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Max Mutzke im Interview: "Meine Rücklagen sind deutlich in Anspruch genommen"

INTERVIEWMax Mutzke wird 40  

"Meine Rücklagen sind deutlich in Anspruch genommen"

Von Sebastian Berning

21.05.2021, 14:38 Uhr
Max Mutzke im Interview: "Meine Rücklagen sind deutlich in Anspruch genommen". Max Mutzke: Seit 2004 ist er im Geschäft. Nun feiert er seinen 40. Geburtstag. (Quelle: Nils Müller)

Max Mutzke: Seit 2004 ist er im Geschäft. Nun feiert er seinen 40. Geburtstag. (Quelle: Nils Müller)

Stefan Raab machte ihn bekannt, beim ESC landete er 2004 auf Platz acht. Im t-online-Interview spricht Max Mutzke über die aktuellen Pandemie-Probleme, eigene Sorgen und warum er keine Angst vor dem Alter hat.

"Can't Wait Until Tonight" war sein Sprungbrett. Diesen Song sang er bei "Stefan sucht den Grand-Prix-Superstar" 2004 in einer ESC-Castingshow von Stefan Raab. Nach einigen turbulenten Jahren kann sich Max Mutzke aktuell über ein Karrierehoch freuen.

Doch was ihn nicht freut, ist das Leid der Kulturbranche, wie er im Gespräch zu seinem 40. Geburtstag am heutigen Freitag verrät. Durch die schwierige Situation, die viele Kulturschaffende aktuell erleben, fordert er sogar einen Gewerkschaftsbund wie Verdi für die Szene.

t-online: Die neue Single "Wunschlos süchtig" – Ist das ein Lockdown-Blues, Herr Mutzke?

Max Mutzke: Ich bin froh, dass ich meinem normalen Album-Zeitplan folgen konnte. Meine letzte Platte "Colours" habe ich mit unzähligen Konzerten zu Ende gespielt. Die letzten Shows hatten wir kurz vor dem Lockdown. Es tut mir für alle Kulturschaffenden unfassbar leid, die 2019 Musik produziert haben und 2020 damit raus wollten und durch den Lockdown so getroffen wurden. Ich merke das auch an mir. Die Texte, die ich geschrieben habe, sind anders als die, die ich vor zwei Jahren geschrieben hätte. Ich kenne auch Comedians, die konnten drei, vier Shows spielen vor dem Lockdown. Wenn man 2019 ein Programm für 2020 hatte – das kann man ja jetzt nicht mehr so spielen. Die müssen sich an ein neues Bühnenprogramm setzen.

Also hatten Sie alles in allem etwas Glück?

Ja. Ich habe "Wunschlos süchtig" auch in einem Moment geschrieben, wo ich mir gedacht hatte: "Mensch, geht’s mir eigentlich gut". Ich muss dankbar sein für solche Momente. Gerade jetzt, wo so viele Menschen, wie Sie sagten, einen Blues schieben, weil sie gelähmt sind und nicht arbeiten können. Ich habe Kinder, die sind jünger als meine Karriere. Ich konnte durch das Lockdown-Jahr echt viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Das war mir gar nicht so bewusst, wie sehr mir das eigentlich gefehlt hat. Ich lebe im Schwarzwald in einer Umgebung, wo ich aufwuchs und die ich nie verlassen habe. Dadurch habe ich hier ein festes und starkes soziales Umfeld. Mein Fernweh konnte ich mit einer Reise durch Deutschland stillen, weil ich in verschiedenen Studios neue Musik aufgenommen habe.

Den Lockdown haben Sie als Perspektive für die Zukunft genutzt?

Genau. Ich schreibe an einem Kinderbuch, die ARD-Produktion "Lebenslieder" soll weitergehen und ich stehe in Austausch für neue TV-Konzepte. Das ging alles, weil ich mehr Zeit hatte an diesen Sachen zu arbeiten. Aber mir ist auch einiges weggebrochen. Ich musste weit über 100 Konzerte absagen. Den wirtschaftlichen Schaden kann man sich gar nicht vorstellen. Nicht nur mein eigener.

Sie meinen die Crew, Busfahrer, Musiker, Caterer und alle, die sonst an Konzerten beteiligt sind?

