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"Ich hÀtte meinen Abschied gerne anders erzÀhlt"
Bereits seit drei Jahren ist bekannt, dass Meret Becker den Berliner "Tatort" verlĂ€sst. Sie selbst hĂ€tte sich das anders gewĂŒnscht, wie sie jetzt im Interview mit t-online verrĂ€t.
Seit 2015 spielt Meret Becker die Kriminalhauptkommissarin Nina Rubin an der Seite ihres Kollegen Robert Karow (Mark Waschke). Doch nach insgesamt 15 Episoden fĂŒr das Berliner "Tatort"-Team ist nun Schluss. "Das MĂ€dchen, das allein nach Haus' geht" ist Meret Beckers letzter Film. Waschke macht kĂŒnftig mit Corinna Harfouch als Ermittlerduo in der Hauptstadt weiter.
Bei t-online spricht Meret Becker ĂŒber ihren Abschied, warum dabei nicht alles so abgelaufen ist, wie sie es sich gewĂŒnscht hatte und wie der "Tatort" sie blockierte, aber auch bereicherte.
t-online: Sieben Jahre "Tatort": HÀtten Sie sich so eine lange Zeit beim Sonntagskrimi zu Beginn Ihres Engagements vorstellen können?
Meret Becker: Anfangs nicht, nein. Es gab zu Beginn einen Punkt, an dem dachte ich: "Okay das habe ich jetzt ausprobiert, jetzt gehe ich wieder". Und dann reifte in mir doch irgendwann die Erkenntnis, dass das ein Langzeitformat ist. Ich habe begriffen, dass ich das in ganzer Konsequenz ausfĂŒllen muss. Das habe ich gemacht und hĂ€tte mir jetzt sogar neun Jahre statt sieben Jahre vorstellen können.
Warum gehen Sie dann?
Ich habe einfach gespĂŒrt, dass ich all meine Projekte und Leidenschaften nicht mehr unter einen Hut kriege. Es steckt doch sehr viel Herzblut in diesen 90-minĂŒtigen Krimis und dafĂŒr muss man immer wieder eine Menge Arbeit investieren. Das war sieben Jahre lang okay, aber wenn die Maschine immer kurz nach Beendigung eines Films wieder losrattert, bleibt wenig Zeit fĂŒr anderes. "Tatort"-Hauptdarstellerin zu sein, bedeutet nicht, zweimal sechs Wochen im Jahr daran zu arbeiten. Ich persönlich war viel lĂ€nger damit beschĂ€ftigt, vor allem gedanklich.
Weil Sie Ihre Figurenentwicklung auch persönlich vorangetrieben haben?
Das spielt eine wesentliche Rolle, ja. Aber auch der normale Ablauf war fĂŒr mich ein Problem. So ein Drehbuch kommt irgendwann in der ersten Fassung bei mir an. Dann lese ich es und schon kommt die nĂ€chste Fassung. Ich brauche lange zum Lesen, denn ich habe eine LeseschwĂ€che. FĂŒr mich war das wie ein permanentes Rauschen, das bei mir im Hinterkopf KapazitĂ€ten blockierte. Wenn man an Sachen schreibt, so wie ich, dann ist das schwierig, weil man nie den Kopf frei hat.
In Ihrer AbschiedserklĂ€rung sagten Sie als BegrĂŒndung fĂŒr Ihren Abschied: "Ich bin ein Streuner." Und in einem Interview meinten Sie einige Zeit spĂ€ter, man werde beim "Tatort" auch "an die Leine genommen". Bei all den Metaphern drĂ€ngt sich die Frage auf: FĂŒhren Sie ein Hundeleben?
Nein, Quatsch. Das sind Wörter, die haut man so raus und dann hÀngen sie einem nach. "Streuner" fiel mir einfach ein, so etwas sprudelt spontan ohne Hintergedanken aus mir heraus.
Wie wĂŒrden Sie sich denn selbst charakterisieren?
In mir wohnt auf jeden Fall ein Nomade, dieses Rastlose ist mein Naturell. Dennoch brauche ich ein Nest, ich bin ein Sammler und habe lauter Blödsinn zu Hause. Aber bis auf den Krempel hÀlt mich wenig. Ich könnte jederzeit meinen Koffer packen und durch die Welt reisen.
Also passt so etwas wie die "Leine", um darauf zurĂŒckzukommen, nicht zu Ihnen? Sie wollen ungebunden sein und deshalb ist der "Tatort" nun nichts mehr fĂŒr Sie?
Wenn man es positiv besetzen will, kann man auch sagen: Der Tatort ist ein Anker â und er bringt Sicherheiten. Aber natĂŒrlich ist er fĂŒr mich persönlich auch eine FuĂfessel oder Leine, wie auch immer man es nennen will. Es hĂ€lt einen immer davon zurĂŒck, im Fluss weiterzuflieĂen.
Bereuen Sie den Schritt in den "Tatort"-Kosmos rĂŒckblickend?
Nein, ich habe wahnsinnig viel gelernt in dieser Zeit. AuĂerdem gehört der "Tatort" ja in Deutschland auch irgendwie zum Kulturgut. Ich habe es gemacht, um es gemacht zu haben und es tatsĂ€chlich kennenzulernen. Aber es war nicht immer leicht.
Was genau war denn noch schwer bis auf die von Ihnen beschriebenen Drehbuch-Querelen?
