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Wohnungslos in M├╝nchen ÔÇô "Ich sehe ├╝berhaupt keine Perspektiven"

Von Vincent Supp├ę

Aktualisiert am 04.04.2021Lesedauer: 4 Min.
Das Klingelschild des Frauenobdachs "Karla 51" in M├╝nchen: Hier bekommen wohnungslose Frauen Unterst├╝tzung.
Das Klingelschild des Frauenobdachs "Karla 51" in M├╝nchen: Hier bekommen wohnungslose Frauen Unterst├╝tzung. (Quelle: Karla 51)
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Die Mieten in vielen St├Ądten steigen seit Jahren. Wer sie sich nicht mehr leisten kann, zieht weg ÔÇô oder findet sich in Einrichtungen wie dem Frauenobdach Karla 51 in M├╝nchen wieder.

Was ist das Zuhause? Der Duden definiert es als "Wohnung, in der jemand zu Hause ist", Wandtattoos umschreiben es triefend mit "L├Ącheln", "Liebe" und "Erinnerungen". Das Zuhause ist der Ort, an dem man Jeans gegen die zerschlissene Jogginghose eintauscht. An dem keine Maskenpflicht herrscht. Sondern die eigenen Regeln.

F├╝r Marianne Wagner* gilt nichts davon. Marianne Wagner ist wohnungslos. Sie lebt nicht auf der Stra├če, ist nicht obdachlos. Und doch hat Wagner keine eigene Wohnung. Sie lebt im Frauenobdach Karla 51 des Evangelischen Hilfswerks M├╝nchen, einer Einrichtung f├╝r wohnungslose Frauen. Einer Einrichtung, mit der Wagner nur wenige pers├Ânliche Erinnerungen verbindet. Und in der Maskenpflicht in den G├Ąngen und der K├╝che herrscht. Auf die Frage, ob das Karla ein Zuhause ist, antwortet Wagner nach einer langen Pause: "Ich f├╝hle mich hier sicher." Das Karla 51 sei wie ein Netz, das einen auff├Ąngt.

Die Unterkunft "Karla 51" von au├čen: Bis zu 20 Frauen suchen hier monatlich Hilfe.
Die Unterkunft "Karla 51" von au├čen: Bis zu 20 Frauen suchen hier monatlich Hilfe. (Quelle: Vincent Supp├ę/T-Online-bilder)
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Auf ein solches Netz sind immer mehr Menschen in Deutschland angewiesen. Genaue Statistiken gibt es nicht, doch Sch├Ątzungen bewegen sich zwischen 700.000 und 1,2 Millionen ÔÇô und das in der viertgr├Â├čten Wirtschaftsmacht der Welt. Besonders in St├Ądten wie M├╝nchen steigen die Mietpreise seit Jahren, Immobilienportale bieten Ein-Zimmer-Wohnungen zu 1.500 Euro und mehr an. Zu viel f├╝r Marianne Wagner.

30 Jahre lang hat sie im Ausland gelebt, dann kam sie zur├╝ck nach Deutschland. "Diesen Schritt habe ich nicht gerne gemacht." Doch es war Herbst 2020. Die Corona-Zahlen stiegen, Geld war knapp und "das soziale Netz dort gleich null". Wagner hat ihr Auto verkauft, um den Flug bezahlen zu k├Ânnen. Alles, was ihr blieb, passte in einen Koffer. In M├╝nchen lebt ihr Sohn und die Hoffnung auf Hilfe. "Ich habe gewartet, bis er abends von der Arbeit nach Hause kam. Aber er wollte mich nicht reinlassen. Am besten gehst du in die Bahnhofsmission, hat er gesagt."

Keine Dauerl├Âsung

"Die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof ist ein h├Ąufiger Anlaufpunkt f├╝r gestrandete Frauen, die nicht wissen, wo sie ├╝bernachten sollen", wei├č Isabel Schmidhuber, die Leiterin des Karla 51. Seit fast 25 Jahren gibt es die Einrichtung, sie bietet 55 Zimmer f├╝r Frauen. 53 davon sind aktuell belegt. Morgen k├Ânnte das schon wieder anders sein. "Wir haben monatlich zwischen zehn und zwanzig Ein- und Ausz├╝ge", erz├Ąhlt Schmidhuber. Denn das Karla ist keine Dauerl├Âsung. Acht Wochen lang k├Ânnen die Frauen bleiben, 56 Tage um Hilfe anzunehmen.