Genau, alle die! Ich höre von einigen, dass sie mittlerweile Harz IV beziehen – selbst, wenn es da Hilfe vom Staat gab. Andere sagen aber auch, dass sie vielleicht gar nicht mehr in diese Branche zurückwollen und keine Lust auf die vielen Touren haben. Das schlimmste daran ist dieses Lahmlegen der Branche. Das hätte man doch nie erwartet und grenzt mittlerweile an eine Unverschämtheit. Es gibt keine Bewegung in der Kultur. Die Gastronomie kann langsam aufmachen, man kann mit Corona-Tests wieder einkaufen, die Schulen öffnen – nur bei Konzerten und Kultur passiert nichts. Die Kulturbranche kriegt nicht mal Unterstützung, wie Großkonzerne, die Milliardenhilfen vom Staat bekommen. Das ist ekelhaft.

Ich habe mit vielen Musikern gesprochen, die sagten, dass die versprochenen Hilfen vom Staat entweder gar nicht ankamen oder es ein unheimlicher bürokratischer Aufwand war, diese zu beantragen. Haben Sie diese Erfahrungen auch gemacht?

Ich habe sogar eine kleine Hilfszahlung bekommen. Aber in den meisten Fällen lassen sich die Unterstützungen auf mich gar nicht anwenden und am Ende könnte es dann passieren, dass man nur was zurückzahlen muss wenn etwas nicht anerkannt wird. Andere haben es sicher nötiger als ich. Da kommt man sich als Musiker schon fast als Räuber vor, wenn man so was in Anspruch nehmen will. Das zeigt, dass KünstlerInnen besonders eines sind: ÜberlebenskünstlerInnen. Wir bräuchten eine Cockpit oder Verdi für die Kultur, die sich nur für die Rechte und Hilfen der Kulturbranche einsetzt.

Hatten Sie auch Momente, wo Sie dachten, dass Sie vielleicht auf einen Plan B ausweichen und der Musik samt Tourleben den Rücken zukehren?

Nein, nie! Ich bin dankbar, dass ich in den letzten Jahren viel live spielen konnte und so ein finanzielles Polster aufgebaut habe, das mich über die Pandemie getragen hat. Aber um das deutlich zu sagen: Die Rücklagen sind auch bei mir schon deutlich in Anspruch genommen. Ich hätte nicht gedacht, dass dies so schnell so deutlich festzustellen ist. Aber man hatte 2020 halt einfach kein neues Einkommen, aber gleichzeitig gibt es Verpflichtungen, wie die laufenden Kosten. Die laufen weiter, ob ich auftreten kann oder nicht. Ich hoffe, dass durch verschiedene Projekte dieses Geld wieder reinzuholen ist.

Bereitet Ihnen das zum 40. auch Zukunftsängste, wenn das Geld nach einem Jahr schon so fehlt?

Ja, das ist eine Berufsangst. Das trage ich immer mit mir rum, dass man sich vielleicht mit der Kunst nicht mehr selbst erhalten kann. Das geht in dieser Branche vielen so. Natürlich stehe ich lange in der Öffentlichkeit und mache das schon recht lange. Dass Veranstalter meine Gagen zahlen, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Sie sagten vorhin, dass Sie das letzte Jahr viel mit der Familie verbracht haben. Sie sind seit der Raab-Sendung 2004 im Geschäft. Waren Sie jemals so lange daheim?

Nein, das war irgendwo ein Glück. Meine Kinder kennen mich eigentlich nur auf Tour. Teilweise waren das 200 Konzerte im Jahr. Wenn ich Samstagabend irgendwo gespielt habe, bin ich nachts noch nach Hause gefahren, um am Sonntagmorgen mit meinen Kindern aufzuwachen, zu frühstücken und was zu unternehmen. Sollte es mit Konzerten mal wieder richtig losgehen, dann bin ich mir nicht sicher, ob ich es noch genauso krass machen würde wie zuvor oder nicht auch etwas mehr Zeit für die Familie einplanen würde.

Ist das Ihr Learning aus der Pandemie?

