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Amateurfußball – Altona 93 in der Corona-Krise: "Hoffnungen platzen"

Corona macht Saison unmöglich  

Düstere Aussichten: Der Amateurfußball in der Krise

01.03.2021, 17:46 Uhr
Amateurfußball – Altona 93 in der Corona-Krise: "Hoffnungen platzen". Quo vadis, vierte Liga? Dem deutschen Amateurfußball droht durch die Corona-Pandemie der Kollaps.  (Quelle: imago images/Westend61)

Quo vadis, vierte Liga? Dem deutschen Amateurfußball droht durch die Corona-Pandemie der Kollaps. (Quelle: Westend61/imago images)

Dem deutschen Amateurfußball droht durch die Corona-Pandemie der Kollaps. Regionalliga-Trainer Andreas Bergmann wendet sich mit einem verzweifelten Appell an die Verantwortlichen. 

In den vergangenen Wochen wurde viel über die vermeintlichen Privilegien von Profifußballteams gesprochen. Zu dieser Diskussion trugen unter anderem die Reise des FC Bayern zur Fifa-Klub-WM nach Katar sowie das Spielort-Geschacher in der Champions League bei. 

Bei all diesen Debatten und Vorwürfen hat die Fußballöffentlichkeit jedoch das andere Extrem aus den Augen verloren: den Amateurfußball in Deutschland. Die Klubs ab den viertklassigen Regionalligen ächzen unter kostspieligen Hygienekonzepten, der Spielbetrieb liegt vielerorts völlig brach. So etwa die Regionalliga Nord. Besonders hart hat es dabei den Hamburger Traditionsverein Altona 93 getroffen. Der Klub aus der 1909 eröffneten Adolf-Jäger-Kampfbahn kam in der Saison 2020/2021 nur auf sieben Punktspiele in der vierten Liga. Das letzte wurde am 11. Oktober gegen Eintracht Norderstedt ausgetragen – und mit 0:1 auch noch verloren.

"Sportlich ist die Saison sowieso im Eimer. Egal was noch passiert", sagt Andreas Bergmann zu t-online. Der frühere Bundesliga-Trainer von Hannover 96 übernahm Altona im Sommer 2020, "also mitten in der Pandemie", und hatte eigentlich ganz andere Pläne für die nun bereits seit Monaten ruhende Saison.

Infektionen, Spielausfälle und Neid auf andere Ligen

"Ziel war es, gemeinsam mit Richard Golz als sportlichem Leiter, eine neue Mannschaft aufzubauen", erklärt Bergmann. Stattdessen startete bereits die Saisonvorbereitung nur in Kleingruppen und mit Abstandsregelungen, erst später wurde dem Team gestattet, ein reguläres Mannschaftstraining aufzunehmen. Die Lage wurde von da an jedoch nicht besser – im Gegenteil.

Andreas Bergmann (2.v.l.) und Ex-Bundesliga-Keeper Richard Golz (3.v.r.) wollten ein neues Kapitel bei Altona 93 schreiben. (Quelle: imago images/Oliver Ruhnke)Andreas Bergmann (2.v.l.) und Ex-Bundesliga-Keeper Richard Golz (3.v.r.) wollten ein neues Kapitel bei Altona 93 schreiben. (Quelle: Oliver Ruhnke/imago images)

"Als der Spielbetrieb noch lief, hatten wir mehrere Corona-Fälle in der Mannschaft sowie im Umfeld. Daraufhin war die halbe Mannschaft zwei Wochen in Quarantäne", erinnert sich Bergmann. Die Infektionen zogen Spielausfälle nach sich, bevor der Lockdown zum Ende des Jahres dann endgültig alles zum Erliegen kommen ließ. Auch deshalb formuliert der Ex-St.-Pauli- und -Bochum-Coach klar und deutlich: "Lässt man die vergangenen Monate Revue passieren, muss man zu dem Urteil kommen, dass diese Saison sportlich kaum noch eine Aussagekraft hat."

Dass nicht alle Viertligisten das Schicksal Altonas teilen, lässt das des Hamburger Traditionsklubs nur noch härter wirken. So kommt es in der Regionalliga West am Samstag etwa zum Schlager zwischen den beiden Ex-Bundesligisten Rot-Weiß Oberhausen und Alemannia Aachen. "Natürlich blicke ich neidisch in die Ligen, in denen geregeltes Mannschaftstraining und ein Spielbetrieb möglich ist", gibt Bergmann zu, schiebt jedoch eine entscheidende Information nach: "Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass die Vereine der Regionalliga West aus einem Solidarfonds der Landesregierung mit bis zu 15 Millionen Euro unterstützt werden. Damit kann man sehr gut überleben."

