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Folter unter al-Sisi in Ägypten: "Wusste nicht, ob gerade Morgen oder Abend ist"


Folteropfer unter al-Sisi packt über Inhaftierung aus

Von Maria Bode

Aktualisiert am 06.02.2020Lesedauer: 4 Min.
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Demonstranten während der ägyptischen Revolution 2011 (Archivbild): Viele Teilnehmer der Proteste werden heute vom Regime des Landes verfolgt.
Demonstranten während der ägyptischen Revolution 2011 (Archivbild): Viele Teilnehmer der Proteste werden heute vom Regime des Landes verfolgt. (Quelle: Yannis Behrakis/Reuters-bilder)
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Ägyptens Mach

Mittlerweile haben die Veranstalter des Semperopernballs die Auszeichnung von Abdel Fattah al-Sisi widerrufen. Der St.-Georgs-Orden wird dem ägyptischen Präsidenten wieder aberkannt. Dies wurde am Dienstagabend verkündet. Nach neun Tagen, in denen zwei Moderatorinnen und immer mehr Gäste ihre Teilnahme am Event abgesagt haben, in denen Kritik von Politikern und Musikern laut wurde. Für Kareem Taha, der vor al-Sisis Regime geflohen ist, ist es nur "blamabel", dass der Machthaber überhaupt geehrt wurde – als "Hoffnungsträger und Mutmacher eines ganzen Kontinents", als "Brückenbauer und Friedenstifter".

"Das ist beschämend, einfach beschämend. Ich war schockiert als ich gelesen habe, dass die Semperoper in Dresden al-Sisi ehren will. Das ist wirklich blamabel. Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte", wundert sich Kareem Taha im Telefongespräch mit t-online.de. Seit der Machtübernahme von al-Sisi 2013 wurden Zehntausende Journalisten und friedlich Demonstrierende verhaftet, so schätzen es Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International ein. Darunter auch Taha, der hier seine Geschichte erzählt. "Es gibt keinen Grund, al-Sisi zu ehren oder seine Erfolge zu feiern. Seit 2014 hat sich nichts geändert. Die Menschen leiden unter der Wirtschaft, es gibt keine technologischen Fortschritte. Er hat einen sehr schlechten Job gemacht."

Ihm werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen: Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi.
Ihm werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen: Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi. (Quelle: Charles Platiau/Reuters-bilder)

Kareem Taha, der Mitglied der Aktivistengruppe "April 6 Youth Movement" war, saß insgesamt viermal im Gefängnis. In unserem Gespräch berichtet er von den Inhaftierungen unter al-Sisi, der durch einen Militärputsch an die Macht kam und seither hart gegen Kritiker und Oppositionelle vorgeht. Die Regierung streitet Folter und Gewalt ab. Berichte, wie der von Kareem Taha sprechen eine andere Sprache.

Am 25. Januar 2014, dem dritten Jahrestag der ägyptischen Revolution, nahm Kareem Taha gemeinsam mit der Gruppierung "April 6 Youth Movement", die 2011 für einen Friedensnobelpreis nominiert war, an einer Demonstration gegen Militärputsch und Gleichschaltung in Kairo teil. Mit Tausenden Demonstrierenden, mit Schildern und Forderungen lief er durch die Straßen der Stadt. Zur Festnahme kam es auf dem Heimweg vom Protest an einem Kontrollpunkt. "Sie haben mich festgenommen und mir alles weggenommen – mein Handy, mein Geld, meine Uhr, meine Sonnenbrille", erzählt Taha, der schließlich 24 Stunden auf einer Polizeistation festgehalten wurde. "Ich habe dort nichts zum Essen oder Trinken bekommen. Ich habe Diabetes, weshalb ich häufig zur Toilette muss, aber nicht durfte."

