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München: Mit Sektenexperten bei Corona-Demo


Sektenexperte will mit Corona-Demonstranten reden – und scheitert

Von Sarah Kohler

13.01.2022Lesedauer: 5 Min.
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Eine Rednerin hält ein rotes Herz mit einer weißen Rose hoch: Im Gespräch äußert sie, Deutschland sei ein diktatorischer Staat.
Eine Rednerin hält ein rotes Herz mit einer weißen Rose hoch: Im Gespräch äußert sie die Ansicht, Deutschland sei ein diktatorischer Staat. (Quelle: Sarah Kohler)
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Sie ziehen krude Diktatur-Vergleiche und fordern auf einer Demo in München "Freiheit". Ein Sektengegner hat die Corona-Leugner vor Ort beobachtet. Sein Fazit ist ernüchternd.

Sie stehen irgendwo im Dunklen. Die Corona-Demonstration von "Kinder stehen auf" musste man am Mittwochabend auf der Münchner Theresienwiese erst mal finden. Die Verschwörungstheoretiker lassen an diesem Abend ihre eigenen Kinder das Wort ergreifen. Kinder, die am Küchentisch schon lange Schauergeschichten über die Impfung gehört haben dürften.

Eine Handvoll Männer baut eine Anlage auf, im Hintergrund leuchtet das Impfzentrum der Stadt München, die Bavaria thront daneben. Alle Anwesenden tragen Masken, die Stadt München hat eine Pflicht dazu auf der gesamten Theresienwiese erlassen, die seit 16 Uhr gilt – und weitgehend eingehalten wird.

Teilnehmer von "Kinder stehen auf" am Mittwochabend auf der Münchner Theresienwiese: Die Rhetorik der jungen Redner enthält Verschwörungstheorien und Holocaust-Vergleiche.
Teilnehmer von "Kinder stehen auf" am Mittwochabend auf der Münchner Theresienwiese: Die Rhetorik der jungen Redner enthält Verschwörungstheorien und Holocaust-Vergleiche. (Quelle: Sarah Kohler)

Unter den Anwesenden ist auch Dr. Matthias Pöhlmann. Er verfolgt die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen schon von Beginn an. Er ist Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelisch-lutherischen Kirchen in Bayern.

Bereits im Mai und im September war Pöhlmann auf der Theresienwiese und hat die Demonstrationen von "Querdenkern" verfolgt. Heute will er sich die Impfgegner von "Kinder stehen auf" näher ansehen. "Kinder sind ein gerne besetztes Thema. Schon auf den ersten Demos waren immer viele Lehrer, Erzieher und Pfleger vertreten", sagt Pöhlmann. Anwesend ist nur ein knappes Dutzend von ihnen. Die meisten sind älter, viele Frauen und Rentner.

Matthias Pöhlmann ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: Er hat mit t-online die Corona-Demo besucht.
Matthias Pöhlmann ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: Er hat mit t-online die Corona-Demo besucht. (Quelle: ELKB, McKee)

Carmen von "Kinder stehen auf" eröffnet die Demo, sie muss sich auf die Zehenspitzen stellen. Carmen dürfte nicht älter als zwölf Jahre sein. Die Schülerin fordert den Rücktritt von Bayerns Ministerpräsident Söder, ebenso wie von Münchens Oberbürgermeister Reiter und dem bayerischen Kulturminister Piazolo. Und allen, "die an ihrem Platz genauso falsch sind". Ob diese Forderung tatsächlich von ihr kommt? Kann man mit solchen Leuten überhaupt reden? Der Sektenforscher will es versuchen.

Ein wenig entfernt steht eine junge Frau auf der Wiese. Sie trägt ein Schild in Form eines Herzens, darauf klebt eine weiße Rose. Matthias Pöhlmann spricht sie an. Ob sie wisse, was die "Weiße Rose" war? Sie kenne die Widerstandsgruppe und wisse um die Ermordung der Geschwister Scholl, weiß aber nicht mehr dazu.

Die Frau spricht von einer Diktatur, in der sie hier genauso lebe wie einst Sophie Scholl. Pöhlmann widerspricht – und weist darauf hin, dass der Unterschied zwischen Diktatur und Freiheit sich ja schon daran zeige, dass sie heute sagen könne, was ihr nicht passe.

