Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Almuth Schult: Was sich im Fußball Ă€ndern muss

Von Benjamin ZurmĂŒhl

Aktualisiert am 18.07.2021Lesedauer: 5 Min.
WĂ€hrend der EM war sie als TV-Expertin bei der ARD im Einsatz: Almuth Schult.
WĂ€hrend der EM war sie als TV-Expertin bei der ARD im Einsatz: Almuth Schult. (Quelle: Martin Hoffmann/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

Eine Frauenquote in der Wirtschaft wird bereits seit einigen Jahren diskutiert, im Fußball wird sie oft belĂ€chelt. Doch eine Gruppe prominenter Frauen sieht sie als nötig an – und fordert mehr.

Fast hĂ€tte es in den USA im Juni dieses Jahres große Schlagzeilen gegeben, aber nur fast. Auf der Suche nach einem neuen Cheftrainer fĂŒhrten das Basketball-Profiteam Portland Trail Blazers GesprĂ€che mit Becky Hammon, der Co-Trainerin des Liga-Konkurrenten San Antonio Spurs. Am Ende entschieden sie sich fĂŒr Spieler-Legende Chauncey Billups, Hammon blieb in San Antonio.

Becky Hammon ist die Assistentin von Trainer-Legende Gregg Popovich (l.).
Becky Hammon ist die Assistentin von Trainer-Legende Gregg Popovich (l.). (Quelle: Icon SMI/imago-images-bilder)

Von diesem Punkt ist der deutsche Fußball weit entfernt. Eine Cheftrainerin in der MĂ€nner-Bundesliga? Aktuell praktisch undenkbar. Am nĂ€chsten dran ist Imke WĂŒbbenhorst, die ab August Co-Trainerin bei Drittligist Viktoria Köln ist. Der MĂ€nnerfußball bleibt eine MĂ€nnerdomĂ€ne. Ob auf der Trainerbank oder im Management.

Ein Zustand, den einige Frauen Ă€ndern wollen. Im Mai dieses Jahres prĂ€sentierte ein Kollektiv um Katja Kraus (Ex-HSV-Vorstand), Bibiana Steinhaus (Schiedsrichterin) und Claudia Neumann (Kommentatorin) ein Positionspapier mit dem Namen "Fußball kann mehr". Das Ziel: mehr Gleichstellung und mehr DiversitĂ€t. Mit dabei war auch Almuth Schult. Die Olympiasiegerin und NationaltorhĂŒterin vom VfL Wolfsburg ist der vielleicht prominenteste Name in der Liste.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
MinisterprÀsident Orbån verhÀngt Notstand
Viktor Orban bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der ungarische Regierungschef hat jetzt den Notstand verhÀngt.


Die 30-JĂ€hrige hat ein klares Ziel. Im GesprĂ€ch mit t-online sagt sie: "Ich habe schon als Kind im Fußball Erfahrungen gemacht, die ich anderen jungen MĂ€dels nicht wĂŒnsche. Daher ist es mein Wunsch, dass etwas passiert. Ich will nicht, dass wir in 20 Jahren an dem gleichen Punkt stehen. Wir Frauen, die dieses Papier verfasst haben, sind der Meinung, dass die Gesellschaft sich an einem Punkt sieht, an dem sie noch nicht ist."

Almuth Schult: Die NationaltorhĂŒterin steht beim VfL Wolfsburg unter Vertrag.
Almuth Schult: Die NationaltorhĂŒterin steht beim VfL Wolfsburg unter Vertrag. (Quelle: Revierfoto/imago-images-bilder)

"Ohne ein Ziel kann kein Weg kreiert werden"

Acht Forderungen stehen in jenem Papier (unten im Artikel sind sie komplett zu finden). Einige sind sehr ambitioniert. Zum Beispiel: "Verbindliche Quote von mindestens 30% Frauen in AufsichtsrĂ€ten sowie die Besetzung eines jeden (Klub-)Vorstandes/GeschĂ€ftsfĂŒhrung von allen MĂ€nner und Frauen-Profiligen mit mindestens einer Frau bis 2024."

Der aktuelle Frauenanteil liegt im niedrigen einstelligen Bereich. Ist es realistisch, diese Zahl binnen drei Jahren auf 30 Prozent zu steigern? Schult: "Es ist eine Wunschvorstellung von uns. Die Zahl ist nicht festgeschrieben. Wir wollen eine Hand zum Dialog reichen und mithelfen. Nur: Ohne ein Ziel kann kein Weg kreiert werden. Das haben wir in den letzten Jahren oft gesehen. Da gab es nur unkonkrete Formulierungen und keine Maßnahmen. Deshalb wollten wir ein konkretes Ziel schaffen, damit eben jene Maßnahmen entwickelt werden können."

