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DFB-Akademiechef: "Haben versucht, Spieler zu sehr in Systeme zu pressen"


INTERVIEWDFB-Akademiechef  

"Wir haben versucht, die Spieler zu sehr in Systeme zu pressen"

21.01.2021, 13:24 Uhr
DFB-Akademiechef: "Haben versucht, Spieler zu sehr in Systeme zu pressen". Leroy Sané, Ilkay Gündogan, Serge Gnabry und Joshua Kimmich (v.l.n.r.): Vier Nationalspieler, die erfolgreiche Beispiele der Talentausbildung sind. Doch es gibt auch einige Gegenbeispiele. (Quelle: imago images/Uwe Kraft)

Leroy Sané, Ilkay Gündogan, Serge Gnabry und Joshua Kimmich (v.l.n.r.): Vier Nationalspieler, die beweisen, wie erfolgreich die Talentausbildung sein kann. (Quelle: Uwe Kraft/imago images)

Ein Text von t-online zu den Problemen von Fußballprofis nach deren Karriereende erregte Aufmerksamkeit. Auch der DFB meldete sich daraufhin. Akademiechef Tobias Haupt kritisierte bisherige Versäumnisse und stellte seine Pläne vor.

Depressionen, Trennungen, Finanznöte. Drei Probleme, die auf Fußballprofis nach der Karriere zukommen können. Probleme, auf die bei t-online mehrere Ex-Profis hinwiesen, für die es aktuell kaum Hilfe gibt. Doch es passiert etwas im Fußball in Deutschland, um den Spielern zu helfen. 

Auch Tobias Haupt sieht Verbesserungsbedarf. Der 36-Jährige ist Chef der DFB-Akademie, die sich als "Impulsgeber" für den deutschen Fußball und als eine Art Zentrum für die Aus- und Weiterbildung von Spielern versteht. Seit 2018 ist er beim DFB und will nun mit einem Mentorenprogramm den Ex-Profis von morgen helfen. Im Interview mit t-online erklärt er, was die Fehler in der Vergangenheit waren und wie es in Zukunft besser laufen soll.

Tobias Haupt: Der Akademiechef ist seit 2018 beim DFB. (Quelle: imago images/Hartenfelser)Tobias Haupt: Der Akademiechef ist seit 2018 beim DFB. (Quelle: Hartenfelser/imago images)

t-online: Das DFB-Leitbild sieht "starke und stabile Persönlichkeiten" als "Basis sportlicher Prozesse". Bei vielen Spielern ist das nicht gegeben, weil sie Ängste und Sorgen haben, mit denen sie kämpfen. Wie will der DFB das ändern?

Tobias Haupt (36): "Viele" Spieler halte ich für übertrieben, "einige" stimmt wohl eher. Aber ja, es ist ein zentrales und wichtiges Thema. Der internationale Spitzenfußball ist unwahrscheinlich komplex geworden und die Anforderungen an jeden einzelnen Spieler sind enorm. Seit mehr als zwei Jahren kümmern wir uns intensiv darum, den Menschen ins Zentrum zu stellen. Ich habe schon zu Beginn meiner Zeit beim DFB gesagt: Wir müssen uns nicht nur in der Talententwicklung, sondern auch in der Trainerausbildung mit den Themen Individualität und Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen. In den Leistungszentren der Klubs wird tolle Arbeit geleistet. Wir haben aber in den letzten zehn Jahren im Fußball versucht, die Spieler zu sehr in Systeme zu pressen. Der individuelle Mensch dahinter wurde manchmal vernachlässigt. Die aktuelle Pandemie zeigt mehr denn je, wie wichtig starke Führungspersönlichkeiten sind – auf und neben dem Platz. Deshalb arbeiten wir sehr individuell mit unseren Spielerinnen und Spielern an diesen Themen.

Wie zum Beispiel?

