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"Westdeutsche zeigen gerne mit dem Finger auf die 'Ossis'"

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 04.10.2020Lesedauer: 3 Min.
"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht": Mark Waschke sucht als Ermittler Robert Karow nach Antworten – und auch privat stimmt den Schauspieler in Deutschland vieles nachdenklich.
"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht": Mark Waschke sucht als Ermittler Robert Karow nach Antworten – und auch privat stimmt den Schauspieler in Deutschland vieles nachdenklich. (Quelle: rbb/Stefan Erhard)
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Der "Tatort" am Sonntag nutzt das JubilĂ€um zur Wiedervereinigung, um in einem Krimi brisante politische Fragen zu verhandeln. Hauptdarsteller Mark Waschke brennt es auf der Seele, darĂŒber zu sprechen.

"Wir leben in einer angespannten, aggressiven Zeit", erklĂ€rt Mark Waschke am Telefon. Eigentlich wollten wir ĂŒber den neuen "Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht" sprechen, doch schnell kreist das GesprĂ€ch um die aktuelle politische Lage. Waschke ist sich sicher: "Vieles, was heute schieflĂ€uft, hat seinen Ursprung in der deutschen Geschichte."


Die "Tatort"-Teams im Überblick

SaarbrĂŒcken: Hauptkommissare Adam SchĂŒrk (gespielt von Daniel StrĂ€ĂŸer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) ermitteln zusammen seit 2019. Seit 2022 machen Hauptkommissare Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) das Team komplett.
MĂŒnchen: Hauptkommissare Ivo Batic (gespielt von Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) lösen die FĂ€lle seit 1991. Seit 2014 werden sie zusĂ€tzlich von Kommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) unterstĂŒtzt.
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In einem rund 40-minĂŒtigen Telefonat wirkt dieser Satz wie eine These, der Waschke seine Gedanken unterordnet. Der gebĂŒrtige Bochumer denkt immer wieder lange nach, wĂ€gt ab und formuliert komplexe, verschachtelte SĂ€tze. "Die KontinuitĂ€t des rechten Gedankenguts" in der deutschen Geschichte mache ihn nachdenklich. "In manchen Gegenden Deutschlands sind Nazis heute sehr aktiv und sie waren es auch schon, bevor die NSDAP an die Macht kam."

TatsĂ€chlich sprechen Wahlerfolge in Sachsen am 12. Mai 1929 dafĂŒr, dass der Siegeszug der NSDAP ausgerechnet in der Region seinen Anfang nahm, in der die AfD 2019 mit 27,5 Prozent zur zweitstĂ€rksten Kraft wurde. Die SalonfĂ€higkeit rechter Gesinnungen, die sich ĂŒber Generationen weitertrĂ€gt? FĂŒr Mark Waschke "ein Problem, das in der Keimzelle namens 'Familie' reift."

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Darum geht es im "Tatort"
"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht": Ein Berliner Bauunternehmer, der sich fĂŒr ein jĂŒdisches Dokumentationszentrum einsetzt, wird erschossen aufgefunden. Um seinen Hals hĂ€ngt ein Schild mit den Worten: "Ich war zu feige, fĂŒr Deutschland zu kĂ€mpfen". Vieles spricht fĂŒr einen rechtsradikalen Mordanschlag. Doch die "Tatort"-Kommissare, gespielt von Meret Becker und Mark Waschke, erwartet ein vertrackter Fall, der tief in die deutsche Nachkriegsgeschichte fĂŒhrt.

Der 48-JĂ€hrige finde es "faszinierend", wie sich Verhaltensweisen fortsetzen. "Das Private wird politisch", so wie es Michael Haneke 2009 in "Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte" bereits erzĂ€hlte. Die preußische Erziehung, so der Subtext, sei mitverantwortlich fĂŒr das, was spĂ€ter der Nationalsozialismus wurde. "Die KontinuitĂ€t im angstbestimmten Denken, dieser Wille zur Abgrenzung und diese BefĂŒrchtung, zu kurz gekommen zu sein, dieses Opfer-Denken, das hat in Deutschland Tradition", meint Waschke.

Waschke ĂŒber rechter Terror: "ein Desaster"

Dabei will er keinesfalls die Ostdeutschen zu Schuldigen erklÀren. Nazis und rechtsextreme Tendenzen seien in ganz Deutschland ein Problem: "Die Westdeutschen zeigen gerne mit dem Finger auf die 'Ossis' und vergessen dabei, wie viele Nazis es in ihren eigenen Reihen gibt. Ich sage nur: Dortmund Dorstfeld."

"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht": Robert Karow (Mark Waschke, li.) sucht Moritz Keller (Leonard Scheicher) beim Holocaust Mahnmal auf.
"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht": Robert Karow (Mark Waschke, li.) sucht Moritz Keller (Leonard Scheicher) beim Holocaust Mahnmal auf. (Quelle: rbb/Stefan Erhard)

Mark Waschkes Stimme ist die ganze Zeit ruhig, er spricht besonnen und ĂŒberlegt. Doch plötzlich redet er schnell und man spĂŒrt, dass ihn etwas aufregt: die Verharmlosung von rechter Gewalt. "Ich finde es ein Desaster, dass es in Deutschland trotz der NSU und mehr als 150 Todesopfern durch rechte Gewalt seit 1990 so lange gedauert hat, bis man von "rechter Terror" spricht."

"Deutschland hat noch sehr viel Nachholbedarf"

Nach Recherchen von "Tagesspiegel" und "Zeit Online" sind es zwischen 1990 und 2020 mindestens 187 Menschen gewesen, die von rechtsmotivierten GewalttĂ€tern getötet wurden. Waschke urteilt: "Bei linken Ausschreitungen ist man in Deutschland schnell und schreit: 'Linksterrorismus!'" Bei Rechtsradikalismus wĂŒrde dies "deutlich lĂ€nger dauern". Der gĂ€ngige Reflex in Deutschland, diese TĂ€ter als "krank oder verwirrt" einzustufen, sei falsch. "Das sind Nazis und die werden von einer Stimmung im Land angestachelt", so der "Tatort"-Schauspieler.

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Ihm sei es daher vor allem wichtig, mit dem Mythos aufzurĂ€umen, die Deutschen wĂ€ren Weltmeister in der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. "Deutschland hat noch sehr viel Nachholbedarf, was die BeschĂ€ftigung mit rechtem Terror anbelangt." Das Unheimliche am Nationalsozialismus unter Hitler sei fĂŒr ihn, dass es "keine Diktatur war, die von ein paar VerrĂŒckten geleitet wurde. Nein: Der Nationalsozialismus wurde von der Mehrheit der Deutschen mitgetragen."

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Den aktuellen "Tatort" des rbb finde er genau wegen dieser im Krimi verhandelten, brisanten Themen so spannend. "Ein paar Worte nach Mitternacht" ist tatsĂ€chlich kein klassischer "Whodunit"-Krimi, sondern eine verschachtelte Suche nach Schuld. Oder wie Mark Waschke es ausdrĂŒckt: "Ein Panorama einer Familie, das sehr viel ĂŒber die Gemengelage in unserer Gesellschaft erzĂ€hlt." Eine Gemengelage, die dem "Tatort"-Star offenbar große Sorgen bereitet.

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