Und bei 30 Prozent muss noch nicht Schluss sein: "Ich halte es fĂŒr realistisch, dass wir in einigen Jahren bei 30 bis 50 Prozent Frauenanteil im Fußball sind. Wenn wir die 30 Prozent erreicht haben, wird es womöglich gar nicht nötig sein, weiter darĂŒber zu reden. Dann könnte es ein SelbstlĂ€ufer werden, und es wird der Mehrwert der DiversitĂ€t gesehen."

Jenen Mehrwert sieht Schult, wenn sie sich ihren eigenen Verein anschaut: "Ich hatte in der vergangenen Saison in Wolfsburg einen Trainer und zwei Co-Trainerinnen, eine Videoanalystin und einen Torwarttrainer. Das ist sehr ausgeglichen aufgestellt, genau wie in der medizinischen Abteilung. Das wĂŒnsche ich mir auch fĂŒr die MĂ€nner-Bundesligisten. Es ist egal, ob man nur bei den Trainern ansetzt oder bei den anderen Teilen eines Mitarbeiterstabs, der Frauenanteil wird gering sein. Jeder Wandel fĂŒr mehr DiversitĂ€t ist ein guter."

Mit Ex-Trainer Stephan Lerch (r.) und Assistentin Ariane Hingst gewann Almuth Schult im Mai den DFB-Pokal.
Mit Ex-Trainer Stephan Lerch (r.) und Assistentin Ariane Hingst gewann Almuth Schult im Mai den DFB-Pokal. (Quelle: HĂŒbner/imago-images-bilder)

Wie mehr Trainerinnen ausgebildet werden könnten

Gerade beim Punkt Trainerausbildung hat sie klare Vorstellung, wie es der Fußball in Deutschland besser machen könnte. "Es wĂ€re schön, wenn mehr Trainerinnen ausgebildet wĂŒrden, gerade auch mit höheren Lizenzen. Da muss man sich zusammensetzen, vielleicht ĂŒber Zulassungsverfahren und Lizenz-AnsprĂŒche reden." Was sie meint, ist vor allem die finanzielle HĂŒrde fĂŒr viele Interessentinnen: "Mit Ausnahme von ehemaligen mĂ€nnlichen Fußballprofis ist es fĂŒr alle schwer, hohe Summen aufzubringen. Und Hospitationen in gleichwertigen Frauenligen werden oft nicht angerechnet. Soweit ich weiß, muss man als Teil der Fußballlehrer-Ausbildung in den ersten drei MĂ€nnerligen hospitieren. Eine Zeit in der Frauen-Bundesliga reicht nicht aus."

Die Zahl an verfĂŒgbaren Trainerinnen auf hohem Niveau ist aktuell noch zu gering, um eine gewisse Quote zu erfĂŒllen. Es fehlt an Vorbildern, an denen sich junge MĂ€dchen und Frauen orientieren können. Schult kennt das GefĂŒhl: "Als ich klein war, gab es im Fernsehen wenig Frauenfußball und somit auch fĂŒr mich kaum Idole. Ich habe grĂ¶ĂŸtenteils MĂ€nnerfußball geguckt. Meine erste WM war 2002 in SĂŒdkorea und Japan. Als ich dann 2003 die Frauen in den USA gesehen habe, hat mich das sehr gefreut und mein Weltbild verĂ€ndert. Ab dem Zeitpunkt konnte ich Frauen und MĂ€nnern nacheifern."

Schult und Co. sehen sich als Exotinnen. Ihre Karrieren hatten einige HĂŒrden mehr als die ihrer mĂ€nnlichen Kollegen, so die TorhĂŒterin: "Es wĂ€re schön, wenn nicht jede Frau so viele Steine aus dem Weg rĂ€umen muss, wie die aus unserer Gruppe. Es war fĂŒr Bibiana Steinhaus garantiert ein schwierigerer Weg als fĂŒr beispielsweise Bastian Dankert oder Dr. Felix Brych, um in der Bundesliga-Spitze anzukommen."

Weitere Artikel

Katja Kraus
"Klar hat der Fußball ein Sexismusproblem"
Katja Kraus: Kennt die Situation als Frau in einer FĂŒhrungsposition eines Fußballklubs gut.

Mangel an weiblichen FĂŒhrungskrĂ€ften
Weshalb Frauen im MĂ€nnerfußball oft keine Chance haben
Katja Kraus: Kennt die Situation als Frau in einer FĂŒhrungsposition eines Fußballklubs gut.

Inka Grings
Weibliche Anmut? "Unvorstellbar, dass jemals so gedacht wurde"
Inka Grings: Die heute 41-JĂ€hrige spielte von 1996 bis 2012 in der Nationalmannschaft.


FĂŒhrungspositionen teilen?