Zwei Beispiele sind Fehlerkultur und Führungsqualitäten. Über unser digitales Angebot konnten wir auch in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres, in denen wir keine Länderspiele hatten, sehr intensiv mit unseren Spielerinnen und Spielern in den unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Ein wichtiger Aspekt, den man hier berücksichtigen muss: Unsere Nationalspielerinnen und Nationalspieler verbringen nur circa 15 Prozent der Zeit des Jahres bei uns, den Rest der Zeit bei ihren Vereinen. Wenn das, was wir bei unseren Mannschaften anstoßen und umsetzen, in den Vereinen nicht weiterverfolgt wird, dann wäre es nicht nachhaltig und letztendlich wirkungslos. Deshalb ist für uns der intensive und regelmäßige Austausch mit den Klubverantwortlichen so entscheidend.

Für eine gewisse Nachhaltigkeit braucht es auch Betreuung nach der Karriere. Die gab es bisher praktisch nicht, auch nicht vom DFB.

Das ist richtig, auch daran arbeiten wir. Insgesamt kann man festhalten, dass es dem deutschen Fußball in den letzten 20 Jahren nicht gut genug gelungen ist, das enorme Erfahrungswissen, das Ex-Profis mitbringen, im System zu halten und an die zukünftigen Topspieler weiterzugeben. Das gilt sowohl für die Trainer- als auch für die Spielerebene. Wenn ich in einem WM- oder Champions-League-Finale gespielt habe, kann ich meine Erfahrungen an unsere Talente weitergeben. Wir haben daher unterschiedliche Formate entwickelt, in denen ehemalige Profis gezielt in der Talententwicklung, der Trainerausbildung und unseren Mannschaften eingebunden werden.

Welche Formate haben Sie denn geplant?

Wir haben beispielsweise ein Mentorenprogramm für angehende Ex-Profis entwickelt. Dort finden Spieler, die sich im letzten Karrierejahr oder im ersten Jahr nach der aktiven Karriere befinden, ein spezielles Angebot, wie sie erste Schritte im Trainer- oder Managerbereich gehen können. Auch andere Wege unterstützen wir gerne.

Wann geht es los?

Das Programm sollte eigentlich im August 2020 starten, doch Corona hat uns hier ausgebremst. Die Teilnehmer, das Programm und die Referenten stehen. Sobald die Lage in Deutschland es wieder ermöglicht, wird es losgehen. Für die Umsetzung dieses Programms und die individuelle Begleitung der Spieler ist bei uns Dennis Weiland verantwortlich – ebenfalls ein ehemaliger Profi. Daneben binden wir regelmäßig und gezielt erfahrene Trainer und Experten in unsere Trainerausbildung und unterschiedlichen Weiterbildungsformate ein.

Mit Benedikt Höwedes und Sandro Wagner sind gerade zwei Ex-Profis als Assistenztrainer in den Junioren-Nationalmannschaften aktiv. Sind diese beiden gute Beispiele für das, was Sie mit der Einbindung ehemaliger Spieler meinen?

Definitiv. Von den Erfahrungen dieser Spieler lernen unsere Talente enorm. Wir haben auch klare Profile angelegt, wie wir einzelne Positionen weiterentwickeln wollen. Sei das im Sturm, im Mittelfeld oder in der Defensive. Das Stürmerprogramm haben beispielsweise unsere beiden Trainer und ehemaligen Topstürmer Stefan Kuntz und Toni Di Salvo federführend ausgearbeitet. In diesem Rahmen stellen wir unseren Spielern und Spielerinnen auch innovative Formate zur Verfügung. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem erstmalig alle Offensivspielerinnen und Offensivspieler unserer 15 Nationalmannschaften digital mit Miro Klose und Alexandra Popp zusammengebracht, um ihnen Erfahrungen weiterzugeben und unsere offensiven Leitlinien näherzubringen.

