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"Krawall-Tourismus" macht Polizei zu schaffen

Mannheim  

"Krawall-Tourismus" macht Polizei zu schaffen

03.08.2021, 05:37 Uhr | dpa

"Krawall-Tourismus" macht Polizei zu schaffen. Polizeieinsatz bei Randalen im Südwesten

Einsatzkräfte der Polizei laufen über den Schlossplatz. Foto: Christoph Schmidt/dpa/archivbild (Quelle: dpa)

Mannheim (dpa/lsw) – "Krawall-Tourismus" macht der Polizei im Südwesten schwer zu schaffen. "Verabredung junger Menschen aus ganz Deutschland zur gemeinsamen Randale über soziale Medien ist ein eher neues Phänomen", sagte der designierte Mannheimer Polizeipräsident Siegfried Kollmar der Deutschen Presse-Agentur.

So seien an Pfingsten auf Krawall gebürstete junge Männer aus Südbaden und Rheinland-Pfalz auf die Heidelberger Neckarwiese gereist, um sich dort bewusst mit der Polizei anzulegen. Es habe sogar eine Anfrage aus Hamburg über soziale Medien gegeben, ob sich die lange Fahrt hinsichtlich der zu erwartenden Auseinandersetzungen lohne.

Auch Stuttgart ist ein Anziehungspunkt für junge Leute weit über den Großraum hinaus, die etwas erleben wollen, sei es im Guten oder Schlechten. Sie kommen aus dem Allgäu, der Bodenseeregion und dem Heilbronner Raum, weil es in den sozialen Medien heißt: "In Stuttgart geht was", wie ein Sprecher der Polizei in der Landeshauptstadt erläuterte.

Ein Ausbau der am Schlossplatz installierten Videoüberwachung wäre sehr hilfreich - aus Gründen der Abschreckung und der erleichterten Ermittlungen im Ernstfall. Die Treffen der junge Menschen verlagerten sich auch innerhalb der Stadt vom Zentrum über den Marienplatz bis zum etwas außerhalb gelegenen Max-Eyth-See.

In den vergangenen Wochen war es in Baden-Württemberg immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen jungen Menschen und der Polizei gekommen. Größere Gruppen hatten etwa am Stuttgarter Schlossplatz oder auf der Heidelberger Neckarwiese und in Freiburg randaliert.

Kollmar sagte: "So ein Bedürfnis nach zielgerichteter Eskalation gab es vor Corona in dieser Form nicht, das ist eine neue Qualität." Früher mussten Beamte in Einzelfällen nächtliche Griller oder Gruppen mit Musikboxen zurechtweisen, aber Flaschenwürfe gegen die Polizei und damit verbundene Körperverletzungen habe es dabei nicht gegeben, sagte Kollmar. Bei dem Einsatz auf der Neckarwiese an Pfingsten waren sieben Beamte verletzt worden - darunter eine Polizistin, deren Fuß wegen eines Flaschenwurfs gebrochen wurde.

Die Gemengelage ist nach Einschätzung Kollmars überdies schwierig, weil es auch zur Solidarisierung mit den Gewaltbereiten komme. Dadurch entstehe eine gewisse Gruppendynamik, die leicht außer Kontrolle gerate. Andererseits führe es bei Hunderten friedlich Feiernden zu Frust, wenn sie ebenso wie die vergleichsweise wenigen Unruhestifter die Lokalität verlassen müssten.

Er habe viel Verständnis für junge Menschen, die nach den Corona-Einschränkungen feiern wollten, sagte der Vater einer erwachsenen Tochter. "Junge Leute dürfen schon mal über die Stränge schlagen, da überhören wir auch so manche Beleidigung. Aber wenn Sachbeschädigungen und Körperverletzungen dazu kommen, müssen wir eingreifen", sagte der 59-jährige Kurpfälzer. "Die These, die Polizei verursache solche Randale, halte ich für völlig falsch."

Die Beamten reagierten bei solchen Vorfällen erst, wenn Straftaten bereits begangen werden oder sie kurz bevorstehen. Kollmar: "Meinetwegen können die jungen Leute die ganze Nacht dort verbringen, solange sie den Anrainern nicht den Schlaf rauben."

Alkohol spiele bei den Auseinandersetzungen zwischen jungen Leuten und Polizei eine große Rolle. "Um 21 Uhr räumen wir die Wiese noch problemlos, zwei Stunden später ist das wegen zwischenzeitlich gestiegener Alkoholpegel weit schwieriger", sagte der bisherige Stellvertreter von Andreas Stenger, der als Leiter des Landeskriminalamtes nach Stuttgart gegangen ist.

Ein zeitlich und örtlich begrenztes Alkoholkonsumverbot bringe wenig, weil die Menschen sich zum Beispiel in nah geparkten Autos immer wieder Getränke genehmigten und dann betrunken, aber ohne Flasche auf die Wiese zurückkehrten. Nächtliche Alkoholverkaufsverbote seien sinnvoller, sagte Kollmar, dessen Präsidium mit 2600 Beschäftigten das größte im Land ist.

Wichtig sei bei jugendlichen Straftätern, dass eine Sanktion unmittelbar nach der Tat erfolge. "Wir brauchen mehr Erziehung, weniger Strafe", sagte Kollmar. Stundenweise soziale Arbeit und Täter-Opfer-Ausgleich seien da die richtigen Instrumente.

Zur Beschleunigung der Verfahren setzt sich Kollmar für ein Haus des Jugendrechts in Heidelberg ein, in dem Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendhilfe Tür an Tür arbeiten. Im kommenden Jahr könnte eine solche Institution in Heidelberg an den Start gehen. Bislang gibt es landesweit sieben davon. "Wenn der junge Mensch ein Jahr auf eine Entscheidung warten muss, ist ihm der Zusammenhang gar nicht mehr präsent, der Effekt etwaiger Strafen oder Auflagen verpufft."

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