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Interview
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"Bei mir war immer der Druck da, gut zu sein"

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 15.06.2020Lesedauer: 11 Min.
Linda Zervakis: Die Nachrichtensprecherin in der Unterhaltungsshow "Verstehen Sie Spa├č?" im April 2018.
Linda Zervakis: Die Nachrichtensprecherin in der Unterhaltungsshow "Verstehen Sie Spa├č?" im April 2018. (Quelle: imago-images-bilder)
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Linda Zervakis pr├Ąsentiert seit ├╝ber sieben Jahren die 20-Uhr-Nachrichten der "Tagesschau". Im Interview berichtet sie, wieso diese gro├če ├ľffentlichkeit Fluch und Segen sein kann.

"Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich begr├╝├če Sie zur 'Tagesschau'." Linda Zervakis hat diesen Satz schon unz├Ąhlige Male gesprochen. Seit mehr als sieben Jahren ist sie "Tagesschau"-Sprecherin der 20-Uhr-Nachrichten. In der aktuellen Corona-Krise schauen zu Spitzenzeiten mehr als 17 Millionen Menschen dabei zu, wie die 45-J├Ąhrige durch die Sendung f├╝hrt ÔÇô ein Privileg, aber auch eine gro├če B├╝rde.


Erinnern Sie sich noch an diese "Tagesschau"-Sprecher?

1959 bis 1987: Karl-Heinz K├Âpcke
1966 bis 1994: Werner Veigel
+9

Doch egal, wie souver├Ąn, wie seri├Âs und zuverl├Ąssig Zervakis ihre Aufgabe erf├╝llt: F├╝r viele Menschen ist und bleibt sie "die erste 'Tagesschau'-Sprecherin mit Migrationshintergrund". Es ist der zweite Satz im Wikipedia-Artikel ├╝ber sie, ein Stempel, der ihr mit Antritt ihres Jobs im Jahr 2013 versehen wurde. Und den sie seitdem nicht mehr loswird.

F├╝r die in Hamburg geborene Moderatorin ist das mehr als "├Ąrgerlich" und ein Grund, warum sie in einem neuen Podcast f├╝r Spotify mit dem Titel "Gute Deutsche" ├╝ber Migrationserfahrungen in Deutschland spricht. Im Interview mit t-online.de berichtet Linda Zervakis, wie sie ihr Talent f├╝rs Sprechen bereits in Schulzeiten entdeckte, warum ihr der Rechtsruck in Deutschland "Angst und Sorge" bereitet und welche Erfahrungen aus Griechenland sie nachhaltig gepr├Ągt haben.

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t-online.de: Frau Zervakis, in einer globalisierten Welt f├Ąllt es immer schwerer, den Begriff "Heimat" zu definieren. Die Welt ├Âffnet sich in alle Richtungen, Grenzen verschwimmen zunehmend. Warum wirkt der Begriff heutzutage so seltsam fehl am Platz?

Linda Zervakis: Auf jeden Fall prasseln t├Ąglich viel mehr Eindr├╝cke auf uns ein, und die muss man irgendwie verarbeiten. In Deutschland, soweit ich das mitbekomme, funktioniert der Umgang mit dem Begriff "Heimat" an vielen Stellen schon sehr gut. Aber Menschen neigen vielleicht aus ├ťberforderung dazu, Dinge zu sortieren und in gewisse Schubladen zu stecken. Der Mensch sehnt sich nach Ordnung ÔÇô auch im Kopf. Das kann mit Blick auf "Heimat" problematisch sein.

Wie meinen Sie das? Weil Menschen dazu neigen, "Heimat" immer innerhalb von L├Ąndergrenzen zu definieren?

