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Liverpools Sehnsucht nach dem Titel: Klopp soll Reds erl├Âsen

Von dpa
Aktualisiert am 13.02.2019Lesedauer: 7 Min.
Kultstatus: Das Portr├Ąt von Liverpools Trainer J├╝rgen Klopp prangt an der Ecke Jordan Street und Jamaica Street auf einer Hauswand.
Kultstatus: Das Portr├Ąt von Liverpools Trainer J├╝rgen Klopp prangt an der Ecke Jordan Street und Jamaica Street auf einer Hauswand. (Quelle: Lars Reinefeld./dpa)
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Liverpool (dpa) - J├╝rgen Klopp legt die rechte Hand auf seine linke Brusth├Ąlfte. Voller Stolz ber├╝hrt der 51-J├Ąhrige das Wappen des FC Liverpool mit dem ber├╝hmten Liver Bird und schaut zufrieden in die Ferne.

Willkommen an der legend├Ąren Anfield Road? Nein, Hello aus dem Baltic Triangle, dem neuen In-Viertel der Hafenstadt im Norden Englands. An einer H├Ąuserwand hat der Graffiti-K├╝nstler Akse den Coach des FC Liverpool verewigt. Zwei Tage lang war er besch├Ąftigt, das Konterfei Klopps zu erstellen. Seitdem ist die Ecke Jordan Street/Jamaica Street eine der beliebtesten Attraktionen f├╝r die Fans des FC Liverpool.

Auch Oystein Gulliksen hat sich an diesem Morgen auf den Weg in das einstige Industriegebiet gemacht. Zusammen mit seinem elf Jahre alten Sohn Viktor ist er extra aus Norwegen angereist, um am Nachmittag das Heimspiel gegen AFC Bournemouth zu sehen. Da darf ein Besuch beim Klopp-Gem├Ąlde nat├╝rlich nicht fehlen, auch wenn die Gegend auf den ersten Blick wenig einladend wirkt. Neben dem Klopp-Bild schraubt ein Mechaniker in seiner Autowerkstatt an einem Wagen herum, direkt gegen├╝ber erinnert die Bronzestatue einer Ratte an die schlechten Zeiten der Hafengegend.

Doch Klopp verleiht auch dieser Umgebung Glanz. "Er ist ein super Coach. Ich hoffe, er bleibt noch lange in Liverpool", sagt Gulliksen, wenige Tage vor dem ersten der zwei mit Spannung erwarteten Duellen mit dem FC Bayern M├╝nchen im Achtelfinale der Champions League.

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Bei einem seiner vorherigen Besuche in Liverpool ist der Norweger Gulliksen Klopp sogar pers├Ânlich begegnet. Im Hope Street Hotel, wo das Team der Reds stets die N├Ąchte vor den Heimspielen verbringt, stand Klopp im Fahrstuhl pl├Âtzlich vor ihm. "Er war sehr freundlich und hat sich daf├╝r bedankt, dass wir extra aus Norwegen gekommen sind."

Am 12. Mai wird Gulliksen wieder in Liverpool sein. Es ist der Tag, auf den alle in der Beatles-Stadt hinfiebern. Die Wanderers aus Wolverhampton werden dann an der Anfield Road zu Gast sein, es ist der letzte Spieltag der Premier League. Und alle in Liverpool, mit Ausnahme der sich in der Unterzahl befindlichen Fans des FC Everton, tr├Ąumen davon, dass ihr Club dann endlich wieder englischer Meister wird - nach qu├Ąlend langen 29 Jahren.

"Dieses Jahr muss es einfach klappen", sagt Taxifahrer Frank, w├Ąhrend er seinen Wagen durch eine der engen Gassen Liverpools kutschiert. "Mein Sohn ist 29 Jahre alt und hat noch nie einen Meistertitel gefeiert. Das geht doch nicht." Und so gut wie derzeit sah es lange nicht mehr aus. Zusammen mit Manchester City liefert sich das Klopp-Team einen packenden Zweikampf an der Tabellenspitze. Gewinnen die Reds ihr Nachholspiel, haben sie drei Punkte Vorsprung auf die Mannschaft des fr├╝heren Bayern-Trainers Pep Guardiola.

"Wir sind einfach mal wieder dran", sagt Frank. Und er braucht auch nicht lange zu ├╝berlegen, wem der Liverpool Football Club das zu verdanken hat. "Klopp nat├╝rlich. Er ist brillant. Er passt mit seiner Leidenschaft einfach perfekt zu uns", sagt der gl├╝hende Fan. "Wenn er uns wirklich den Titel bringt, dann rei├čen sie vor dem Stadion die Bill-Shankly-Statue ab und bauen ihm selbst ein Denkmal. Dann ist er gr├Â├čer als die Beatles."