Ja. Ich hoffe aber, dass wir alle viel aus dieser Zeit mitnehmen. Vielleicht wird es ja bald ganz normal, dass man mit einer Maske in die öffentlichen Verkehrsmittel steigt, um sich und andere zu schützen. Oder man bleibt daheim, wenn man sich krank fühlt. Es geht da nicht nur um Corona, sondern auch um andere Krankheiten. Wir sollten achtsam sein für die Fragilität unserer Gesellschaft – sei es politisch, ökonomisch oder sozial. Ich finde, dass man gerade jetzt spürt, wie fragil alles ist.

Schätzen wir unseren Lebensstandard in diesen Zeiten zu selten?

Vielen geht es wirklich gut. Klar, man hat Probleme, die für das eigene Leben sicherlich groß sind, aber als Gesamtgesellschaft geht es uns gut. In anderen Ländern hat man Angst, um das eigene Leben und das der Kinder oder es gibt Hungersnöte und Umweltkatastrophen. Auch hier gibt es Probleme, die ich nicht verstehe: Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie man eine Maske verweigern kann. Es ist offensichtlich, dass die einen schützt. Man kann natürlich auch Bedenken gegenüber der Impfung haben, aber da kann man sich doch richtig informieren und sollte nicht auf irgendwelchen komischen Internetseiten unterwegs sein.

Sind Sie denn schon geimpft?

Ja, ich hatte die Gelegenheit schon eine Impfung zu erhalten und habe das auch sofort wahrgenommen. Ich weiß, dass das ein Privileg ist. Aber ich mache die positive Beobachtung, dass in meinem Umfeld mittlerweile mehr Leute schon eine Spritze bekommen als nicht. Das gibt mir den großen Optimismus, dass es bergauf geht und wir im Herbst sogar wieder eine Tour spielen können.

Und gerade in diesen turbulenten Zeiten hat sich bei Ihnen die große Vier genähert. Haben Sie "Angst" vor der 40 oder nehmen Sie das Älterwerden gelassen?

Ich freue mich total auf meinen 40. Geburtstag. Den Freitag verbringe ich im beruflichen Umfeld, aber Samstag steht dann die Familie im Vordergrund. Ich habe keine Angst vor der 40. Ich fühle mich fit, bin gesund und glücklich. Das kommt mir eher vor wie 25 werden. Aber ich habe das Gefühl, dass ich 25 Jahre mit 15 Jahren Erfahrung werde.

Läuft es bei Ihnen heute besser als mit 25?

Es ist jetzt vieles besser. Ich habe eine Achtsamkeit, die ich mit 25 nicht hatte. In meinem Alter kann ich noch immer sagen, dass ich jeden Moment genießen kann. Ich freue mich jeden Tag über mein Leben, meine Familie, meine Freunde. Ich freue mich auf jeden neuen Tag. Aber ich habe jetzt natürlich mehr Erfahrung als mit 25. Damals stand ich gut zwei Jahre in der Öffentlichkeit und hatte ganz große existenzielle Sorgen.

Das war zwei Jahre nach "Can’t Wait Until Tonight". Warum hatten Sie da solche Sorgen?

Ich wusste nicht, wie es bei mir weitergehen sollte. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute mich nicht mehr sehen und hören wollen nach diesem großen Trubel durch den ESC in Istanbul. Ich musste wie ein Newcomer von unten anfangen und mich über viele Jahre etablieren. Jetzt habe ich eine gewisse Ruhe.

Sie sagen, Sie sind glücklich. Sie haben viele Projekte aktuell und seit "The Masked Singer" sind Sie wieder deutlich präsenter. Hat bei Ihnen trotz dieses Comebacks schon einmal die Midlife Crisis an die Tür geklopft?

Tatsächlich nicht. Aktuell läuft die Karriere besser als seit Jahren. Ich weiß das sehr zu schätzen, weil das nicht selbstverständlich ist. Das kann auch ganz schnell wieder vorbei sein. Nicht nur beruflich. Ein Zwicken im Körper, man geht zum Arzt und der sagt einem "Tut mir leid, Herr Mutzke, Sie sind krank". Das Leben ist fragil. Daher will ich die Zeit einfach genießen.

Verwendete Quellen:
  • Eigenes Gespräch mit Max Mutzke
  • Instagram-Profil von Max Mutzke

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