Sehen Sie, ich habe da ein einfaches Beispiel. Als ich damals zur "Tagesschau" gewechselt bin, lauteten die Schlagzeilen nicht "Linda Zervakis wird 'Tagesschau'-Sprecherin", sondern "Das ist die erste 'Tagesschau'-Sprecherin mit Migrationshintergrund". Da habe ich mich im ersten Moment gefragt: Wer wird das wohl sein? Aber ja, klar. Ich habe einen Migrationshintergrund. Nur: F├╝r mich spielte der nie eine Rolle. Meine griechische Identit├Ąt war kein Thema. Die Medien fanden es hingegen wichtig und verpassten mir diesen Stempel. Das war der Moment, wo mein Migrationshintergrund ÔÇô ein Wort, das ich furchtbar finde ÔÇô pl├Âtzlich eine Bedeutung bekam. Die Bedeutung, dass ich nun f├╝r bestimmte Menschen in einer Schublade verordnet werden konnte.

Sie treten tagt├Ąglich als seri├Âse Nachrichtensprecherin auf. F├╝r einen Gro├čteil der Bev├Âlkerung verk├Ârpern Sie, wie Journalismus in Deutschland funktioniert. Und trotzdem ist es bei Ihrem Wikipedia-Artikel immer noch so, dass der Satz "Sie ist die erste 'Tagesschau'-Sprecherin mit Migrationshintergrund" an vorderster Stelle rangiert. Sind Sie die Etikette eigentlich bis heute losgeworden oder haftet die Ihnen nun bis in alle Ewigkeit an?

Dieses Ph├Ąnomen ist ├Ąrgerlich und es kommt nur langsam ein Umdenken in Gang. Am Ende muss ich meinen Job machen, am besten so gut wie m├Âglich. Egal, ob ich einen Migrationshintergrund habe oder nicht. Meine Leistung sollte im Vordergrund stehen. Wenn ich mit Journalisten spreche und erz├Ąhle, dass mir dieses Etikett nicht gef├Ąllt, merken sie oft selber, wie doof das ist. Denn im Umkehrschluss k├Ânnte ich mich ja fragen: Bin ich eigentlich nur "Tagesschau"-Sprecherin geworden, weil ich einen Migrationshintergrund habe? Ist das der Grund? Das w├Ąre ja tragisch.

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Die Leistung sollte im Vordergrund stehen. Gibt es denn Dinge, die Sie besonders gut machen in Ihrer Rolle als Nachrichtensprecherin?

Es wird immer sehr lustig, wenn mich ├Ąltere Menschen auf der Stra├če ansprechen. Die sagen dann so Dinge wie: "Sie kenne ich doch aus der 'Tagesschau'." Oder: "Wenn Sie Nachrichten sprechen, verstehe ich jedes einzelne Wort. Sie sprechen so sch├Ân deutlich!" (lacht)

Ein ausgesprochen freundliches Lob f├╝r Ihre Leistung.

Ja, klar. Aber es ist doch absurd, dass zugleich immer wieder mein Migrationshintergrund eine Rolle spielt. Wobei die Berichterstattung sich auch dahingehend gewandelt hat in den letzten Jahren. Als Susanne Daubner in den Neunzigern zur "Tagesschau" kam, hie├č es noch: "die erste br├╝nette Sprecherin". Vielleicht habe ich sogar Gl├╝ck gehabt! (lacht)

Zur├╝ck zu Ihrer Leistung: Haben Sie manchmal das Gef├╝hl, noch mehr ackern zu m├╝ssen als Ihre Kolleginnen und Kollegen?

Nein, eigentlich nicht. Dieses ganze Thema wurde von au├čen an mich herangetragen. Mein Chefredakteur hat immer seine Hand f├╝r mich ins Feuer gelegt. Der wusste, was er tut. Der hat mich nicht aufgrund meines Migrationshintergrunds ausgew├Ąhlt, sondern aufgrund meiner Arbeit. Aufgrund der Art, wie ich Nachrichten pr├Ąsentiere.

Sind Sie in der Schule auch schon dadurch aufgefallen, dass Sie besonders gut vorlesen k├Ânnen?