"Kann meine Spieler nicht gefährden, um Fußball zu spielen"

Bergmann betont, die vom Norddeutschen Fußballverband getroffene Entscheidung dennoch für richtig zu halten. "Wir nehmen unsere Verantwortung den Spielern und Staff-Mitgliedern gegenüber sehr ernst", erklärt er, bevor er weiter ausführt: "Unsere Spieler stehen fast alle in Berufsverhältnissen, haben Familien – die kann ich doch nicht gefährden, indem ich sie zwinge, viermal die Woche zum Training zu gehen, mit dem Bus gemeinsam zum Spiel zu fahren und Fußball zu spielen." Auch deshalb setze das Team momentan weiter nur auf Training in Kleingruppen zwei Mal wöchentlich, um die Kontakte jedes einzelnen Spielers so weit wie möglich einzuschränken – und das "obwohl wir seit gut drei Wochen wieder die Erlaubnis fürs Mannschaftstraining haben." Bergmann: "Wir können als Verein der Mannschaft kein umfassendes Hygienekonzept mit regelmäßigen Testungen anbieten, welches uns das Gefühl gibt, dass das gesundheitliche Risiko für unsere Spieler fast null ist."

Ein Fan umarmt einen Altona-Spieler (Archivfoto): Solche Bilder wird es vorerst nicht in der Adolf-Jäger-Kampfbahn geben. (Quelle: imago images/Zuma Press)Ein Fan umarmt einen Altona-Spieler (Archivfoto): Solche Bilder wird es vorerst nicht in der Adolf-Jäger-Kampfbahn geben. (Quelle: Zuma Press/imago images)

Wie steht es in dieser verzwickten Situation um die Motivation der Spieler? Eine Frage, die Bergmanns komplette Zerrissenheit zum Ausdruck bringt.

"In der Zeit, in der wir gar nicht auf dem Platz trainieren konnten, haben wir den Jungs neben einem individuellen Trainingsplan zwei Mal wöchentlich ein digitales Angebot aus verschiedenen Übungen gemacht, das sie super durchgezogen haben. Da wurde auch mal geflachst, dass wir ja nur noch 'Bauch, Beine, Po' trainieren", berichtet der schmunzelnde Coach. Doch diese kleinen Maßnahmen können nicht über die große Traurigkeit hinwegtäuschen: "Für mich als Trainer ist es unfassbar schade zu sehen, wie durch die ständigen Unterbrechungen die Hoffnungen der Spieler – auf eine tolle Saison, auf individuelle Weiterentwicklung – platzen."

Saison hat "überhaupt keine sportliche Aussagekraft mehr"

Bleibt die Frage, wie Altona aus dieser verzwickten Situation geholt werden kann. Bergmann hat eine klare Vorstellung. "Es würde nicht nur unserem Verein ungemein helfen, Planungssicherheit zu haben", sagt er.

Für ihn persönlich sei der Punkt längst überschritten, ab dem eine faire Fortführung des Spielbetriebs möglich gewesen wäre. "Eine Wiederaufnahme der Saison – wie auch immer sie aussieht – mit sportlichen Konsequenzen für die Vereine halte ich für nicht mehr gerecht. Du kannst niemanden sportlich bestrafen, wenn die Umstände keinen echten fairen Wettkampf zulassen. Zumal auch die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen der Vereine regional so unterschiedlich sind", merkt Bergmann an. 

Auch deshalb richtet er sich mit einem Appell an die Verantwortlichen des Norddeutschen Fußballverbandes: "Der Verband muss sich um seine Mitglieder kümmern und dafür sorgen, dass sie wirtschaftlich überleben." Denn: "Wirtschaftlich gesehen würde eine Fortsetzung der Saison das Elend der meisten Vereine nur vergrößern. Unsere Spieler sind aktuell in Kurzarbeit, würden wir wieder – ohne Zuschauer – spielen, haben wir die normalen Kosten auf der Uhr, aber weiterhin keine Einnahmen."

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Andreas Bergmann

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