihm sagte: "Du, ich habe Corona. Lass dich besser mal testen!". Kaiser, der bis dahin keine Symptome hatte, ging zum Test. Ergebnis: positiv. "Am nächsten Morgen merkte ich beim Aufwachen, dass etwas mit mir nicht stimmte", erinnert er sich. Es begann mit einem unguten Gefühl im Hals und entwickelte sich wie eine ziemlich heftige Grippe.

"Steif wie ein alter Mann"

Knapp zwei Wochen lang lag er im Bett. Ins Krankenhaus musste er nicht, doch da er alleine lebt, forderte ihm diese Zeit einiges ab: "Ich musste mich ja noch irgendwie versorgen". Freunde und Nachbarn hätten ihn aber unterstützt, so gut sie konnten, erzählt er. Nach zehn bis 14 Tagen schien alles überstanden. Gegen Ende der Quarantäne schrieb er an eine Kollegin: "Ich bin da bereits durch und kann mich bald wieder frei bewegen. Es war nicht sehr angenehm, aber auch nicht tödlich".

Über die Zeit danach sagt der 47-Jährige: "Zwei, drei Tage lang fühlte ich mich richtig gut". Dann ging es plötzlich los: "Mein Körper war steif wie der von einem alten Mann. Ich war todmüde, antriebslos, hatte schreckliche Schmerzen und Krämpfe. Das verlief in Wellen".

Mal schien ein paar Tage lang alles in Ordnung, dann folgten wieder mehrere Tage, an denen er sich vor Schmerzen und Schlappheit kaum aus einem Stuhl erheben konnte. Vor allem die Beine, der Rücken und der Nacken waren betroffen. Wenn er lag, schmerzte der Nacken so sehr, dass er beide Hände hinter den Kopf legen musste, um sich auf die Seite zu drehen oder aufstehen zu können – der Kopf schien viel zu schwer, als dass er sich normal hätte bewegen und aufstehen können.

Long Covid trifft die Mitte der Gesellschaft

Long Covid – so nennen Mediziner die Langzeitfolgen, die auftreten, wenn eine Covid-19-Infektion vermeintlich schon überstanden ist. Dafür, diese unberechenbaren Spätschäden nicht zu unterschätzen, sondern intensiv zu erforschen, spricht sich zum Beispiel der SPD-Politiker Karl Lauterbach seit Monaten immer wieder aus. Patienten mittleren Alters, aber auch Kinder und Jugendliche könnten davon betroffen sein, warnt der Kölner Gesundheitsexperte.

Etwa 15 Prozent der Corona-Patienten leiden nach ihrer Krankheit an Long Covid, berichtet der "Kölner Stadt-Anzeiger" unter Berufung auf eine Studie der Uniklinik Köln. Im Schnitt seien die Betroffenen 43 Jahre alt – Matthias Kaiser ist mit seinen 47 Jahren also ein relativ typischer Fall. Das deckt sich auch mit seinen eigenen Erfahrungen. "Ich habe in verschiedenen Städten Freunde, die auch Corona hatten. Vielen von ihnen ging es ähnlich", sagt er. Die Symptome sind seiner Erfahrung nach aber nicht immer ganz gleich: "Der Freund, bei dem ich mich angesteckt habe, leidet vor allem unter depressiven Phasen, die immer wieder kommen."

Aha-Erlebnis: "Ingwer? Ich rieche wieder!"

Viele berichten auch von einem lange andauernden Geruchsverlust – so auch Kaiser. Erst vor wenigen Wochen, also etwa vier Monate nach der Infektion, stellt sich sein Riechvermögen wieder ein. Für ihn ein echtes Aha-Erlebnis: "Ich hatte kurz vorher frischen Ingwer geschnitten. Dann saß ich am Tisch, rieb mir durchs Gesicht und war kurz irritiert: Was ist das? Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich begriff: Ich rieche Ingwer – ich kann wieder riechen!"