Experte bei Corona-Demo: "Man wähnt sich im Widerstand"

Die Corona-Skeptikerin druckst herum. Dann endet das Gespräch schnell, ohne dass sie weitere Argumente für ihre These von der Diktatur vorbringen kann. Experte Pöhlmann weiß: "Das Narrativ der Ausgrenzung ist heute wieder sehr präsent. Das Widerstandsnarrativ und das Misstrauen gegen den Staat sind sehr zentral auf diesen Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Man wähnt sich im Widerstand, man glaubt nicht mehr an den Staat."

Um die Dame mit dem Weiße-Rose-Schild herum stehen weitere Menschen, auf ihren Plakaten sind Verschwörungstheorien zu lesen. Reden will kaum einer, die Stimmung ist feindselig. Der Experte und die Reporterin beschließen, sich zurückzuziehen – und den nächsten Rednern zuzuhören.

Das offene Mikro ergreift nun Constanze aus München. Die Dreißigjährige fordert eine Schule ohne Masken und Tests. Denn diese "Maulkörbe" seien nicht "gottgegeben" und machten "Kinder zu Psychopathen". Constanze spricht von Genmanipulation, die die Impfungen hervorrufen würden, von Toten durch die Impfung und davon, dass "mit der Impfung ein anderes Ziel verfolgt wird".

Tatsächlich enthalten mRNA-Impfstoffe keine genetisch veränderten Zellen und lösen im menschlichen Körper auch keine genetischen Veränderungen aus. Sie schleusen den Bauplan eines Teils des Coronavirus in den Körper ein und animieren diesen so dazu, Antikörper zu entwickeln. Zahlreiche Studien mit Millionen Teilnehmern weltweit haben die Sicherheit der Corona-Impfstoffe bereits verdeutlicht.

Die kruden Theorien gehen weiter: Als die Rednerin auf Bill Gates zu sprechen kommt, fragt sie in die Runde, ob dieser aus von ihm kürzlich gekauften Hotels "wohl Konzentrationslager machen möchte". Nach diesem unverhohlenen Holocaust-Vergleich gibt sie den Anwesenden noch mit: "Kinder sind ein in jeder Gesellschaft unantastbares Gut."

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Experte: Glaube an "existenzielle Bedrohung"

Pöhlmann nennt das "unerträglich". Wie kommen Menschen dazu, solch absurden Verschwörungstheorien zu glauben? "Ich denke, es ist zentral, dass es für die Menschen eine existenzielle Bedrohung gibt", erklärt er. "Der Aufruf 'Schützt die Kinder' zeigt das ganz gut, denn Kinder sind etwas sehr Emotionales für viele."

Gleichzeitig versuchten viele Verschwörungsgläubige, ihre Ideen als Fakten darzustellen. "Es ist auffällig, dass viel mit Zahlen hantiert wird, als wissenschaftlicher Beweis. Aber man weiß nie, wo diese Zahlen herkommen – wir haben heute zum Beispiel nur Internetquellen gehört", so Pöhlmann weiter. Vieles werde auch einfach als Befürchtung dargestellt. "Die Angst schwingt bei vielen Rednerinnen und Rednern mit."

Redner kündigt Klage an

Peter spricht als Nächster. Er scheint ein erfahrener Demonstrant zu sein. Der Verschwörungstheoretiker sagt, dass er auf dem Marienplatz vergangenen Mittwoch eingekesselt gewesen sei. Er habe mehrere Stunden im Kessel verbracht.

Deswegen wolle er Klage erheben. "Wir kommen in eine Polizeidiktatur", schließt er. Dass er gegen die Staatsgewalt klagen kann, sieht er nicht als Widerspruch an. Dann erklingt das erste Lied: "Die Gedanken sind frei", eine Gitarre spielt und die Menschen singen. Eine bizarre Stimmung nach all den Reden und der Feindseligkeit.

