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Rechte attackieren Bonner Verein: Dann "haben die Nazis gewonnen"


"Wenn ich den Verein schließen muss, haben die Nazis gewonnen"

Von Tobias Eßer

30.11.2023Lesedauer: 6 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

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Daniel Odeh, Mitglied der Tracksrunner (Archivbild): Der Sportverein aus Bonn muss sich seit seinem Bestehen gegen Angriffe von Rechtsextremen wehren.Vergrößern des Bildes
Daniel Odeh, Mitglied von Tracksrunner (Archivbild): Der Sportverein aus Bonn muss sich seit seinem Bestehen gegen Angriffe von Rechtsextremen wehren. (Quelle: B.Hoffmann/imago images)

Der Bonner Leichtathletikverein Tracksrunner kämpft ums Überleben. Sportlich läuft es zwar gut, doch seit Jahren muss sich der Verein gegen Angriffe von Rechtsaußen wehren.

Es ist eine Geschichte vom Kampf gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Der Bonner Leichtathletikverein Tracksrunner legt sportlich seit Jahren starke Leistungen vor. Zuletzt konnte der U18-Sprinter Daniel Odeh die Landesmeisterschaft auf der 60-Meter-Distanz in der Halle gewinnen – und das, obwohl dem Verein keine Sporthalle zur Verfügung steht und das Training ganzjährig im Freien stattfindet.

Nun steht Tracksrunner allerdings kurz vor dem Aus. Denn der Verein muss sich seit Jahren gegen rechtsextreme Angriffe erwehren. Das Auto des Vereins wurde manipuliert und mit Hakenkreuzen beschmiert, außerdem zündelten Unbekannte auf der Tartanbahn, auf der die Vereinsmitglieder trainieren, und besprühten sie mit fremdenfeindlichen Parolen. Am Dienstag erklärte der Verein, er sei auf einen Phishing-Trick hereingefallen. So sollen Unbekannte das Konto des Vereins geplündert und mehrere Zehntausend Euro erbeutet haben. Jetzt muss Tracksrunner 17.000 Euro bis zum Ende des Jahres auftreiben – sonst kann der Leichtathletikklub dichtmachen.

Musitu Kumuini hat den Verein gegründet. Der Bonner, der unter dem Alias Sylabil Spill auch in der deutschen Rap-Szene aktiv ist, spricht im Interview mit t-online über die Angriffe gegen Tracksrunner – und über deren Auswirkungen auf die jugendlichen Athletinnen und Athleten.

t-online: Herr Kumuini, mit fast 10.000 Followern ist der Verein Tracksrunner auf Social Media das reichweitenstärkste Leichtathletikteam Deutschlands. Was hebt den Verein von anderen Teams ab?

Musitu Kumuini: Bei Tracksrunner steht nicht nur die sportliche Leitung im Vordergrund. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen die Chance geben, sich auch menschlich weiterzuentwickeln. Bei uns im Verein gibt es einige Kinder, die Konzentrationsschwächen oder Aggressionsprobleme haben. Deren Eltern erzählen uns oft, dass sich diese Probleme gebessert haben, seitdem die Kids bei uns trainieren.

Sie haben selbst einen Hintergrund im Leistungssport, waren im Jugendkader des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). Es gibt viele Vereine in Deutschland – warum haben Sie Tracksrunner gegründet?

Sport war mein Sprungbrett in die Gesellschaft. Als Kind kam ich aus dem Kongo nach Deutschland, in meiner Klasse habe ich keinen Anschluss gefunden. Ein Lehrer hat mir dann die Möglichkeit gegeben, Fußball zu spielen. Später habe ich dann noch mit Leichtathletik und Basketball angefangen und bin bei allen drei Sportarten in den Leistungsbereich gekommen – und konnte so auch meine soziale Kompetenz in der neuen Heimat Deutschland aufbauen.

Bei der Leichtathletik bin ich dann geblieben. Dort habe ich gelernt, dass du für dich einstehen und stetig an dir arbeiten musst. Und das habe ich dann für meinen Weg durch die Schule übernommen.

Und wie kam es dann zur Gründung von Tracksrunner?