Oft geht es um Hartz-4-Antr├Ąge, die Grundsicherung oder ausstehende Unterhaltszahlungen. Und nat├╝rlich um die Suche nach einer Unterkunft. "Wenn in diesen acht Wochen aber keine Weitervermittlung m├Âglich ist, k├Ânnen sie auch l├Ąnger in ihren Zimmern bleiben", erkl├Ąrt Schmidhuber. "Und dort gilt: Was sie in ihren Zimmern machen, geht erstmal nur die Frauen selbst etwas an."

Ein Zimmer in der Unterkunft: Oft k├Ânnen die Bewohnerinnen nach einigen Wochen weitervermittelt werden.
Ein Zimmer in der Unterkunft: Oft k├Ânnen die Bewohnerinnen nach einigen Wochen weitervermittelt werden. (Quelle: Karla 51)

Doch streicht man dort die W├Ąnde neu? Stellt man die M├Âbel um und h├Ąngt Bilder auf oder gar ein Wandtattoo? Kurz: Verwandelt man so ein Zimmer in ein Zuhause? "Nein, richtig gem├╝tlich machen kann ich es mir hier nicht", sagt Marianne Wagner. "Au├čer meiner Kleidung geh├Ârt mir hier nichts." Es ist noch immer derselbe Kofferinhalt, verteilt auf 15 Quadratmetern.

Seit einem halben Jahr lebt Wagner jetzt im Karla 51, in einem Zimmer mit kleinem Bad, mit Fernseher, einem Bett und etwas Privatsph├Ąre. Zusammen mit 52 weiteren Frauen. Sie alle teilen sich drei Waschmaschinen und eine Gemeinschaftsk├╝che pro Stockwerk. Da kommt es schon mal vor, dass T├Âpfe verschwinden oder die Sp├╝le "wie ein Saustall" hinterlassen wird. "Jede hier hat ihre Geschichte. Wer in einer solchen Institution landet, hat sicher kein einfaches Leben gehabt", sagt Marianne Wagner.

Mit zwei Nachbarinnen trinkt Wagner morgens in der K├╝che Kaffee, mittags kochen sie zusammen. "Damit man einen Rhythmus bekommt und der Tag vorbei geht." Diese Treffen wurden verboten, des Infektionsschutzes wegen. Verl├Ąsst sie das Haus, gibt Wagner ihren Schl├╝ssel an der Pforte ab. Mitarbeiterinnen notieren, wann die Bewohnerinnen kommen und gehen. Im Karla gibt man einen Teil der eigenen Unabh├Ąngigkeit auf, es ist ein Tausch: Versorgung gegen Regeln.

Der Wohnungsmarkt ist das Problem

Marianne Wagner ist dankbar, dass es Einrichtungen wie Karla 51 gibt. Gl├╝cklich ist sie dort nicht. "Gesucht habe ich nach einer eigenen Wohnung, aber wie soll ich die Mietpreise bezahlen?" Wagner lebt von 450 Euro im Monat. Die Kosten f├╝r die Unterkunft im Karla ├╝bernimmt die Stadt M├╝nchen. "Ab und an" holt Marianne Wagner Lebensmittel von der Tafel, wenn es anders nicht geht. Und Immobilienmakler preisen Ein-Zimmer-Apartments ab 600 Euro an. "Ich sehe f├╝r mich ├╝berhaupt keine Perspektiven", sagt Wagner.

Einrichtungsleiterin Schmidhuber kennt diese Probleme. Das Karla 51 hat eine lange Warteliste. "Meistens vermitteln wir die Frauen an eine andere Einrichtung, in der sie l├Ąnger bleiben k├Ânnen", erkl├Ąrt sie. In M├╝nchen wird gerade eine neue Unterkunft f├╝r ├Ąltere wohnungslose Frauen gebaut. Die Bewohnerinnen werden dort so lange bleiben k├Ânnen, bis sie in die station├Ąre Altenhilfe umziehen m├╝ssen. Die wenigsten haben auf dem freien Mietmarkt eine Chance. Und gef├Ârderter Wohnraum ist rar. "Letztes Jahr haben wir von ├╝ber 200 Frauen eine einzige in eine Sozialwohnung vermitteln k├Ânnen", sagt Isabel Schmidhuber. "Eine!"

*Name von der Redaktion ge├Ąndert

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