Lustigerweise ja. In der Schule musste man ja oft vorlesen und wurde daf├╝r benotet, wie gut man gelesen hat. Damit hatte ich nie Probleme. Ich habe mich innerlich immer ge├Ąrgert, wenn andere vorgelesen haben, aber kein Gef├╝hl daf├╝r hatten, wann eine Pause gesetzt werden muss oder welche Stellen besonders betont werden sollten. Das hat mich in Rage versetzt! Emotionsloses Vorlesen, das war mir tats├Ąchlich schon immer ein Graus. Offensichtlich hatte ich schon immer ein Gesp├╝r daf├╝r und andere eben nicht so.

Linda Zervakis: Seit 2013 ist sie Sprecherin der 20-Uhr-Nachrichten der "Tagesschau".
Linda Zervakis: Seit 2013 ist sie Sprecherin der 20-Uhr-Nachrichten der "Tagesschau". (Quelle: NDR/Thorsten Jander)

Also war das der erste Fingerzeig f├╝r Ihre Karriere?

Das kann sein. Ich hatte ein gutes Gef├╝hl daf├╝r, wie man Texte ansprechend pr├Ąsentieren muss. Ohne zu wissen, dass der Job einer Nachrichtensprecherin f├╝r mich irgendwann mal tats├Ąchlich infrage kommen w├╝rde. Das war nie mein Ziel, in der dritten oder vierten Klasse jedenfalls nicht. Das ist erst viel sp├Ąter gekommen.

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Und Ihre Herkunft, Ihre griechischen Eltern spielten in der Schule nie eine Rolle?

Nein, ├╝berhaupt nicht. Deswegen war ich 2013 so ├╝berrascht, als dieses Thema eine so gro├če Rolle spielte. Dieser Stempel haftet mir erst an, seitdem ich um 20 Uhr im Ersten Nachrichten pr├Ąsentiere. In der Schule hatte ich ganz andere Probleme. Ich war ein Arbeiterkind und meine Eltern konnten sich gewisse Dinge nicht leisten ÔÇô das war quasi eher meine Ausgrenzung.

Sie wurden wegen der fehlenden finanziellen Mittel ausgegrenzt?

Manchmal auch ganz unbewusst. Wenn meine Freunde in den Herbstferien in den Urlaub auf die Kanaren geflogen sind, konnte ich nicht mitkommen, weil ich es mir nicht leisten konnte. Das war die Ausgrenzung, die ich als Kind erlebt habe ÔÇô mit meiner Herkunft hatte das nicht das Geringste zu tun. Aufgrund der griechischen Herkunft meiner Eltern habe ich pers├Ânlich nie Probleme gehabt.

Spielte das mal sp├Ąter im Zuge der Diskussion ├╝ber die griechische Schuldenkrise im Jahr 2010 und dar├╝ber hinaus eine Rolle f├╝r Sie? Wie nimmt man g├Ąngige Betrachtungsweisen aus Deutschland auf das Land seiner Eltern wahr?

Diese ganze Berichterstattung hat mich traurig gemacht. Als ich das alles gelesen habe, dachte ich, wir fallen zur├╝ck ins Mittelalter. Da wurde sehr viel auf plumpe Art und Weise stigmatisiert. Stichwort: der faule Grieche. Das war einfach nur maximal unangenehm.

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Nun starten Sie einen neuen Podcast mit dem Titel "Gute Deutsche". Gibt es denn gute und dann eben auch schlechte Deutsche?

Gute Frage (lacht). In erster Linie will ich mit diesem Podcast gerne zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund auch gute Deutsche sein k├Ânnen.

Aber was ist denn ein guter Deutscher?

F├╝r mich pers├Ânlich ist jemand ein guter Deutscher, mit dem ich gerne Zeit verbringen m├Âchte und der die Ansichten, mit denen ich gro├č geworden bin, teilt. F├╝r mich hei├čt das: sich engagieren und gegen menschenverachtende Ansichten wehren.

Wie sind Sie denn gro├č geworden? Was hat Ihr Elternhaus Ihnen eingepr├Ągt?