Ich habe mir schon früher gesagt: Wenn ich irgendwann einen eigenen Sportverein aufmachen sollte, will ich, dass die Athletinnen und Athleten durch ihre eigene Arbeit nach oben kommen können – unabhängig davon, wie viel Geld sie in den Verein einbringen können.

(Quelle: privat)

Musitu Kumuini

Musitu Kumuini kam am 6. Januar 1983 in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, zur Welt. 1990 zog er mit seiner Familie nach Bonn in Nordrhein-Westfalen. Dort war er als Leistungssportler unterwegs. Er betrieb Leichtathletik, spielte Fußball und Basketball. Neben seiner sportlichen Karriere ist er unter dem Künstlernamen Sylabil Spill als Rapper bekannt und nutzt seine Reichweite, um den von ihm gegründeten Verein Tracksrunner Bonn zu unterstützen.

Als ich jung war, habe ich viele negative Erfahrungen gemacht. Ich wurde rassistisch angefeindet – und in den frühen 1990er-Jahren habe ich es so wahrgenommen, dass man gesellschaftlich noch nicht verurteilt wurde, wenn man ein Rassist war. Diese Erfahrungen wollte ich von jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern fernhalten.

Was war die Zielsetzung zu Beginn des Projekts?

Nach meiner Laufbahn als Sportler bin ich der Leichtathletik immer verbunden geblieben. Ich habe Gespräche mit mehreren Vereinen geführt. Denen habe ich aber auch immer gesagt: Selbst wenn ein Kind kein Geld hat, sich Schuhe mit Spikes zu kaufen, dann werde ich genau diese Kinder unterstützen und dafür sorgen, dass sie sich mit anderen auf Augenhöhe messen können. So habe ich dann erst eine Leistungsgruppe gegründet, aus der dann später Tracksrunner wurde.

Die Erfahrungen mit Rassismus konnten Sie allerdings nicht von den Kindern fernhalten. Tracksrunner ist seit Jahren ein Ziel von Neonazis. Was war der Auslöser?

Das hat eigentlich nicht mit dem Sport begonnen. Ich bin ja auch Rapper. Und vor einigen Jahren hat dann ein Rap-Kollege – Bonez MC von der 187 Straßenbande – einen Beitrag bei Instagram gepostet, der sich positiv auf die AfD bezieht. Dazu habe ich dann Stellung bezogen und klar gesagt, dass ich das scheiße finde. Darauf haben sich dann die AfD-Fans gestürzt.

Meine Privatnachrichten waren dann voll mit irgendwelchen Nazisprüchen. Und obwohl ich meine Funktionen als Rapper und als Leichtathletikcoach klar trenne, ist die Verbindung zwischen meinem Alias Sylabil Spill und dem Verein natürlich vorhanden. Die Leute, die mein Postfach auf Instagram geflutet haben, wählten dann den Verein als Ziel.

Wie sahen diese Angriffe aus?

Das fing damit an, dass das Vereinskonto gehackt wurde. Darüber wurden 52.000 Euro entwendet, die ich aus meiner privaten Kasse ersetzt habe – da war zum Glück einiges durch mein zweites Standbein in der deutschen Rap-Szene vorhanden. Dann habe ich ein Auto für den Verein gekauft, um die Kids zu Wettbewerben zu fahren. Irgendjemand hat dort die Scheiben eingeschlagen. Dann haben sie Hakenkreuze auf das Auto gesprüht.

An unserer Trainingsstätte haben Unbekannte das N-Wort auf einen Unterstand geschrieben. Außerdem haben sie versucht, die Tartanbahn anzuzünden. Und dann wurde das Auto manipuliert.

Was genau ist da passiert?

In einer Situation hat jemand Teile am Auto gelöst. Als ich nach einem Wettkampf nach Hause gefahren bin, ist das Fahrzeug mitten auf der Autobahn ausgegangen. Ein befreundeter Werkstattleiter hier in Bonn hat mir dann gezeigt, dass mehrere Teile entfernt wurden.

Ein anderes Mal hat jemand die Bremsmuttern gelöst. Das habe ich gemerkt, weil das Auto während der Fahrt geruckelt hat und dann auf einmal stehen blieb. Das habe ich natürlich auch entsprechend dokumentiert.

Sie haben die Angriffe in Bonn zur Anzeige gebracht. Was hat die Polizei unternommen?