Mit 108 Länderspielen zählt Alexandra Popp zu den wichtigsten Nationalspielerinnen der DFB-Geschichte. (Quelle: imago images/Uwe Kraft)Mit 108 Länderspielen zählt Alexandra Popp zu den wichtigsten Nationalspielerinnen der DFB-Geschichte. (Quelle: Uwe Kraft/imago images)

Daneben haben wir einen festen Ansprechpartner für angehende Ex-Profis in der DFB-Akademie installiert, der für ihre Fragen zur Verfügung steht. Bei uns melden sich regelmäßig Spieler, die sich mit ihrer Karriere nach der Karriere beschäftigen und nachfragen, welche Möglichkeiten sie haben. Mit der DFB-Akademie gibt es nun eine Anlaufstelle für alle Anspruchsgruppen im deutschen Fußball.

So ein Mentorenprogramm ist aber auch personell begrenzt. Sie haben ja nicht unendlich viele Plätze.

Das ist richtig. Die Begleitung und Unterstützung angehender Ex-Profis ist zum Teil sehr komplex und sollte auch immer möglichst individuell erfolgen. Hier kommt den Klubs und insbesondere den Spielerberatern eine entscheidende Rolle zu. Wir verstehen uns als Wegbereiter und Impulsgeber, der immer wieder entsprechende Programme entwickelt, Angebote macht und Ex-Profis gezielt mit einbindet.  

Stehen Sie denn in Kontakt mit den Klubs, um genau das umzusetzen?

Wir stehen mit den Klubverantwortlichen zu den unterschiedlichen Themen regelmäßig und intensiv in Kontakt. 2019 sind wir zum Beispiel mit 16 Sportdirektoren und -vorständen, ausgewählten Nationaltrainern und einem Vertreter der DFL in die USA gereist, um zum einen über den Tellerrand zu schauen. Zum anderen aber auch, um aktuelle Probleme im deutschen Fußball offen zu diskutieren und an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten. Der Austausch ist sehr positiv, intensiv und konstruktiv.

Benedikt Höwedes hatte bei t-online auch angesprochen, dass Spieler nach der Karriere in ein gewisses Loch fallen können, weil sie so viel Aufmerksamkeit verlieren. Social Media spielt dabei eine große Rolle.

Das ist ein zentraler Punkt. Auch das sehe ich als wichtiges Thema im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung. Definiere ich mich als 16-, 17-Jähriger über die Anzahl an Likes und Presseartikeln, oder über meine Leistung auf dem Platz? Wir arbeiten bereits heute sehr intensiv mit unseren Nationalspielerinnen und Nationalspielern, um sie als Persönlichkeiten weiterzuentwickeln, ihnen ein klares Wertegerüst zu vermitteln und sie über den richtigen Umgang mit den digitalen Medien aufzuklären.

Wenn wir das an einem aktuellen Beispiel festmachen wollen, wäre es wohl Youssoufa Moukoko, der mit 16 Jahren schon in der Öffentlichkeit steht. Wie kann man ihn vor den negativen Folgen dieser Aufmerksamkeit schützen?

Indem man sehr individuell mit ihm arbeitet und ihn behutsam auf das Haifischbecken Profifußball vorbereitet. Der BVB leistet hier vorbildliche Arbeit und steht mit uns in regelmäßigem und engem Kontakt. Unsere sportliche Leitung hatte sich vor diesem Hintergrund auch dazu entschlossen, ihn für eine gewisse Zeit nicht mehr zu unseren U-Nationalmannschaften dazuzunehmen, um den öffentlichen Druck nicht zu groß werden zu lassen. Dazu kommt auch immer der individuelle Charakter des Spielers. Im Fall von Youssoufa muss man sagen, dass er sehr zielstrebig und fokussiert arbeitet. Das Risiko, dabei abzuheben, scheint bei ihm aktuell eher gering zu sein.