Dass man Menschen nicht wegen ihres ├äu├čeren unterscheidet. Dass man nicht mit dem Finger auf jemanden zeigt, nur weil er anders aussieht. Dass es nicht darauf ankommt, ob jemand T├╝rke, Italiener, Syrer ist. Dass es keine Rolle spielt, woher jemand kommt, sondern darauf, was f├╝r ein Mensch er ist. So bin ich gro├č geworden. Das erwarte ich eigentlich auch von meinem Gegen├╝ber. Ich werde Menschen immer nur danach beurteilen, wie sie sich verhalten und was sie leisten. Wenn andere das auch so handhaben, sind sie mir sympathisch. Und wenn ich die um mich herum habe, f├╝hle ich mich wohl. Und nat├╝rlich kann man auch streiten und in der Sache unterschiedlicher Meinung sein, aber es muss sachlich und konstruktiv sein. Das ist mir wichtig.

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Kulturell gepr├Ągte Umgangsformen und Werte sind nicht ungew├Âhnlich. Welche Werte haben Sie Ihren griechischen Wurzeln zu verdanken, die Sie vielleicht in Deutschland so nicht mitbekommen h├Ątten?

Gepr├Ągt wurde ich auf jeden Fall dadurch, dass man wenig Alkohol zu Hause trinkt. Das ist wirklich wahr. Mir ist das neulich im Urlaub wieder aufgefallen, wie wenig Alkohol die Griechen trinken. Ich war zum Beispiel auf einer griechischen Hochzeit, da stand eine Flasche Wein auf dem Tisch, und die haben sich sechs Menschen geteilt. Und am Ende des Abends war da immer noch ein Viertel drin. Au├čerdem ist da ein gewisser Flei├č. Meine Eltern sind wahnsinnig flei├čig und sehr ordentliche Menschen. Sie haben immer sehr gro├čen Wert auf Sauberkeit gelegt und damit bin ich gro├č geworden.

Das sind jetzt grunds├Ątzlich auch Dinge, mit denen Deutsche gerne in Verbindung gebracht werden, zumindest was Ordnung und Sauberkeit anbelangt.

Das stimmt, nur sind Griechen wahrscheinlich deutlich entspannter dabei als Deutsche (lacht). Eine gewisse Entspanntheit liegt den Griechen im Blut. Wenn ich l├Ąnger in Griechenland war, dann merke ich einfach, dass die Menschen dort durch ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit irgendwie entspannter sind. W├Ąhrend der Schuldenkrise Griechenlands war ich zum Beispiel mit meiner Familie auf Kreta. Zum Abschied hat mir unsere Gastgeberin noch einen Korb mit einer Flasche Wein geschenkt und ich wollte das erst nicht annehmen, aber das war nat├╝rlich eine Beleidigung. Diese Entspanntheit ist das, was ich hier ├Âfter gebrauchen k├Ânnte.

Linda Zervakis: Hier ist die "Tagesschau"-Sprecherin bei der Aufzeichnung der "NDR Talk Show" im November 2019 zu sehen.
Linda Zervakis: Hier ist die "Tagesschau"-Sprecherin bei der Aufzeichnung der "NDR Talk Show" im November 2019 zu sehen. (Quelle: Future Image/imago-images-bilder)

Verbinden Sie mit dieser Entspanntheit auch eine bestimmte Phase in Ihrem Lebenslauf oder eine Kindheitserinnerung, die f├╝r Sie r├╝ckblickend total pr├Ągend war?