Für Taha folgten zwei Monate in einer Art illegalem Sicherheitslager. Als er dort ankam, haben die Wärter eine "Willkommensparty" gefeiert, begannen, ihn zu foltern. Er wurde in eine Einzelzelle gesteckt – nackt, mit neun weiteren Häftlingen. Schließlich seien er und weitere Inhaftierte ins Wadi-al-Natrun-Gefängnis gebracht worden. "Wir waren dort für elf Tage. Wir haben dort gammliges, schlechtes Essen bekommen. Sie haben uns mit Elektroschocks gefoltert. Wir haben beschlossen, in den Hungerstreik zu gehen, weil das Essen schlecht war, wir schlimm behandelt wurden – und wir sonst einfach nichts machen konnten." Sie hätten Gespräche geführt, einige Tage sei dann alles etwas besser gewesen. Danach ging es weiter wie zuvor – schlimmer sogar.

"Ich wusste nicht, welche Tageszeit gerade ist"

"Dann wurde ich für weitere elf Tage in Isolationshaft gesteckt. Die Zeit ist nicht rumgegangen. Es gab dort keine Toiletten, nur Plastikeimer. Es hat widerlich gestunken, überall waren Kakerlaken. Ich habe jeden Tag nur ein Stück Brot zum Essen bekommen. Ich wusste nicht, ob gerade Morgen, Mittag oder Abend ist. Weil es komplett dunkel war. Ich konnte nicht mal die Kakerlake sehen, die über mein Gesicht gelaufen ist." Die Zelle sei nur etwas über einen Quadratmeter groß gewesen, wie Taha auch schon in einem Gespräch mit Amnesty International erklärte. Zum Stück Brot gab es nur eine kleine Flasche Wasser.

Kareem Taha: Er demonstrierte einst in Ägypten gegen die Regierung, wurde inhaftiert. Nach seiner Flucht lebt er heute in Tschechien. Doch das im Gefängnis Erlebte verfolgt ihn noch immer.
Kareem Taha: Er demonstrierte einst in Ägypten gegen die Regierung, wurde inhaftiert. Nach seiner Flucht lebt er heute in Tschechien. Doch das im Gefängnis Erlebte verfolgt ihn noch immer. (Quelle: imago images / CTK Photo)
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Zurück in der vorherigen Zelle sei die Behandlung immer schlimmer geworden. Taha vergleicht den Umgang der Wärter mit den Häftlingen mit den Bedingungen in Konzentrationslagern. Er wurde geschlagen, ausgepeitscht. Besucher durfte er nicht sehen. "Ich mache echt keine Scherze. Sie haben uns dann komplett nackt zu einem anderen Gefängnis gefahren, in dem auch Mörder einsaßen. Das war eines meiner schlimmsten Erlebnisse. Sie haben mich wieder für sieben Tage in eine isolierte Zelle gesteckt. Die Zeit stand dort einfach vollkommen still." Auch das Wort Gehirnwäsche fällt immer wieder. Nach sieben Monaten wurde Kareem Taha freigelassen, weil ein Gericht entschied, dass er unschuldig sei. "Nach sieben Monaten. Für das, was ich durchmachen musste, gab es keinerlei Entschädigung", erklärt er.

"2015 war ich auf der Beerdigung eines Freundes, der von der ägyptischen Armee getötet wurde." An diesem Tag sei er noch einmal festgenommen worden, war wieder vier Monate lang inhaftiert. Heute lebt Taha in Tschechien, zurück in sein altes Leben konnte er nicht mehr. "Aber die Dinge, die ich dort erlebt habe, werde ich so schnell nicht los", sagt er. "Ich habe meine Familie, meine Freunde, mein Leben – einfach alles – in Ägypten zurückgelassen. Ich war komplett allein."

"Ich habe weiterhin große Probleme"

Der heute 33-jährige Taha ist jetzt zwar frei, frei von den Gedanken an Folter und Gewalt im ägyptischen Gefängnis ist er aber nicht, wird er vielleicht nie sein. "Ich mache immer noch eine Therapie, ich habe immer noch Depressionen und ein Trauma. Ich habe weiterhin große Probleme. Mein Kurzzeitgedächtnis ist schlecht geworden aufgrund des Traumas und der Elektroschocks." Darunter hätten beispielsweise seine Englischkenntnisse gelitten.

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Verwendete Quellen
  • Telefongespräch mit Kareem Taha
  • Eigene Recherche
  • Amnesty International: Crushing Humanity: The Abuse of Solitary Confinement in Egypt's Prisons (engl.)
  • Nachrichtenagentur dpa
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