Ein schwieriger Weg war es bisher auch im Management-Bereich, denn Sportdirektoren und SportvorstĂ€nde sind in der Herren-Bundesliga ausschließlich mĂ€nnlich. Der DFB hat reagiert und im neu geschaffenen Lehrgang fĂŒr Manager im Profifußball auch einen Platz geschaffen, der fĂŒr eine Frau reserviert ist. Denn die Klubs selbst haben bisher ausschließlich MĂ€nner vorgeschlagen beziehungsweise nominiert.

Die Verantwortung fĂŒr die fehlenden Frauen in der Ausbildung sieht Schult aber nicht nur bei den Vereinen, sondern auch beim Verband. "Es ist schön, dass es jetzt Stipendien fĂŒr angehende Managerinnen gibt, aber vielleicht sollte man nicht nur die Vereine, sondern als DFB gezielt Frauen ansprechen. Der Verband hat unglaublich viele Kontakte zu ehemaligen Nationalspielerinnen, und da muss vielleicht gezielt auf jemanden zugehen."

Loading...
Loading...
Loading...

Und die 30-JĂ€hrige nennt auch ein Beispiel: "Ich spreche mal aus meiner Position: Ich bin gerade Mutter geworden und kann daher viele verstehen, die es nicht schaffen, 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. So eine Elternschaft ist ein großer Aufwand. Das Problem ist aber, dass viele davor zurĂŒckschrecken, jemanden mit 30 Stunden in eine FĂŒhrungsposition zu stecken. Aber warum sollte man nicht eine solche Stelle splitten mit zwei Personen in Teilzeit, die gleichberechtigt entscheiden?"

Eine solche Aufteilung hatte auch Katja Kraus vor einigen Jahren vorgeschlagen: "Wir mĂŒssen weiter denken, neu denken. [...] Geteilte FĂŒhrungspositionen anbieten. Es muss [...] möglich sein, Kinder zu haben und alles erreichen zu können, was man will und wofĂŒr man qualifiziert ist. Es ist ein ungeheures Potenzial, das brachliegt, wenn es nicht die Bereitschaft gibt, den Rahmen anders zu setzen."

Ex-HSV-Vorstandsmitglied Katja Kraus ist ebenfalls Teil von "Fußball kann mehr".
Ex-HSV-Vorstandsmitglied Katja Kraus ist ebenfalls Teil von "Fußball kann mehr". (Quelle: Martin Hoffmann/imago-images-bilder)

Davon profitieren wĂŒrden nicht nur Frauen, sondern auch MĂ€nner, meint Schult. Schließlich gĂ€be es auch VĂ€ter im Fußball, die ihre Elternzeit wahrnehmen wollen. Doch auch ihnen wird diese Entscheidung erschwert. "Ich warte darauf, dass ein mĂ€nnlicher Fußballer fĂŒr fĂŒnf Monate in Elternzeit geht. Warum denn auch nicht? Er hat ja als Arbeitnehmer das Recht dazu. Das muss man natĂŒrlich mit dem Verein abklĂ€ren, aber es ist doch nur menschlich, viel Zeit mit dem neugeborenen Kind verbringen zu wollen."

Die acht Forderungen des Positionspapiers:
1. Verbindliche Quote fĂŒr FußballverbĂ€nde von mindestens 30% Frauen in FĂŒhrungspositionen (etwa im PrĂ€sidium, Vorstand, GeschĂ€ftsfĂŒhrung) bis 2024.
2. Verbindliche Quote von mindestens 30% Frauen in AufsichtsrĂ€ten sowie die Besetzung eines jeden (Klub-)Vorstandes/GeschĂ€ftsfĂŒhrung von allen MĂ€nner und Frauen-Profiligen mit mindestens einer Frau bis 2024.
3. ParitĂ€tischer Unterbau von Frauen und MĂ€nnern auf der zweiten FĂŒhrungsebene bei VerbĂ€nden und Klubs bis 2024 (~50% Quote).
4. Gezielte Programme zur Herstellung der Chancengleichheit von Frauen fĂŒr die sportnahen Bereiche in den Klubs (Trainer*innen, Scouting, Nachwuchsleistungszentren, Trainer*innenlizenz, Managementprogramme usw.).
5. Gehaltstransparenz – Gleiche Bezahlung fĂŒr den gleichen Job auf jeder Hierarchiestufe.
6. Die VerĂ€nderung der Rahmenbedingungen, die Frauen und DiversitĂ€t in der Organisation stĂ€rken (Recruiting, Personalentwicklung, Karriereplanung, Female-Mentoring-Programme, Vereinbarkeitsregelungen, FĂŒhrung in Teilzeit, Infrastruktur am Arbeitsplatz usw.).
7. Eine geschlechtergerechte, diskriminierungsfreie Sprache auf allen Ebenen des Fußballs.
8. Konsequente Sanktionierung jeder Form von Sexismus und Diskriminierung, auch außerhalb des Platzes und entsprechende Anlaufstellen fĂŒr Betroffene.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
ARDDFBFußballHSVUSAVfL WolfsburgWolfsburg
Fußball - Deutschland


t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website