Womit Frank dann wom├Âglich doch ein bisschen ├╝bertreibt. Denn an die Beatles reicht in Liverpool niemand heran. Es gibt kaum eine Stra├če, die nicht an die ber├╝hmten Pilzk├Âpfe John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison erinnert. Jahr f├╝r Jahr reisen tausende Menschen in die Stadt, um sich auf den Spuren der Beatles zu bewegen. Der ber├╝hmte Cavern Club, Penny Lane, Strawberry Field - die Beatles sind allgegenw├Ąrtig.

Doch auch der FC Liverpool ist in der Stadt tief verwurzelt. Die Scousers, wie die Menschen in der 500.000-Einwohner-Stadt wegen ihres oftmals nur schwer zu verstehenden Dialektes genannt werden, leben die ganze Woche ├╝ber f├╝r die Spiele am Wochenende. "Der Zusammenhalt in Liverpool ist sehr gro├č", sagt Luke Daly.

Der 45-J├Ąhrige hat seit 17 Jahren eine Dauerkarte im ber├╝hmten Stadion an der Anfield Road, ist in der Fanszene stark verankert. Er kennt die Gegend rund um den Fu├čball-Tempel so gut wie sein eigenes zu Hause. "Die Menschen hier leben den FC Liverpool", sagt der geb├╝rtige Ire, der wie viele seiner Landsleute inzwischen in der Stadt an der Mersey lebt.

Daly ist am Tag vor dem Spiel gegen Bournemouth im Pub The Albert, um noch ein paar Kleinigkeiten f├╝r die ├╝bliche Party am n├Ąchsten Tag zu erledigen. Die Kneipe steht im Schatten der legend├Ąren Arena. Blickt man aus dem hinteren Fenster, ist das Stadion keine 15 Meter entfernt. Der riesengro├če Fanshop, in dem eine Pappfigur von Klopp die Besucher empf├Ąngt, grenzt fast direkt an den Pub heran.

Weshalb der Club dem Besitzer das Geb├Ąude auch gerne abkaufen w├╝rde. Doch weil die Verantwortlichen mit zu gro├čer Arroganz und einem zu kleinen Angebot in die Verhandlungen gingen, lehnte Mick O'Grady einfach ab. "Nicht mit mir", sagt O'Grady, w├Ąhrend er die n├Ąchste Palette Bier in seine Kneipe tr├Ągt. So sind sie in Liverpool. Freundlich und entgegenkommend, aber zugleich stolz und mit einem ganz eigenen Kopf.

Auch ein Grund, warum Klopp so gut hierher passt und von den Menschen verehrt wird. Mit seiner Leidenschaft und seinen Emotionen verk├Ârpert er die Spielweise und Geschichte des Clubs wie lange kein Trainer vor ihm. Als er den blassen Brendan Rodgers im Oktober 2015 abl├Âste, atmeten sie an der Anfield Road erleichtert auf und empfingen den fr├╝heren Coach von Mainz 05 und Borussia Dortmund wie einen Heilsbringer. Fu├čball an der Anfield Road - das bedeutet Tempo-Fu├čball ├╝ber 90 Minuten, voller Hingabe und Pathos. Genau so wie es Klopp liebt und an der Seitenlinie vorlebt.

Dass der Coach auch seinen eigenen Kopf hat, ist in Deutschland bekannt und das erleben sie nun auch auf der Insel. Nachdem die Reds zwischenzeitlich bereits sieben Punkte Vorsprung auf Manchester City hatten, ist dieser durch die Niederlage im direkten Duell und zwei Unentschieden gegen Crystal Palace und West Ham United wieder geschrumpft.

Fans und Medien in Liverpool wurden daher bereits unruhig. Zu bekannt ist allen hier das Scheitern der Vergangenheit. 29 Jahre ohne Meistertitel haben tiefe Wunden hinterlassen und die Sehnsucht nach dem 19. Gewinn der Premier League ins Unermessliche steigen lassen.

Klopp kann dem Pessimismus nichts abgewinnen. "Es musste doch allen klar sein, dass wir nicht im Februar die Meisterschaft gewinnen", sagt er vor dem Duell mit Bournemouth mit b├Âsem Blick. "Es war klar, dass es eine Reise mit Aufs und Abs wird. Ich habe in meinem Leben schon viel schlimmere Phasen erlebt als zwei 1:1 in der Liga."

