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  • EM 2022 – Olympiasiegerin Tabea Kemme fordert: "Raus aus dem DFB"


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"Raus aus dem DFB"

  • Noah Platschko
Von Noah Platschko

Aktualisiert am 28.07.2022Lesedauer: 5 Min.
Tabea Kemme: Die Ex-Nationalspielerin findet im t-online-Interview klare Worte.
Tabea Kemme: Die Ex-Nationalspielerin findet im t-online-Interview klare Worte. (Quelle: Mladen Lackovic via www.imago-images.de)
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Im Vorfeld des EM-Halbfinals zwischen Deutschland und Frankreich kritisierte Tabea Kemme die Verhältnisse im deutschen Fußball – und fordert Veränderungen.

Wer Tabea Kemme in den vergangenen Wochen und Monaten zugehört hat, der weiß, wofür diese Frau steht: klare Worte. Die langjährige Nationalspielerin sagt, was sie denkt – und spart dabei nicht mit Kritik.


Dreimal die Bestnote – dieses DFB-Trio glänzt auf dem Weg ins Finale

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So auch nicht im t-online-Interview. Die 30-Jährige fordert einen Wandel im deutschen Fußball – und macht ihrem Ärger Luft.

Frau Kemme, die EM in England biegt auf die Zielgerade ein. Deutschland trifft im Finale auf den Gastgeber, für viele ein absolutes Traumfinale. Wie haben Sie die Stimmung im Land und beim Turnier generell wahrgenommen?

Tabea Kemme: Die Begeisterung in den Spielorten war greifbar. Und die Entwicklung, die gerade in England vonstattengeht, ist phänomenal. Die Spielerinnen haben ein hohes Ansehen, auch bei den Fußballern. Die gegenseitige Unterstützung ist da. Die hervorragenden (Trainings)-Bedingungen im Land tragen immens dazu bei, dass die Spielerinnen auch technisch besser geworden sind. Dass das Turnier jetzt in England stattfindet, könnte vom Timing her nicht besser sein.

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Tabea Kemme (li.) mit Ex-Nationalspielerin Josephine Henning beim Gruppenspiel zwischen der Schweiz und den Niederlanden: Beide bereisen aktuell mit ihrem Bus das Land und verfolgen die EM vor Ort.
Tabea Kemme (li.) mit Ex-Nationalspielerin Josephine Henning beim Gruppenspiel zwischen der Schweiz und den Niederlanden: Beide bereisen derzeit mit ihrem Bus das Land und verfolgen die EM vor Ort. (Quelle: IMAGO/Eibner/Memmler)

Sind die Bedingungen in Deutschland schlechter?

Ja. Es fängt schon beim Arbeitsmaterial an. Allein in der Bundesliga gibt es genug Vereine, die nicht unter professionellen Bedingungen trainieren. Im Gegenteil: In manchen Klubs ist die Situation katastrophal. Wie unterschiedlich die Voraussetzungen in den Vereinen sind, das geht gar nicht.

An welche Klubs denken Sie?

Zum Beispiel an meinen Ex-Klub Turbine Potsdam. Die Bedingungen dort sind einfach katastrophal. Es gibt Platzprobleme, weswegen man sich das Spielfeld mit der Rugbymannschaft teilen muss. Aber das geht schon seit Jahren so. Es fehlt das Mindset, zu sagen: "Wir brauchen eine Lösung". Es wird ständig nur kompensiert. Es geht aber um die Basis: einen Rasen zum Spielen. Wenn da nur kompensiert wird, läuft irgendetwas falsch. Und so läuft das in Deutschland leider bei vielen Klubs ab.

Gerade in Potsdam hat man aktuell das Gefühl, dass alles auseinanderbricht. Trainer Sofian Chahed hat nach Differenzen mit den Spielerinnen den Klub verlassen, auch Rolf Kutzmutz, gegen den Sie vergangenes Jahr noch um das Präsidentenamt kandidierten, ist nach knapp sieben Jahren zurückgetreten.

Man hat über Jahre versucht, etwas aufzubauen. Aber noch mal: Wenn du innerhalb eines Vereins immer nur kompensierst und du es nicht schaffst, etwas mit Substanz auf die Beine zu stellen, dann fliegt es dir irgendwann um die Ohren. Aber so richtig. Und dieser Moment ist jetzt.

Tabea Kemme: Die Olympiasiegerin von 2016 kandidierte vergangenes Jahr um das Präsidentinnenamt bei Turbine Potsdam.
Tabea Kemme: Die Olympiasiegerin von 2016 kandidierte vergangenes Jahr für das Präsidentinnenamt bei Turbine Potsdam. (Quelle: Eibner Pressefoto/Michael Memmler via www.imago-images.de)

Potsdam landete vergangene Saison auf einem respektablen vierten Platz. An der Spitze machen aber Bayern und Wolfsburg untereinander die Meisterschaft aus. Sind diese beiden Klubs uneinholbar vorne?

Man ist immer einzuholen. Auch Bayern und Wolfsburg werden ihre Momente haben, in denen sie Schwäche zeigen und mal einbrechen – und vielleicht nur Dritter in der Liga werden.

In naher Zukunft scheint das nur schwer vorstellbar.

Das Problem ist: Wir haben keine gleichwertige Liga, weil wir keine gleichwertigen Bedingungen haben. Das müssen wir schaffen. Da zeige ich mit dem Finger auch auf die Männervereine, für die es kein Selbstverständnis ist, die Frauen zu supporten.

Der 1. FFC Frankfurt, vor zehn Jahren noch Champions-League-Sieger, stand kurz vor der Insolvenz – und agiert nun unter dem Dach von Eintracht Frankfurt. Vergangene Saison wurde die SGE sensationell Dritter.