Obwohl ich auch schon Existenzangst hatte, war ich mit Umbr├╝chen immer relativ entspannt. Aber mein Umfeld ├╝berhaupt nicht. Ich wusste zum Beispiel, dass ich nicht mehr als Werbetexterin arbeiten wollte, aber wie es danach weitergeht, wusste ich nicht. Es hat meine Freunde und meine Bekannten schier verr├╝ckt gemacht, dass ich einfach ein unbezahltes Praktikum angetreten habe, obwohl ich vorher in der Werbung als damals 19-J├Ąhrige mit 2.500 Mark sehr gut verdient habe. Aber ich wollte mich weiterentwickeln und eher die journalistische Arbeit in den Blick nehmen. Also habe ich mich beworben und das Praktikum bekommen. Ich wusste auch nicht, wie es nach diesen drei Monaten weitergeht, aber ich war entspannt. Dann kam das Angebot f├╝r ein Volontariat und, und, und. Es war mein Weg zum Erfolg. Da merkte ich, dass mein Umfeld vollkommen unn├Âtig unruhig wurde und diese Negativspirale prophezeit hatte.

Das ist vermutlich wirklich etwas sehr Pr├Ągendes, vor allen Dingen, wenn man das mit so einem positiven Befund verbindet wie Sie.

Ja, irgendwie hat mir die Entspanntheit total weitergeholfen, weil ich jetzt da bin, wo ich hinwollte.

Ist das insofern auch etwas, was Sie Ihren Kindern mitgeben, wenn die in der Schule mal nicht weiterkommen? Nach dem Motto "Setzt euch nicht zu sehr unter Stress"?

Absolut. Bei mir war immer der Druck da, gut zu sein. Dieser Druck ging von meinem Elternhaus aus. Mein Vater und meine Mutter haben immer betont, dass ich mich besonders anstrengen m├╝sse, und das habe ich auch. Aber es hat mich wahnsinnig gestresst. Ich war immer angespannt. Das m├Âchte ich meinen Kindern nicht antun.

Andererseits hat der Druck daf├╝r gesorgt, dass Sie so erfolgreich wurden. Wurden Sie denn dadurch weniger gl├╝cklich, weil es Sie zu sehr unter Stress gesetzt hat? Oder w├╝rden Sie sagen, es hat schon sehr geholfen?

Im Nachhinein hat das sehr geholfen. Aber in der Schulzeit hat es einfach nur genervt. Und es hat auch nicht immer dazu gef├╝hrt, dass ich wirklich gute Noten geschrieben habe. Im Gegenteil: Der Druck kann auch erfolgshemmend sein. Ich bin jemand, der auf sein Bauchgef├╝hl h├Ârt. Und wenn mein Bauch nicht richtig mitmacht, dann lasse ich die Finger davon. Wenn ich also das Gef├╝hl hatte, ich muss mich besonders anstrengen, dann machte ich das von allein. Daf├╝r brauchte ich keinen Druck von au├čen. Diesen Weg versuche ich auch meinen Kindern aufzuzeigen.

In der Corona-Zeit hatten Sie daf├╝r jede Menge Gelegenheiten. Durch das Homeschooling konnten Sie stark auf Ihre Kinder einwirken.

Oh ja, eine herausfordernde Zeit. Aber auch das haben wir irgendwie entspannt gehandhabt. Wenn es zwischendurch sonniges Wetter gab, dann habe ich die Aufgaben auf den n├Ąchsten Tag verschoben.

Aber nicht alles war entspannt. Sie haben Ihre Follower auf Instagram mit Einblicken in den Corona-Alltag erfreut, der auch mal sehr anstrengend war. Da schrieben Sie zum Beispiel: "Ich will ehrlich zu euch sein. Ich habe euch etwas vorgemacht. Die Wahrheit der Quarant├Ąne sieht so aus. Der Tag beginnt um 6.30 Uhr, weil die Kids wach sind."

Klar, das nimmt mich auf jeden Fall mit. Jeder, der Kinder hat, wei├č ganz genau, wie sich das anf├╝hlt, wie anstrengend das alles ist.

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Warum haben Sie das Quarant├Ąne-Tagebuch nicht weitergef├╝hrt?