Bei den Angriffen gegen das Auto wurde ermittelt, das ist aber im Sande verlaufen. Das allerdings auch erst, nachdem eine Kollegin die Anzeige eingebracht hatte. Mir haben die Polizisten gesagt, dass die Defekte ja auch meine Schuld sein könnten, weil ich das Auto nicht richtig gewartet hätte.

Und um die Hakenkreuzschmierereien sowie die Attacken gegen unseren Trainingsplatz hat sich die Polizei – sorry, wenn ich das so deutlich sage – einen Dreck geschert. Das hat die einfach nicht interessiert.

Welche Auswirkungen haben diese Angriffe auf den Verein?

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Bei den Kids reichen die Reaktionen relativ weit. Sie sind irritiert und traurig. Manche verlassen den Verein. Manche zeigen deutliche Verhaltensveränderungen – sie ziehen sich zurück oder fühlen sich von mir nicht mehr geschützt. Eine junge schwarze Athletin wurde auch von den Nazis bedroht. Die hat den Verein mittlerweile verlassen. Die Eltern sind teilweise in Angst und Schrecken versetzt. Das ist ja auch verständlich. Manche melden ihre Kinder ab, weil sie nicht möchten, dass sie zum Ziel der Rechtsextremen werden.

Das ist für den Verein sicher schwierig.

Ja, natürlich. So kann der Verein nicht ordentlich wachsen. Denn bei den ganzen Drohungen kann man sich nicht gut auf das Training konzentrieren. Das frustriert irgendwann mal.

Am Dienstag posteten Sie bei Instagram, das Tracksrunner-Konto sei erneut leergeräumt worden. Wie ist das passiert?

Als genau das zum ersten Mal passiert ist, konnte ich die fehlende Summe noch durch mein Privatvermögen ausgleichen. Der Verein hatte also noch genügend Geld, um die anstehenden Jahresabschlusszahlungen zu begleichen und dann noch genug, um den Betrieb für die ersten drei Monate im Jahr 2024 am Laufen zu halten.

Und wie kam es dann dazu, dass das Konto geplündert wurde?

Von unserer Seite ist das ehrlich gesagt nicht ideal gelaufen. Wir haben eine E-Mail bekommen, von der wir dachten, sie käme vom Leichtathletikverband. Darin wurden wir aufgefordert, die Mitgliedsbeiträge zu zahlen und mussten unsere Bankdaten eingeben. Das haben wir getan – normalerweise kam die Rechnung immer per Post, aber mein Mitarbeiter und ich haben gedacht, das sei einfach ein neues System. So sind wir auf dieses Phishing hereingefallen.

Durch diesen fatalen Fehler konnten die Diebe auf unser Konto zugreifen und etwa 30.000 Euro in mehreren Abbuchungen entwenden. Die Bank erklärte uns, es sähe aus wie eine normale Abbuchung und man könne da nichts machen.

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Welche Konsequenzen hat das konkret für den Verein?

Na ja, es ist einfach kein Geld mehr da. Und das wird dahingehend zum Problem, dass wir so Schulden machen, wodurch wir bei keiner Bank mehr einen Kredit bekommen. Tracksrunner kann nur dank Spenden überleben. Aber das sind keine Großspenden, die uns mit einem Mal mehrere Monate tragen könnten. Wenn dahingehend nicht schnell etwas passiert, dann müssen wir den Verein dichtmachen. Das wäre tragisch. Wenn ich den Verein schließen muss, dann haben die Nazis gewonnen. Schlussendlich hätten sie dann die Kette der Unterstützung gesprengt.

Was muss denn jetzt konkret passieren, damit Sie den Verein retten können?

Kurz gesagt: Der Verein braucht Geld, um alle Rechnungen unmittelbar zahlen zu können. Darüber hinaus bräuchten wir infrastrukturelle Hilfe von der Stadt Bonn – also die Zusage, dass wir Sportanlagen nutzen können.

Aber damit wir den Vereinsbetrieb überhaupt weiter aufrechterhalten können, brauchen wir bis zum Ende des Jahres 17.000 Euro. Damit könnten wir uns erst mal über Wasser halten.

Verwendete Quellen
  • Telefoninterview mit Musitu Kumuini
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