Mit gerade einmal 16 Jahren steht Youssoufa Moukoko im Fokus der Öffentlichkeit. (Quelle: imago images)Mit gerade einmal 16 Jahren steht Youssoufa Moukoko im Fokus der Öffentlichkeit. (Quelle: imago images)

Die Social-Media-Zahlen steigen, die Zuschauerzahlen wachsen, Gehälter und Ablösesummen schnellen in die Höhe, auch wenn sie durch Corona etwas gebremst wurden. Würden Sie der These zustimmen, dass die Fallhöhe für Profis immer extremer wird?

Ja, auf jeden Fall. Ich würde aber zwischen zwei Fällen unterscheiden. Fall eins: Ich bin ein junges Talent und bin in einem Nachwuchsleistungszentrum. Für mich steht der Übergang zum Profi-Dasein an. Doch über 97 Prozent schaffen es nicht in die Lizenzmannschaft eines Profiklubs. Hier fallen viele aus dem System. Sie haben zwar für ein paar Jahre etwas Geld verdient und vielleicht auch einen Sponsorenvertrag, aber der Schmerz sitzt tief. Sie haben mehrere Jahre ihrer Jugend geopfert und verpassen den großen Traum um Haaresbreite. Hier müssen die Talente aufgefangen werden. Diese hochtalentierten Fußballer – und vor allem Menschen – die in ihrer Entwicklung irgendwann durchs Raster fallen, sind noch viel zu wenig im Fokus der Öffentlichkeit. Viele Vereine haben zum Glück erkannt, dass sie auch eine soziale Verantwortung haben und betreuen die Talente sehr intensiv und individuell, damit sie einen zweiten Weg einschlagen, der ihnen langfristig ein Einkommen sichert, wenn auch nicht als Fußballprofi.

Und Fall zwei?

Das sind die, die über viele Jahre Fußballprofi waren, gutes Geld verdient haben, aber finanziell noch nicht ausgesorgt haben. Sie haben überdurchschnittliche Summen auf dem Konto, haben auf großem Fuß gelebt und hatten jedes Wochenende emotionale Höhepunkte. Als Fußballprofi läuft man große Gefahr, sein eigenes Selbstwertgefühl und Wohlbefinden vom Ergebnis am Wochenende und vor allem von der Einschätzung und der Beurteilung anderer abhängig zu machen. Das fällt alles nach der aktiven Karriere auf einmal weg. Übrig bleibt der Mensch Ex-Profi, der in vielen Fällen erstmalig in seinem Leben gefordert ist, sich mit sich selbst intensiv zu beschäftigen. Das kann schmerzhaft sein und die Gefahr, in ein Loch zu fallen, ist groß. Beide Fälle sind wichtig und bei beiden Fällen sind Verbände, Klubs, Umfeld und Berater gemeinsam gefordert.

Wie wollen Sie denn Ihre Angebote bekannter machen? Die Ex-Profis, mit denen wir gesprochen haben, wussten zum Beispiel nichts davon.

Die DFB-Akademie gibt es jetzt inhaltlich seit etwas mehr als drei Jahren, wir haben in dieser Zeit bereits viele entscheidende Weichen gestellt. Natürlich braucht es auch seine Zeit, bis alle unsere Programme umgesetzt und vor allem auch bekannt sind. Deshalb ist in erster Linie der persönliche Austausch für uns so wichtig. Da haben sich bereits viele Ex-Profis bei uns gemeldet und gefragt, in welchen Bereichen wir sie als DFB unterstützen können. Aber das sind nur die, die intrinsisch motiviert sind. Wir wollen aber alle erreichen. Deshalb investieren wir viel in digitale Angebote, in denen jeder etwas individuell zusammen stellen kann. Wir sind aber auch im intensiven Austausch mit den Klubs. Sei es mit den Trainern, Sportdirektoren oder Sportvorständen. Unser Ziel ist, dass alle darüber Bescheid wissen, dass es in der DFB-Akademie ganz individuelle und maßgeschneiderte Angebote gibt, und alle dazu eingeladen sind, gemeinsam mit uns an der Zukunft des deutschen Fußballs zu arbeiten.

Verwendete Quellen:

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