Spaziergänger und Jogger laufen vorbei. "Das ist ein Zirkus mit euch Idioten", ruft ein Passant. Ein paar Jungs laufen mit Lautsprecher vorbei, andere winken genervt ab. Doch Zusammenstöße gibt es keine, die etwa 120 Teilnehmenden und ihre Gegner bleiben friedlich.

Warum trifft sich die Gruppe immer wieder? Pöhlmann meint: "Es ist nach meinem Eindruck ein kollektiver Narzissmus." Jeder wolle für sich so viel Freiheit wie möglich – ohne Rücksicht auf Verluste.

Dabei findet man hier laut Pöhlmann, der gerade das Buch "Rechte Esoterik" herausgebracht hat, mehrere Gruppen: "Wir haben die Verschwörungsgläubigen, die wir auch reden gehört haben. Daneben stehen die rechten Esoteriker, aber auch die Naturverbundenen. Und schließlich finden wir die Menschen, die den Staat und dessen Repräsentanten ablehnen."

Polizeifahrzeuge stehen hinter eine Sperre: An vielen Stellen war am Mittwochabend kein Durchkommen.
Polizeifahrzeuge stehen hinter eine Sperre: An vielen Stellen war am Mittwochabend kein Durchkommen. (Quelle: Sarah Kohler)

Münchner Polizei mit 1.000 Einsatzkräften in der Stadt

Am Münchner Odeonsplatz versperrt derweil eine Polizeisperre den Weg. "Die Polizei München macht das schon sehr geschickt", sagt Pöhlmann. Polizei und Stadtverwaltung hatten alle Demonstrationen gebündelt – am Abend zeigte die Polizei mit einem Großaufgebot von 1.000 Einsatzkräften in der Stadt Präsenz.

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Es sind viele Menschen unterwegs, viele in kleineren Gruppen, manche mit Gegenständen, die Krach machen. Die Polizei lässt nur Einzelne passieren. Ein Polizeiauto hält. "Versammlungen mit Corona-Bezug sind heute verboten" läuft in Leuchtschrift über sein Dach. Auf der anderen Seite der Absperrung ist nicht viel los.

Sektenexperte Pöhlmann scrollt durch die bekannten Telegram-Kanäle, es scheint nicht viel Aufregung zu geben. Der Kessel auf dem Marienplatz vergangene Woche hat womöglich viele Menschen verschreckt, illegale sogenannte Spaziergänge werden weniger. Auch bei der Gegendemonstration von "München solidarisch" sind an diesem Mittwochabend weniger Menschen als noch vergangene Woche. Es scheint fast, als hätten beide Seiten ein wenig die Lust verloren.

Zahlreiche Einsatzkräfte stehen am Odeonsplatz: In dieser Woche gab es keine Auscshreitungen wie zuletzt.
Zahlreiche Einsatzkräfte stehen am Odeonsplatz: In dieser Woche gab es keine Ausschreitungen wie zuletzt. (Quelle: Sarah Kohler)

"Die Aussagen sind krasser geworden"

Wie fällt das Fazit des Experten an diesem Abend aus? Der Sektenbeauftragte sagt: "Die Aussagen waren zum Teil schon krasser als auf den letzten Demonstrationen. Gerade diese Aufrufe, man solle sich in alternativen Medien informieren, zeigen, dass Menschen oft schon sehr weit aus der Gesellschaft herausgetreten sind".

Er hat wenig Hoffnung: "Es ist sehr schwierig, diese Menschen wieder zurückzuholen." Für die Corona-Leugner sei die Welt ein feindlicher Ort geworden. Am ehesten wären wohl die erreichbar, die noch unsicher sind. Doch wer schon zwei Jahre auf Demonstrationen unterwegs ist, habe bestimmte Weltsichten und Vorstellungen zu sehr verinnerlicht – und sei kaum noch zu erreichen.

Später am Abend ist der Marienplatz weitgehend geräumt, in der Kaufingerstraße steht noch eine Polizeikette. Eine Lautsprecherstimme verkündet: Die Versammlung ist beendet. Alle verschwinden in der Dunkelheit.

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Verwendete Quellen
  • Beobachtungen und Gespräch vor Ort, München, 12. Januar
  • Buch: Rechte Esoterik, Matthias Pöhlmann, Herder Verlag
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