"Tatort" bedeutet, sich mit ganz vielen Leuten auseinanderzusetzen. Wir hatten immer wechselnde Teams und Mark (Anm. d. Red.: Mark Waschke) und ich waren neben der Redaktion des rbb die einzigen Konstanten. Jedes Mal aufs Neue seinen Standpunkt klarzumachen, seine Rolle zu erklÀren, das ist eine VertrauenserklÀrung an einen, aber auch eine Aufgabe, die manchmal schwer wiegt. Aber es gehört eben dazu.
Gab es Dinge, bei denen Sie sich nie durchsetzen konnten? Geschichten, die Sie nie erzÀhlen durften?
Es gibt bestimmte Dinge, die hĂ€tte ich gerne erzĂ€hlt, klar. Es gibt einfach ein paar Bilder oder bestimmte Situationen, die hĂ€tte ich mir gewĂŒnscht, um diese Rolle zu erzĂ€hlen oder klarer zu definieren. Aber darauf zu warten ist mĂŒĂig. Zur Wahrheit gehört auch: An vielen kleinen Stellen ist es gelungen, die Figur Nina Rubin interessant zu gestalten. Ich bin ja nicht der Bestimmer. Das ist auch eines der Dinge, die man bei dieser Arbeit lernt, sich auf Kompromisse zu einigen.
Sie haben in Ihrer Schauspielkarriere schon zig unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Nehmen wir nur mal Ihren Auftritt als Diva Esther Kasabian in der dritten Staffel "Babylon Berlin". Ist die Arbeit an einer solchen High-End-Serie komplett anders als beim "Tatort"?
Ja, der "Babylon Berlin"-Dreh ist ein gutes Beispiel. Da stand ich am Set und hatte die Idee: WĂ€re doch cool, wenn ich jetzt in die Luft schieĂen wĂŒrde. Und dann hat Tom Tykwer, der sowohl als Regisseur als auch Produzent verantwortlich ist, zu mir gesagt: "So ein Schuss kostet aber, warte mal âŠ". Also wollte ich sofort einen Kompromiss vorschlagen und meinte, ich könnte ja auch nur die Waffe ziehen. Aber nichts da. "Nein, das ist doch geil, in die Luft zu schieĂen, das machen wir", hieĂ es plötzlich. Tom (Anm. d. Red.: Tom Tykwer) war Feuer und Flamme. Das ist zum Beispiel ein klarer Unterschied. Tom ist halt ein ganz anderer Typ Filmemacher. Mit ihm drehst du an einem Tag so viel, wie du normalerweise in zwei Wochen drehst und er freut sich ĂŒber jeden Moment wie ein Kind.
Klingt allerdings auch sehr anstrengend.
Mag sein, aber nach so einem Wahnsinnstag steht Tom da und sagt: "Ist das nicht schön, dass wir das machen dĂŒrfen?". Das ist halt sensationell. So etwas habe ich mit Mark, aber das habe ich zwangslĂ€ufig nicht mit den Leuten vom "Tatort".
Auch nicht bei Ihrem letzten "Tatort"-Dreh?
Nein. Es gab zwar schon den ein oder anderen Moment, aber es war ein viel rationalerer Vorgang.
Kommen wir auf die EmotionalitÀt zu sprechen. Hat Sie etwas an Ihrem letzten Drehtag sehr bewegt?
Der Umstand, dass es danach vorbei ist.
Mehr nicht?
NatĂŒrlich kommt auch die Situation dazu. Das war auf einem kalten Flugfeld morgens nach vielen Ăberstunden. Ich stand da im nassen SommerkostĂŒm weit unter null Grad mehrere Stunden, das hinterlĂ€sst alles Spuren. Und dann mischen sich EmotionalitĂ€t und Physis zu einem ĂŒberwĂ€ltigenden GefĂŒhl.
Dabei wussten Sie schon sehr lange, dass Sie aufhören werden. Ihr Abschied wurde bereits 2019 verkĂŒndet.
Der Sender hat argumentiert, dass es sonst zu schnell durchsickere und sie mĂŒssten ja casten und ĂŒberlegen, wer in meine FuĂstapfen tritt.
Zuletzt ist es bei Anna Schudt im Dortmunder "Tatort" gelungen, den Abschied geheim zu halten. Sender, Produktion, Presse: Alle haben dichtgehalten aus Respekt vor der Entscheidung und um nicht zu spoilern.
Ja, das ĂŒberrascht mich. Ich hĂ€tte meinen Abschied auch gerne im Film erzĂ€hlt, weil ich das spannender finde. Aber so ist das halt. Ich bin ein Spieler, aber der Sender und die Produktionen mĂŒssen die Verantwortung tragen.
Sind Sie dennoch zufrieden mit dem Ende, das nun fĂŒr Ihren "Tatort"-Abschied geschrieben wurde?
Ich hatte mir ein Ende gewĂŒnscht, das ich einem Roman entlehnen wollte, eine Szene, die ich ganz, ganz toll fand, weil sie so ĂŒberraschend war. Aber in diesem Fall ist es anders geschrieben worden und ich fand, das hatte so etwas Leises. Das gefiel mir, also habe ich eingewilligt.
Was werden Sie am "Tatort" vermissen?
Mark ist das, was ich vermissen werde. Ich habe ein Hashtag erfunden, der heiĂt: "Ichmagmark".