Ingwer und Süßholz, diese beiden Naturheilmittel haben ihn auch während seiner akuten Infektion begleitet – eine Freundin hatte ihm nämlich den Tipp gegeben, dass schon während der ersten SARS-Welle vor einigen Jahren Süßholz als Heilmittel im Gespräch gewesen sei. Wissenschaftlich bestätigt ist das laut einer Auswertung der "Deutschen Apotheker Zeitung" zwar nicht, doch der 47-Jährige ist von seinen Erfahrungen damit begeistert.

Beweglichkeit mühsam zurückerobert

Auch zur Überwindung seiner Long-Covid-Symptome hat er auf Natur und Selbstheilungskräfte gesetzt. "Die Situation war schrecklich, aber ich wollte mich nicht damit abfinden. Ich wollte nicht von einem Tag auf den anderen ein alter Mann sein", sagt er. Enorm viel Willensstärke und ein sehr gutes Körpergefühl seien ihm dabei zugute gekommen: "Ich habe die Kraft, Dinge in meinem Leben zu verändern. Außerdem kenne ich meinen Körper richtig gut. Ich wusste: Der braucht einen Tritt in den Hintern, damit er wieder aufwacht und weiß, dass er sich zusammenreißen muss", sagt er schmunzelnd.

Mit viel Selbstdisziplin zwang er sich, regelmäßig laufen zu gehen. Anfangs empfand er die Situation als Katastrophe: "Ich lief zehn Minuten und war dann für den Rest des Tages total erledigt. Wirklich erledigt, ich konnte nichts mehr tun. Aber ich bin schon einmal mit dem Fahrrad bis nach Spanien gefahren. Ich weiß, mein Körper rafft sich irgendwann auf, wenn ich ihn dazu zwinge."

Nach und nach schaffte er es, seine Laufzeit auf eine Stunde täglich zu verlängern – wobei ihn immer wieder die Nachwirkungen seiner Corona-Infektion für einige Tage einholten, "aber dann bin ich eben langsam gelaufen".

"Glücklich, dass es die Muskeln betraf"

Inzwischen läuft er nur noch jeden zweiten Tag, an den jeweils anderen Tagen macht er Yoga. An den Wochenenden gönnt sich Kaiser eine Sportpause. Die Rückenschmerzen, erzählt er, hätten jetzt auch nachgelassen, die Krämpfe kommen nur noch selten, und die Beine tun nicht mehr weh: "Guck, wie beweglich ich wieder bin", sagt er stolz und klappt wie ein Taschenmesser zusammen, bis die Brust die Beine berührt.

Gegen die Müdigkeit und die Muskelschmerzen habe ihm Vitamin D geholfen. Das hat er zum einen als Nahrungsergänzung genommen, zum anderen darauf geachtet, sich in die Sonne zu setzen, sobald das Wetter es zuließ, um die körpereigene Produktion von Vitamin D anzukurbeln.

Insgesamt, meint der 47-Jährige, hat er noch Glück im Unglück gehabt: "Ich bin glücklich, dass bei mir hauptsächlich nur die Muskeln betroffen waren, denn das ist etwas, das ich nach meinem eigenen Verständnis wieder aufbauen konnte. Eigentlich habe ich nichts anderes gemacht als Menschen in der Reha machen."

Langfristige Aussagen bislang nicht möglich

Bei anderen Long-Covid-Patienten läuft es weniger glimpflich ab: Anstelle der Muskeln können die Atemwege betroffen sein, das Herz-Kreislauf-System, das Nervensystem und der Stoffwechsel.

"Fatigue", also eine krankhafte Müdigkeit, wie sie auch Kaiser zeitweise erlebte, trat einer britischen Studie zufolge bei 69 Prozent der Patienten noch acht Wochen nach ihrer vermeintlichen Genesung auf. Über einen langfristigen Verlauf ist, da die Erkrankung so neu ist und sich durch Mutationen immer wieder verändert, noch gar nichts zu sagen. Matthias Kaiser hat, so scheint es, fürs Erste Glück gehabt.

Verwendete Quellen:

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