Es hat eine erfolgreiche Fusionierung stattgefunden. Was mich aber ärgert: Denken Sie, die Spielerinnen laufen den Männern irgendwann mal über den Weg? Nein. Was den Trainingsplatz angeht, läuft es nicht anders ab als davor, während die Männer ihr eigenes High-Tech-Zentrum haben. Die Wege kreuzen sich nicht. Nach außen scheint alles super, aber intern gibt es immer noch ganz viele Türen, die den Frauen verschlossen sind. Ich habe mal bei Arsenal den Satz gehört: "Die Jungs müssen sich auf sich konzentrieren". Bullshit. Aber solche Sätze hört man auch in Deutschland.

Tabea Kemme als Expertin: Vergangene Saison war sie in der Champions League der Männer bei Prime Video zu hören, bei der aktuellen EM unter anderem bei der BBC.
Tabea Kemme als Expertin: Vergangene Saison war sie in der Champions League der Männer bei Prime Video zu hören, bei der aktuellen EM unter anderem bei der BBC. (Quelle: Markus Fischer via www.imago-images.de)

Welche Maßnahmen müssen in ihren Augen ergriffen werden, um eine gleichwertige, attraktive Liga zu kreieren?

Es würde, glaube ich, vieles vereinfachen, wenn die Frauen-Bundesliga unter dem Dach der DFL stehen und sich vom DFB abkapseln würde. Der "Fußball der Frauen" ist ein Produkt, das einen gewissen Wert hat. Diesen Wert wollen wir erhöhen, damit wir sagen können: "Das ist eine geile Liga". Aber das funktioniert aktuell nicht. Seit Jahren reden wir über dieselben Themen, wie wir die Liga attraktiver gestalten. Der DFB schafft es aber einfach nicht. Auch dort gibt es Leute, die wollen. Aber die stehen natürlich auch in einer Abhängigkeit zu gewissen Entscheidern, die das letzte Wort haben. Darum mein Appell: Raus aus dem DFB.

Sie klingen ein wenig frustriert.

Ich merke einfach, vor allem jetzt als Ex-Spielerin, dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen muss, um sie besser zu machen. Das hat mir die träge Entwicklung in den vergangenen Jahren bestätigt. Du musst dir Leute suchen, die Bock haben und intrinsisch motiviert sind, etwas zu verändern. Sonst kannst du es vergessen. Ich habe Bock, anzupacken, zu reflektieren – und den Sport nicht abhängig vom Geschlecht zu machen. Die Werte, die der Fußball auf dem Platz leben soll, überträgt er aktuell auf Funktionärsebene überhaupt nicht.

Bundeskanzler Olaf Scholz twitterte vor dem deutschen EM-Spiel gegen Spanien, dass "Frauen und Männer gleich bezahlt werden" sollen. Wie kam diese Äußerung bei Ihnen an?

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Erstmal dachte ich mir: "Geil, dass Scholz sich gemeldet hat". Anstatt aber darauf einzugehen und sich kritisch mit der Thematik auseinanderzusetzen, hat sich Oliver Bierhoff gleich angegriffen gefühlt und wollte den Kanzler "über die Zahlen aufklären". Eine verpasste Chance.

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Der DFB zahlt den Spielerinnen im Falle des Titelgewinns 60.000 Euro Prämie. Die meisten scheinen, so zeigt es zumindest die vom DFB mitfinanzierte Doku-Serie "Born for this", damit zufrieden zu sein.

Klar ist das ein Rekord. Und ich glaube auch, dass viele damit zufrieden sind. Aber wenn du dich als Spielerin im Rahmen des DFB äußerst, darfst du nur gewisse Dinge sagen. Wenn du da aus der Reihe tanzt, wird das zensiert. Da habe ich selbst meine Erfahrung mit gemacht und war einem gewissen Druck ausgesetzt. Der DFB will sein Gesicht wahren – und die Spielerinnen repräsentieren mit ihren Aussagen ihren Arbeitgeber. Auch der DFB steht in einer gewissen Abhängigkeit zur Uefa, das will ich nicht abstreiten. Aber man muss dorthin, wo es wehtut. Und das mögen die wenigsten.

So oder so ist es zu den 400.000 Euro, die die DFB-Männer im Fall eines EM-Triumphs 2021 bekommen hätten, noch ein weiter Weg.

Diese 400.000 Euro sind doch viel zu viel. Was das angeht, hat der Fußball der Männer die Relation zum eigentlichen Leben verloren. Wir müssen einen Mittelweg finden.

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Schauen wir uns zum Abschluss noch mal die Zahlen an: Im aktuellen DFB-Finanzbericht betrug der Ertrag der DFB-Frauen bei der Vermarktung nur 0,087 Prozent des Ertrags der A-Nationalmannschaft. Im Vergleich zur U21 waren es 10 Prozent.

Wenn wir rein auf die Zahlen gucken, haben wir, ganz platt gesagt, den Ist-Zustand: "Fußball der Frauen ist nicht attraktiv". Aber was willst du, DFB? Was willst du, Verein XY? Wo wollen wir hin? Dafür muss ein Handling erstellt werden. Das Totschlagargument sind immer die Zahlen. Und dann stehst du da und kannst nur mit den Achseln zucken. Und genauso laufen die Verhandlungen um die Prämien. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Nämlich?

Es gibt keine Transparenz. Das will im Verband aber auch niemand, weil es sonst den großen Aufschrei gibt. Als Spielerin bist du absolut gläsern. Jeder meint, deine Leistung bewerten zu können. Sobald wir aber auf Funktionärsebene kommen, läuft alles im Geheimen ab. Komisch.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kemme.

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