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Rums - da ist er, der b├Âse Herr Klopp. Doch der Coach ist genauso ein Menschenf├Ąnger, weshalb er nach der Kritik an der Kritik sofort wieder positiv wird. "Die Fans hier an der Anfield Road sind einzigartig, das haben wir schon so oft erlebt. Und jetzt brauchen wir sie wieder ganz besonders. Wir m├╝ssen zusammenr├╝cken, wenn wir das gro├če Ziel erreichen wollen. Anschnallen und viel Spa├č in der Achterbahn", richtet sich Klopp an die Anh├Ąnger.

Und der Appell fruchtet. Zum Spiel gegen Bournemouth sind sie alle da. Als der Bus durch das legend├Ąre Tor zum Stadion mit der Aufschrift "You'll never walk alone" f├Ąhrt, stehen Tausende Spalier. In den Pubs rund um das Stadion singen sich die Leute f├╝r die bevorstehenden 90 Minuten ein. Im "The Park", in dessen Hinterhof ebenfalls ein Gem├Ąlde den hohen Stellenwert von Klopp untermalt, feiern sie ihre Helden. F├╝r fast jeden Star gibt es hier ein eigenes Lied. Ob Mo Salah oder Virgil van Dijk - sie alle werden besungen.

Auch viele Liverpool-Fans aus Deutschland sind da. "Seit Klopp hier Trainer ist, sind es noch einmal deutlich mehr geworden", sagt Graham Agg, Mitglied im Vorstand des Supporters Club German Reds. "Er lebt, schl├Ąft und isst Fu├čball. Deshalb passt er so gut hierher", sagt Agg ├╝ber Klopp. "Er ist mit Sicherheit der beste Botschafter, den Deutschland je ├╝ber den Ozean geschickt hat."

Ein paar Meter weiter die Walton Breck Road runter wirbt ein Imbisswagen mit einem lebensgro├čen Klopp aus Plastik f├╝r seine "Klopp Dogs". Viele Fans auf dem Weg ins Stadion haben einen Klopp-Schal um den Hals h├Ąngen, so auch Neil Barnes. "Klopp ist gro├čartig", sagte er ├╝ber den Liverpool-Coach. Vom Titel will er aber noch nicht reden. "Schritt f├╝r Schritt", mahnt er. "Aber es w├Ąre ein Traum, der f├╝r uns alle wahr werden w├╝rde."

Im "The Albert" schmettert ein junger Mann an der Gitarre die bekanntesten Liverpool-Fan-Songs. Die Akustik ist so schlecht wie sp├Ąter die Defensive von Bournemouth. Doch das interessiert hier niemanden. An der Decke h├Ąngen hunderte Schals von Clubs aus aller Welt, auch das Publikum ist international. Was sie alle vereint: Die gro├če Sehnsucht nach dem ersten Meistertitel seit der Saison 1989/90.

Damals stand Kultkeeper Bruce Grobbelaar im Tor, John Barnes f├╝hrte im Mittelfeld Regie und Ian Rush sorgte vorne f├╝r die Tore. Der Trainer damals: Club-Legende Kenny Dalglish. Der Schotte ist ein gro├čer Klopp-Fan. "Er ist die beste Person, die wir derzeit als Trainer haben k├Ânnten", sagt Dalglish. Das sieht auch Didi Hamann so, der 2005 mit Liverpool die Champions League gewann. Sollte Klopp Liverpool wirklich zum Titel f├╝hren, "dann wird er dort unsterblich werden", sagt der heutige Sky-Experte.

Doch bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg. Neben den gro├čen Herausforderungen in der Liga warten in der Champions League die Duelle mit den Bayern. Wobei die Priorit├Ąten bei den Fans ganz klar sind. "Wenn ich mich entscheiden m├╝sste, w├╝rde ich ganz klar den Titel in der Premier League nehmen", sagt Reds-Fan Daly kurz vor dem Anpfiff der Partie gegen Bournemouth.

Liverpool gewinnt das Spiel hochverdient mit 3:0. Das Team ├╝berzeugt, die Fans sorgen endlich wieder f├╝r die typische G├Ąnsehaut-Stimmung an der Anfield Road. Nach dem Schlusspfiff umarmt Klopp jeden seiner Spieler. Dann dreht er sich noch einmal zu den treuesten Anh├Ąngern auf der ber├╝hmten Trib├╝ne The Kop um und ballt die Faust in der Luft. Die Fans jubeln Klopp zu, auch von der Haupttrib├╝ne kommt nach der gleichen Bewegung viel Applaus. Und dann klopft sich Klopp mit der rechten Hand auf seine links Brusth├Ąlfte und ber├╝hrt voller Stolz das Club-Emblem mit dem ber├╝hmten Liver Bird.

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