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"Tatort"-Star Karin Hanczewski erlebte Übergriffigkeiten: "Das muss aufhören"

"Das muss aufhören"  

Wie "Tatort"-Star Karin Hanczewski Sexismus erlebte

Von Steven Sowa

23.11.2020, 15:58 Uhr
"Tatort"-Star Karin Hanczewski erlebte Übergriffigkeiten: "Das muss aufhören". Karin Hanczewski: Mit dem "Tatort" aus Dresden wurde sie einem breiten Publikum bekannt. (Quelle: imago images / Sven Ellger)

Karin Hanczewski: Mit dem "Tatort" aus Dresden wurde sie einem breiten Publikum bekannt. (Quelle: imago images / Sven Ellger)

Sie arbeitet seit gut zehn Jahren im Film- und Fernsehgeschäft. Als "Tatort"-Kommissarin Karin Gorniak gelang ihr der Durchbruch. Jetzt übt sie Kritik an männlichen Verhaltensmustern.

Karin Hanczewski hat die Seiten gewechselt. Sie ist nicht auf der Jagd nach Verbrechern, sie ist selbst zu einer Verbrecherin geworden. In ihrer neuesten Fernsehrolle als feministische Einbrecherin Lin in dem ZDF-Fernsehspiel "#heuldoch – Therapie wie noch nie" bringt sie Sexualstraftäter zur Weißglut – und bis an deren Belastungsgrenze.

Anlässlich dieses ungewöhnlichen Erzählstoffs hat Karin Hanczewski mit t-online über männliche Machtstrukturen und sexistische Verhaltensmuster am Filmset gesprochen. Die 38-Jährige erzählt: "Ich habe sexistische Sprüche in Form von 'Komplimenten' oder als Witz verpackt erlebt. Wenn man nicht darüber gelacht hat, galt man als humorlos oder prüde."

"Arbeit am Film setzt Vertrauen voraus"

Doch bei Verbalattacken bleibe es nicht immer. Hanczewski berichtet von offensiven Flirts, von Händen, die zu lange an unangemessenen Körperstellen liegen bleiben, und von einer Atmosphäre, bei der von einer professionellen Arbeitsumgebung nicht mehr die Rede sein kann: "Die Arbeit an einem Film ist intensiv und oft persönlich, das setzt Vertrauen voraus. Deshalb ist es schwierig, wenn sich da etwas vermischt und nicht auf rein professioneller Ebene bleibt."

Besonders schlimm sei es, wenn die Machtstrukturen im Filmgeschäft dazu beitragen, dass Männer sich ermutigt fühlen, Frauen zu bedrängen. Von einer Situation erzählt Hanczewski nur ungern, sie möchte nicht, dass der Name des Regisseurs veröffentlicht wird – auch weil ihr weitere Übergriffigkeiten des Mannes nicht bekannt seien. Wie sie berichtet, besuchte sie vor etwa neun Jahren ein ausländisches Filmfestival und begegnete einem deutschen Filmemacher, mit dem sie gemeinsam ins Kino ging. Dort kam er ihr unangenehm nahe. Als sie dies zurückwies, lachte er und meinte: "Ach, komm schon, wir können doch ein bisschen Spaß haben." Karin Hanczewski war damals noch eine junge, unbekannte Schauspielerin, der Regisseur sei deutlich älter gewesen als sie.

Hat die #MeToo-Bewegung nichts erreicht?

Angesichts solcher Vorfälle winkt die "Tatort"-Schauspielerin ab und meint, es gebe noch viel schlimmere Übergriffe. Sie sei froh, dass es bei ihr immer nur unangemessene Annäherungen und Flirts, aber nie eine gewalttätige Grenzüberschreitung gegeben habe. Und dennoch erklärt sie: "Diese männlich dominierten Machtstrukturen, die sexuellen Missbräuche: Das muss aufhören!"

Fast 70 Prozent der heute 16- bis 24-jährigen Frauen gaben in einer Anfang dieses Jahres veröffentlichten Studie an, bereits von Sexismus in Deutschland betroffen gewesen zu sein, in der Altersgruppe 25 bis 34 Jahre waren es 64 Prozent, bei den 35- bis 44-Jährigen noch 62 Prozent. Hat sich über drei Jahre nach der durch den Weinstein-Skandal in den USA ausgelösten #MeToo-Bewegung nichts an der Situation von Frauen geändert? 

"Ich finde es sehr wichtig, was die #MeToo-Debatte ins Rollen gebracht hat. Ich merke, dass sich am Set etwas verändert hat. Dass beispielsweise männliche Kollegen viel mehr darauf achten, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten. Es wurden auch Stellen eingerichtet, an die man sich im Falle von Belästigung und Übergriffen wenden kann", berichtet Karin Hanczewski.

Karin Hanczewski: In ihrem neuesten TV-Auftritt "#Heuldoch" für das ZDF spielt sie die feministische Einbrecherin Lin. (Quelle: Jeanne Degraa)Karin Hanczewski: In ihrem neuesten TV-Auftritt "#Heuldoch" für das ZDF spielt sie die feministische Einbrecherin Lin. (Quelle: Jeanne Degraa)

Sexistische Verhaltensweisen seien aber nicht auf das Arbeitsumfeld und schon gar nicht auf das Film- und Fernsehgeschäft beschränkt. "Sexismus gibt es nicht nur in der Filmbranche, sondern auch im Alltag. Zum Beispiel, wenn Männer sich beschweren, dass Frauen an sexistischen Kommentaren selbst schuld seien, weil sie sich sexy anziehen." Bei diesem Thema gerät Karin Hanczewski im Gespräch mit t-online sichtlich in Rage und meint: "Ich entscheide meine Kleidung danach, ob sie mir gefällt, nicht danach, ob dann Männer nicht mehr an sich halten können."

"#heuldoch": Als Lin therapiert Karin Hanczewski den sexistischen und arrogant-schnöseligen Julian, gespielt von Sebastian Brandes. (Quelle: ZDF/Robert Schittko)"#heuldoch": Als Lin therapiert Karin Hanczewski den sexistischen und arrogant-schnöseligen Julian, gespielt von Sebastian Brandes. (Quelle: ZDF/Robert Schittko)

Die Diskussion darüber, dass Männer und Frauen heutzutage nicht mehr miteinander flirten könnten, bezeichnet Hanczewski als "absurd". Der Ton mache die Musik und natürlich sei es aus ihrer Sicht vollkommen unproblematisch, zu flirten. Doch was die Arbeit angehe, müsse eine professionelle Distanz gewahrt werden. Denn so schön die von Hanczewski angesprochenen Veränderungen auch sind, sagt sie: "Es gibt auch heute noch Leute, die sexistische Witze machen und es nicht kapieren. Teilweise wird man als frigide oder humorlos abgetan, weil man über solche Anzüglichkeiten nicht lacht."

Das gehe der in Berlin aufgewachsenen Schauspielerin gehörig gegen den Strich. Zumal das alles nur Vorboten einer möglichen Eskalation sein können. Hanczewski, die in einem polnischen Elternhaus großgeworden ist, erinnert sich an ihre Erziehung: "Ich wurde so erzogen, dass ich immer auf mich aufpassen muss. Dass ich zum Beispiel nicht nachts allein durch den Park laufe." Mit einem Stoff wie "#heuldoch", das am Montag um 0 Uhr im ZDF gezeigt wird, möchte sie aufrütteln und weiter für das Thema sensibilisieren. Denn in Zukunft sollen Mädchen nicht mit der Angst aufwachsen müssen, dass jederzeit und überall eine männliche Gefahr auf sie warten könnte.

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