"'Tagesschau'-Sprecherin mit Quarant├Ąne-Burnout" ÔÇô als ich das ├╝ber mich in Zeitungen gelesen habe, dachte ich: "Nee, jetzt reicht es." Das hat mich dann einfach genervt. Da wurde die Situation ├╝berdramatisiert und falsch dargestellt, vor allem durch die ├ťberschrift. Im Text wurde es richtig dargestellt. Aber diese ├ťberschrift hat mir gezeigt, dass mit den Einblicken jetzt Schluss ist.

Also geht es Ihnen gut in der Corona-Krise?

Wir haben uns mittlerweile eingespielt, und nat├╝rlich w├╝rde ich gerne mehr Freunde sehen und auch mal wieder Feste feiern. Aber ganz ehrlich: Ich kann darauf gut verzichten. Es ist f├╝r mich eher eine positive Zeit, weil ich es genie├če, keine Veranstaltungen besuchen zu m├╝ssen, keine Verabredungen zu treffen und keine Termine zu haben. Ich bin zur Ruhe gekommen und der Familie tut das auch gut. Das ist eigentlich eine sehr sch├Âne Zeit, aber das liegt nat├╝rlich auch daran, dass ich weiterhin zur Arbeit gehen konnte.

Ihr Mann arbeitet auch beim NDR, vermutlich werden Sie sich sehr gleichberechtigt die Zeit zu Hause eingeteilt haben. Kennen Sie das so auch aus Ihrer Kindheit?

Ich bin total modern erzogen worden, weil meine Eltern beide arbeiten mussten. Also hat auch jeder den Haushalt geschmissen, sich um die Kinder gek├╝mmert, wenn der andere arbeiten musste. Zu Hause ist es immer sehr fortschrittlich gewesen. So ist es bei uns heute auch, mal springt mein Mann ein, mal ich ÔÇô da gibt es keine klassischen Rollenmuster.

Sie haben f├╝r Ihren neuen Podcast mit Pers├Ânlichkeiten wie "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo gesprochen. Welche Erkenntnisse konnten Sie aus Ihren Gespr├Ąchen gewinnen?

Dass der Begriff "Heimat" kein Ort sein muss. Ich wurde jahrelang gefragt, was Heimat ist. Dann habe ich meistens Hamburg gesagt. Mir wurde der Blick ge├Âffnet, dass das kein Ort sein muss, sondern eher ein Gef├╝hl. Das kann ausgel├Âst werden durch alles M├Âgliche, durch Freunde, Verwandte oder Familie.

Sie sprechen im Podcast auch ├╝ber rassistische Vorf├Ąlle in der Vergangenheit Ihrer Gespr├Ąchspartner. Dabei geht es unter anderem um Alltagsrassismus, der nun wieder vermehrt auftritt in Deutschland. Wie nehmen Sie diesen Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft wahr?

Mir bereitet das Angst und Sorge. Es f├╝hlt sich nicht gut an. Ich bin selbst mal in den Neunzigern in eine rechte Demo geraten und wenn die ihre Parolen gr├Âlen, dann kann ich es einfach nicht glauben. Man hat dann sofort Bilder aus einer anderen Zeit vor Augen, die man nie wieder sehen will. Und ich finde es erschreckend. Man denkt immer: Warum seid ihr so? Aus Langeweile? Denkt ihr euch: "Jetzt w├Ąre es wieder an der Zeit, gegen Ausl├Ąnder zu sein"? Offensichtlich muss man dar├╝ber noch mehr sprechen und vielleicht auch mit diesen Menschen. Man muss ergr├╝nden, warum sie ihren Hass in sich tragen. Und vielleicht schafft der Podcast das, weil ich nicht mit der gro├čen Keule daherkomme.

Also werden Sie auch mit Nazis sprechen?

Das ist im Moment nicht geplant, ich finde nicht, dass Nazis gute Deutsche sind.

Hier geht es zu Linda Zervakis' neuem Podcast "Gute Deutsche": In der ersten Folge spricht Giovanni di Lorenzo ├╝ber den "Lehrer, der ihn hasste".

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Von Sebastian Berning, Nils K├Âgler
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